Seit 100 Tagen ist Bernd Weißenborn Dekan des Evangelischen Kirchenbezirks Esslingen. Noch immer steckt der 50-Jährige in einer intensiven Zeit des Kennenlernens und Einarbeitens. Als Dekan ist er Vorgesetzter von knapp 60 Pfarrerinnen und Pfarrern und leitet gemeinsam mit der Bezirkssynode den Kirchenbezirk mit insgesamt rund 800 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Zugleich ist Bernd Weißenborn Pfarrer der Stadt- und Frauenkirchengemeinde. Im Interview mit Peter Schaal-Ahlers und Ulrike Rapp-Hirrlinger erzählt er über den Start im neuen Amt.
Wie haben Sie den Kirchenbezirk Esslingen in Ihren ersten 100 Tagen im Amt erlebt?
Bernd Weißenborn: Die ersten 100 Tage haben mir viel Freude bereitet und waren zugleich sehr anstrengend. Ich war oft unterwegs, um den Kirchenbezirk kennenzulernen. Den ganzen Kirchenbezirk kenne ich natürlich noch nicht, sondern bin noch am Tasten und Suchen. Ich versuche ein Gespür zu bekommen für die Gemeinden und den Kirchenbezirk als Ganzes. Spannend finde ich seine Vielfalt mit den teils städtischen, teils ländlichen Strukturen und sehr beeindruckend ist für mich auch die starke diakonische Prägung. Immer wieder bin ich überrascht, wie viele Menschen sich für die Kirche einsetzen. All dies hat meine Freude am Amt des Dekans noch größer gemacht. Die ersten 100 Tage waren eine erfüllte Zeit, in der mir viel Freundlichkeit, Vertrauen und Offenheit entgegengebracht wurde – von den Kolleginnen und Kollegen ebenso wie von haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeitern, aber auch von öffentlichen Gesprächspartnern. Ich merke, dass sich viel Erwartung mit dem Amt verbindet und dass ihm eine große Würde beigemessen wird. Das hätte ich so nicht erwartet.
Was sind Ihre ersten Eindrücke von der Stadt Esslingen?
Bernd Weißenborn: Esslingen ist eine liebenswürdige und quirlige Stadt, die viel Selbstbewusstsein ausstrahlt. Meine Familie und ich genießen es, dass hier so viel los ist. Wir haben das Gefühl, dass man hier sehr gut leben kann. Dieses städtische Sozialgefüge ist eine ganz neue Erfahrung. Beeindruckend sind für mich auch die Stadtkirche und die Frauenkirche - und zu erleben, wie die Menschen an ihren Kirchen hängen.
Wo unterscheidet sich Ihre neue Aufgabe als Dekan am stärksten von Ihrer vorherigen Aufgabe als Gemeindepfarrer in Metzingen?
Bernd Weißenborn: In Metzingen lag der Fokus auf der Gemeinde. Hier muss ich die Gesamtheit der Gemeinden im Blick haben und in der Fläche präsent sein. Weil ich aber auch als Gemeindepfarrer der Stadt- und Frauenkirchengemeinde gefragt bin, ist es gut, die Erfahrungen aus der Gemeinde mitzubringen. Der Verwaltungsaufwand ist größer und die Personalfragen haben eine ganz andere Dimension. Die Verantwortung, die ich nun habe, ist einfach größer. Neu ist für mich auch, komplexe Prozesse und Projekte wie etwa das Familienzentrum in der Esslinger Gartenstadt zu begleiten. Ein Riesenschwerpunkt, der mich mehr fordert, als ich erwartet hätte, ist auch die Kindergartenarbeit und die Fragen rund um das geplante Hospizhaus. Eine Herausforderung ist, sich zu den vielfältigen Fragen schnell eine Meinung zu bilden und dann die richtigen Entscheidungen zu treffen. Ich bin sehr dankbar, dass ich dabei von meinen Mitarbeitern und Kollegen gut begleitet und unterstützt werde.
Welche Erfahrungen bzw. Fähigkeiten, die Sie mitbrachten, waren Ihnen bisher am hilfreichsten?
Bernd Weißenborn: Das klassische Gemeindepfarramt hat mich gut vorbereitet – die diakonischen und seelsorgerlichen Erfahrungen, die Zusammenarbeit mit Kollegen, Mitarbeitern, und Ehrenamtlichen.
Wo müssen Sie noch dazulernen?
Bernd Weißenborn: Den Blick für die Gesamtheit der Gemeinden zu finden, geht nicht von heute auf morgen. Deshalb gehe ich gerne zu den Menschen hin und fahre wenn möglich hinaus in die Gemeinden, um mir vor Ort ein Bild zu machen.
Was vermissen Sie im neuen Amt im Vergleich zu Metzingen?
Bernd Weißenborn: Bei aller Freude über die neue Aufgabe fehlt mir ein bisschen die Abgeschlossenheit einer Gemeinde. Ich vermisse meine Schule, denn Religionsunterricht habe ich immer gerne gehalten. Als Familie fehlen uns Menschen aus Metzingen und der vertraute Ort.
Ist es Ihnen gelungen, sich freie Zeiten in Ihrem Alltag zu bewahren?
Bernd Weißenborn: Es ist zwar schwierig, sich in dieser turbulenten Anfangsphase Zeiten herauszuschneiden. Ich versuche mir den Freitagnachmittag von offiziellen Terminen freizuhalten – auch für den Sport. Ich muss nicht sieben Tage in der Woche präsent sein. Der liebe Gott hatte auch einen Ruhetag. Es ist wichtig, sich Zeiten der Erholung und der Familie zu erhalten. Davon profitieren auch andere Menschen.
Die Kirche muss sparen. Darum wird auch darüber nachgedacht, sich von Gebäuden zu trennen. Das ist für viele Menschen bitter. Werden Sie als Dekan auch harte Entscheidungen gutheißen?
Bernd Weißenborn: Ja, wenn ich davon überzeugt bin, dass sie uns weiterbringen und Luft verschaffen. Solche Entscheidungen müssen gut vorbereitet und kommuniziert werden. Nur dann können viele sie mittragen. Ich bin überzeugt, dass harte Entscheidungen kommen werden.
Die Evangelische Kirche wird wohl auch in den kommenden Jahren weiter Mitglieder verlieren. Gleichzeitig spricht man von einer „wachsenden Kirche“. Ist das für Sie ein Widerspruch?
Bernd Weißenborn: Ich will mich durch eine solche Entwicklung nicht entmutigen lassen. Wir haben gute Beispiele von Menschen, die sich einbringen und eine überzeugende Verkündigung haben. Da kann dann auch in einer kleiner werdenden Kirche wieder neu etwas wachsen, neue Kräfte können sich entfalten. Es sind ja nicht nur die Mitgliederzahlen wichtig, sondern dass Glaube auch gelebt wird. Dass Menschen sich ihrer von Gott gegebenen Verantwortung für die Welt bewusst werden. Es ist meine Aufgabe als Dekan, den Blick zu wenden, auf das, was sich auch an Gutem und Neuem entwickelt, damit wir nicht nur an den Zahlen hängen bleiben und dann möglicherweise resignieren. Ich habe viel Hoffnung für unsere Kirche und keine Angst vor Schrumpfungsprozessen. Schließlich stehen doch in der Mitte unseres Glaubens “Worte des Lebens". Die werden sich durchsetzen.
Man hat in den vergangenen Monaten den Eindruck, dass in unserem Land das „Rücktrittsfieber“ ausgebrochen ist. Wie erklären Sie sich diese Fülle von Rücktritten?
Bernd Weißenborn: Es gibt sicher immer persönliche Gründe, die ich nicht beurteilen kann. Aber die Signale, die dadurch in die Gesellschaft gesendet werden, sind nicht so gut. Man redet viel von Engagement und Verlässlichkeit und dann geht jemand einfach. Die Gesellschaft lebt davon, dass Menschen ihre Aufgaben verlässlich erfüllen. Zugleich kann die Zahl der Rücktritte auch ein Warnsignal sein, dass Menschen, die einen hohen Erwartungsdruck durch die Gesellschaft haben, wie zum Beispiel Politiker, überfordert sind.