10.01.18

Denkanstoß

Denkanstoß Januar 2018 von Pfarrer Stefan Möhler, Katholische Gesamtkirchengemeinde Esslingen.

Danken lohnt sich – nicht nur zur Weihnachtszeit

Nun liegt sie hinter uns, die Weihnachtszeit, und damit die Hochsaison für das Schenken – und für das Danken. Wer freut sich nicht, wenn er für sein sorgfältig ausgewähltes Geschenk Dank erntet. Der Beschenkte weiß die Gabe zu schätzen, heißt das, und damit den Geber. Fällt der Dank aus, ist die Enttäuschung nicht weit und die freudige Stimmung dahin. Das will keiner. Und so lehren auch heute wie eh und je Eltern ihre Kinder: Sag auch schön danke! Seltsam, dass die Kinder – und dann auch die Großen – dies auf Aufforderung hin selten mit Freude tun. Da ist der Dank dann eben nicht Ausdruck spontaner Freude, sondern Gebot der Höflichkeit, Zeichen für gute Erziehung. Der Dank wird so etwas wie eine immaterielle Währung, mit der ein wertvolles Geschenk angemessen vergütet wird. Natürlich ist es sinnvoll, die Aufmerksamkeit dafür zu schulen, wann und wo ein Dankwort angebracht ist. Aber wenn das Danken damit den moralisch- spießigen Beigeschmack einer ungeliebten Pflicht erhält, geht etwas sehr Wichtiges verloren.

Denn Danken macht glücklich! Wohlgemerkt: Den Dankenden macht es glücklich. Wer in der Grundhaltung der Dankbarkeit lebt, weiß, dass die eigenen Leistungen, so wichtig sie sind, immer nur ein Teil dessen sind, was das Leben ausmacht. Vieles, oft genug Wichtigeres, ist mir geschenkt: Leben, Gesundheit, Verstand, Eltern und Herkunftsfamilie, Leben in einem friedlichen Land, Ausbildung und berufliche Chancen, bezahlbare medizinische Hilfe bei Krankheit, Menschen, die mich lieben… All das kann ich nicht kaufen, nicht selbst herstellen, nicht bezahlen. Es wird mir geschenkt! Sind das nicht unglaublich viele Gründe zum Glücklichsein?

Natürlich, das sind keine perfekten Geschenke: Andere haben eine harmonischere Familie, erfolgreichere Kinder, die bessere Arbeitsstelle, sind reicher oder gesünder. Und hier beginnt die Lebenskunst: In einem Leben, zu dem immer Gutes und Schlechtes gehört, gilt es wahrzunehmen, dass da viel zu danken ist. Wie jede Kunst muss auch das Danken geübt werden, denn wir Menschen neigen dazu, den schlechten, belastenden Dingen mehr Aufmerksamkeit zu schenken als den guten. Sie nehmen wir allzu gern als selbstverständlich hin.  

Wie aber übt man Danken? Eine gute Schule ist ein abendlicher Dankes- Rückblick: ein paar Augenblicke vor dem Schlafengehen, in denen ich mich frage: Für welche beiden Dinge möchte ich heute danken? Das ist von Tag zu Tag verschieden: Manchmal drängen sich die Gründe auf, da sind es überwältigende Geschenke, die uns widerfahren und dankbar machen. An anderen Tagen muss man suchen. Vielleicht sind es auch nur Kleinigkeiten: Trotz Kopfwehs die tägliche Arbeit geschafft. Die warme Heizung an einem kalten Tag. Ein schönes Abendrot. Aber auch solche Dinge machen einen Tag lebenswert und zu einem guten Tag – trotz allem. Und sind Grund genug zu danken. Es lohnt sich, eine Zeitlang ein Dank- Tagebuch zu führen: die beiden Dinge, für die ich danke, Tag für Tag aufzuschreiben. Dann habe ich es schwarz auf weiß: Es gibt tatsächlich jeden Tag etwas zu danken.

Danken macht glücklich: Ja, wer so sein Leben ansieht, ist glücklicher, zufriedener, kann die unangenehmen Aufgaben leichter tragen, kann die großen und kleinen Freuden mehr schätzen. Und kann aufmerksamer wahrnehmen, wie viel im Leben er den Mitmenschen verdankt – nicht nur an Weihnachten. Und wenn es gelingt, ihnen das dann auch noch zu sagen – nicht aus Höflichkeit, sondern aus Überzeugung – dann macht das Danken sogar zwei Menschen glücklich. Mindestens.