14.12.17

Was kann ich Ihnen Gutes tun?

Denkanstoß Dezember 2017 von Pfarrerin Cornelia Krause, Citykirche Esslingen und Evang. Stadtkirchengemeinde Südkirche

Was kann ich Ihnen Gutes tun? Ich staunte über diese großzügige Frage an die Kundin vor mir. Denn ich wollte doch nur ein paar Brezeln kaufen. Gleich würde ich an die Reihe kommen. Und Tatsache, der Bäckerei-Fachverkäufer hatte für mich dieselbe Frage parat. Leicht verlegen erledigte ich meinen Einkauf. Mir wären da schon noch andere Ideen gekommen: ein warmes Fußbad gegen die kalten, verfrorenen Füße. Eine Nackenmassage gegen die Spannungskopfschmerzen. Das würde mir guttun. Am besten ganz umsonst. Aber ich wollte ihn nicht verwirren.

Dann sitze ich mit den Brezeln am Tisch und entdecke, dass die Bäckertüte mir himmlischen Genuss verheißt. Na denn! Wir sind es ja in der Weihnachtszeit gewöhnt, dass die Werbung den Himmel auf Erden verspricht. Und vielleicht kann so eine Brezel, die ich hungrig und dankbar esse, wirklich ein himmlischer Genuss sein? Aber mir ist dieser Himmel zu klein. Ich möchte einen Himmel mit Gerechtigkeit. Mit Liebe für alle. Mit Trost. Mit Frieden.

Die Weihnachtssaison ist in vollem Gange! erzählt mir eine headline. Sie besteht, wenn ich die Bilder so betrachte, aus geschmackvoll arrangierten Zweigen und Früchten, Kerzen und Bändern, rot, orange und grün, gold und weiß; Wärme-, Natur- und Lichtfarben. Meine Freundin hat bestimmt bereits dekoriert, superschön wie immer. Aber Weihnachten ist mehr als eine Saison. Ich möchte an Weihnachten feiern, dass Gott in die Welt kommt. Und auch darüber ins Nachdenken kommen, wie das denn um Himmels willen gehen kann.

Manche Verneblungen unserer Sprache führen uns in ein seichtes Fahrwasser. Es ist schön, sich blumig auszudrücken, Dinge auch mal zu überhöhen und sie dadurch leichter und größer zu machen. Aber Worte, die die Wirklichkeit schönreden, verschleiern sie auch. Und unbemerkt verschiebt sich die Bedeutung. Weihnachten war doch mal mehr als eine Wohlfühljahreszeit. Der Himmel war mehr als ein Genuss beim Essen. Wir sollten uns ihre Bedeutung zurückerobern.

Das Paradies, noch so ein schönes religiöses Wort! Unzählige Male habe ich im vergangenen Jahr davon gelesen, wenn über die Paradise Papers berichtet wurde. Das Paradies ist hochpositiv besetzt. Steuern sind belastend und negativ. Im Steuerparadies werden wir frei davon. Da müssen wir alle hin, oder? Sollen doch die Gelder für Schulen, Straßen, Theater und Kindertagesstätten woanders herkommen. Und so geht verloren, dass das Wort Steuerparadies ein Tarnwort ist für – ja, für was eigentlich? Da fehlt mir das Wort! Für ein Steuerlager, ein Steuerversteck, einen straffreien Steuerhinterziehungsort? Das Kriminelle an der Steuerhinterziehung wird mit dem schönen Wort Paradies verbrämt und geht fast unter. Und Steuerzahler erscheinen als solche, die sich außerhalb des Paradieses befinden. Wir sollten aufhorchen.

An Weihnachten sind wir sprachempfindlich. Und das ist gut so. Denn auch in der Kirche, wenn mit großen hohen Worten an Weihnachten von Liebe für alle, von Trost, Frieden und Menschlichkeit gepredigt wird, haben wir unsere Zweifel. Es tut weh, wenn von Liebe die Rede ist, aber man spürt sie nicht.

Doch inzwischen hat sich etwas verändert. Die großen hohen Worte sind nun auch da anzutreffen, wo es ums Geld geht. Sie eignen sich bestens für die Aufwertung von Produkten. Sie verbinden den Himmel und die Erde – aber manchmal nur durch die bare Münze. Alles nur Fassade, schöne Worte, nichts dahinter, dachten wir manchmal in der Kirche. Aber jetzt stehen die Fassaden woanders. Und eigentlich haben wir doch immer noch die Sehnsucht, hinter den Fassaden echte Räume des Lebens zu entdecken.

Wenn der Engel Gottes in der Weihnachtsgeschichte erscheint, bringt er Klarheit. Es heißt: Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, zu den Hirten auf dem Feld, in der Nacht, und die Klarheit des HERRN leuchtete um sie. Das gefällt mir. Das können wir brauchen. Auch in unserer Sprache sollten wir, gerade an Weihnachten, nach dieser Klarheit suchen. Damit wir wieder erfahren, dass Christus es ist, von dem das alte Weihnachtslied dichtet: „Heut schleußt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis“. Damit wir nicht vergessen, was Weihnachten ist. Damit wir uns daran erinnern, wie wir unser Bedürfnis ausleben können, jemandem mit all unserer Kraft, unserem Geld, unserer Energie etwas wirklich Gutes zu tun. Ganz umsonst.