23.11.17

Laubbläser und andere Zeitkiller

Denkanstoß November 2017 von Pfarrer Christoph Schweizer, Evang. Kirchengemeinde St. Bernhardt zum Hohenkreuz in Esslingen.

Ein Bekannter von mir postet zur Zeit täglich Fotos aus dem Urlaub in Mexiko. Live. Er ist gerade da und genießt frühlingshaftes Wetter in herrlicher Landschaft. Während unsereins bei fünf Grad und Novemberniesel bibbert und von Termin zu Termin, von Aufgabe zu Aufgabe hechelt.
Klar beneide ich den Bekannten! Jetzt nochmal ganz weit weg, in den Süden, ins Warme und Helle… Aber hilft ja nichts. Es ist Herbst. Die Sommerurlaubsgelassenheit ist längst vorbei. So vieles muss erledigt werden. Nur noch vier Wochen bis Weihnachten. Keine Zeit. Genau dieses Gefühl beschleicht mich oft: Ich habe keine Zeit. Und wenn ich mich umhöre, bin ich mit dem Gefühl nicht allein.

Aber stimmt es eigentlich? Es ist doch verrückt. Wir haben die tollsten Geräte und Werkzeuge, mit denen wir Zeit sparen. Laute Laubbläser statt altmodischen Besen zum Beispiel. Oder das Auto. Wir legen darin heutzutage in einer halben Stunde Strecken zurück, die früher Tagreisen waren. Wir schreiben unsere Briefe nicht mehr von Hand und stecken sie umständlich in den Umschlag. Wir hauen in wenigen Sekunden eine E-Mail in die Tastatur oder eine WhatsApp-Nachricht ins Handy.

Aber was fangen wir mit der gewonnenen Zeit an? Ja, genau: statt eines Briefes schreiben wir jetzt 50 Mails am Tag, viele davon mit Verteiler, sodass am Ende eine Handvoll Leute damit beschäftigt ist, die vervielfältigte Mail zu lesen. Und mit dem Auto fahren wir täglich 30 Kilometer zur Arbeit hin und zurück – und stehen dabei die meiste Zeit im Stau, gemeinsam mit all den anderen, denen es genauso geht. Beeindruckend effektiv, oder? Ökonomen haben ausgerechnet: Durchschnittlich sieben Wochen des Jahres verbringen wir damit, genau das Geld zu verdienen, das die Autofahrerei uns im Jahr kostet.
Sind wir eigentlich total verrückt? Wir könnten alle Zeit der Welt haben – und haben „keine Zeit“. Was läuft da falsch?

Vielleicht liegt es ja daran, dass wir, was Instinkt und Gefühl angeht, immer noch mit der Ausstattung eines Steinzeitmenschen unterwegs sind, nur eben jetzt versehen mit Laubbläser, Auto und Smartphone.

Das Fatale daran: Oft gaukeln uns unsere schnellen Gerätschaften Schnelligkeit und Effizienz nur vor. Aber tief im Inneren sind wir unzufrieden, weil uns der Kontakt zu den Dingen, zu den Menschen und zu uns selbst abhandenkommt. Wir sind immer schnell und digital – und kommen nur noch oberflächlich in Berührung. Bevor das Lächeln oder auch die Traurigkeit des Gegenübers in uns eine Resonanz auslöst, sind wir schon weiter. Oder tippen eine Nachricht ins Smartphone.

Vielleicht würde es uns helfen, mal wieder einen Tick langsamer zu machen. Schritt für Schritt. Und den einzelnen Schritten nachspüren und das Lächeln des Gegenübers wahrnehmen.
Habe ich wirklich keine Zeit? Oder nur falsche Prioritäten? Geht die Welt wirklich unter, wenn ich mal eine Stunde früher im Büro Schluss mache und mit meinen Kindern spiele? Es lohnt sich, das auszuprobieren. Vielleicht bleibt Arbeit liegen. Aber vielleicht mache ich sie am nächsten Tag mit neuem Schwung und hatte obendrein noch Zeit mit meinen Lieben.

Und übrigens: auch beim Pause machen und Genießen ist weniger mehr. Ich muss nicht übers Wochenende ins Allgäu flitzen. Letzten Sonntag sind wir, gerahmt vom schönsten Herbstlaub, durch die Weinberge der Neckarhalde gewandert und haben die Esslinger Frauenkirche erkundet. Wir haben mal wieder kapiert: Hier, in nächster Nähe, gibt es so viel zu entdecken und zu genießen.

In den nächsten Wochen haben wir Mitteleuropäer mal wieder reichlich Gelegenheit, uns stressen zu lassen. Wir haben aber auch Gelegenheit dazu, das Zeithaben wieder zu üben. Die Adventszeit steht vor der Tür. Und ihr Sinn ist nicht allein, von Vereins- zu Betriebsweihnachtsfeier zu hetzen, gestresst Geschenke zu besorgen und das tollste Weihnachten aller Zeiten vorzubereiten. Ihr Sinn besteht vielmehr darin, drei bis vier Wochen Zeit ganz bewusst wahrzunehmen. Deshalb der alte Brauch mit dem Adventskranz und den Kerzen (eine nach der andern…), deshalb der Adventskalender mit seinen 24 Türchen. Sich Zeit zu nehmen – oder besser noch: sich Zeit schenken zu lassen kann man üben. Jetzt wäre die passende Gelegenheit.

Ich wünsche Ihnen eine gute Zeit!