31.07.2012
Konzentration kann auch Chance sein
3,25 der derzeit 39 Pfarrstellen im Evangelischen Kirchenbezirk Esslingen fallen bis 2018 weg. Das sind 8,3 Prozent. Diese Reduzierung sieht der Pfarrplan der Evangelischen Landeskirche in Württemberg vor. Landeskirchenweit werden 87 Pfarrstellen gestrichen. Das Dekanat Esslingen treffe es besonders hart, sagt Dekan Bernd Weißenborn. „Das wird richtig weh tun und es wird nicht einfach sein, diese Einschnitte zu verkraften.“
Hintergrund der Pfarrstellenreduzierung sind die sinkenden Zahlen von Kirchenmitgliedern. 8000 hat der Kirchenbezirk in den letzten zehn Jahren verloren. 62700 Evangelische sind es derzeit noch in den 25 Kirchengemeinden. Landeskirchenweit gibt es gut 2,2 Millionen Evangelische. 40 Pfarrerinnen und Pfarrer tun ihren Dienst in den Kirchengemeinden des Esslinger Kirchenbezirks, sechs haben Sonderpfarrämter inne.
Seit Monaten macht sich eine 13-köpfige Arbeitsgruppe Gedanken, wo die Kürzungen vorgenommen werden sollen. Auch die Kirchengemeinden wurden intensiv in die Überlegungen einbezogen. Jetzt schon ist klar, dass Oberesslingen, Zell, Plochingen und Denkendorf, aber auch die südlichen Stadtteile Esslingens betroffen sein werden. In der Diskussion sind auch Anteile an den Sonderpfarrämtern.
Entscheidungen im Herbst 2012 und Frühjahr 2013
Eine endgültige Entscheidung soll in der Bezirkssynode im Herbst fallen. Vorher will man die Argumente und Vorschläge der Kirchengemeinden nochmals diskutieren und in die Planungen einfließen lassen. „Ich bin sehr dankbar, dass die Kirchengemeinden bei aller Betroffenheit sehr konstruktiv mitarbeiten. Es herrscht ein guter solidarischer Geist.“ Im Frühjahr wird die Synode der Landeskirche über den Pfarrplan als Ganzes entscheiden.
Arbeit muss zu bewältigen sein
Kriterium bei den Kürzungen war vor allem die Zahl der Gemeindemitglieder. „Wir wollen vergleichbare Gemeindegrößen, aber auch auf Besonderheiten in den Gemeinden Rücksicht nehmen“, sagt Weißenborn. Die Pfarrstellen müssten so zugeschnitten sein, dass sich Bewerber finden. Außerdem müsse die Arbeit zu bewältigen sein. 75-Prozent-Stellen etwa seien kaum zu besetzen. „Sie haben die Tendenz zu einer vollen Stelle, da können sich Pfarrer oft schwerer abgrenzen als bei einer halben Stelle“, weiß der Dekan.
Ihm ist aber auch wichtig, über 2018 hinaus zu denken. Denn wenn die Entwicklung weiter geht wie bisher, ist ein weiterer Stellenabbau sicher. „Wir wollen mehr leisten, als nur zu kürzen.“ Die Kirche müsse sich fragen, „ wo unsere sozial-diakonischen und geistlichen Herausforderungen liegen und wo wir Impulse setzen können“. Das könne auch bedeuten, sich aus einer Gemeinde nicht zurückzuziehen, auch wenn die Zahl der Mitglieder schrumpfe.
Klassischen Gemeindepfarrdienst erhalten
Überhaupt wolle man im Kirchenbezirk „den klassischen Gemeindepfarrdienst so lange halten, wie es irgendwie geht“, betont Weißenborn. Andererseits erreiche man mit den Sonderpfarrstellen wie Jugend-, Hochschul-, Krankenhaus- oder Altenheimseelsorge Menschen, die die Kirche sonst häufig weniger anspreche.
„Die Aufgabe zu konzentrieren kann auch eine Chance sein“, ist Weißenborn überzeugt.
So will man im Kirchenbezirk über neue Strukturen nachdenken. Gemeinden sollen enger zusammenarbeiten und manche Aufgaben gemeinsam wahrnehmen, etwa beim Konfirmandenunterricht oder der Kirchenmusik, nennt er zwei Beispiele. „Wir müssen noch stärker neue Formen der Zusammenarbeit ausloten und entwickeln."
Distrikte neu strukturieren
Bereits jetzt sind die 25 Kirchengemeinden zu neun Distrikten zusammengeschlossen. Dort vertreten sich die Pfarrerinnen und Pfarrer gegenseitig und gestalten gemeindeübergreifende Arbeit. Auch über deren Zuschnitt soll nachgedacht werden. „Künftig wird es weniger und dafür größere Distrikte geben. Nun so werden sie lebens- und arbeitsfähig sein.“
Alles jedoch werde man nicht auffangen können, sagt Weißenborn. „Wir müssen lernen, Dinge loszulassen.“ Was das sein könnte, müsse vor Ort entschieden werden. Gerade solche schmerzlichen Entscheidungen dürften aber nicht nur Verwaltungsakte sein. „Wir müssen die Kürzungen auch im Glauben auffangen und neu begreifen, was unser Auftrag als Kirche ist. Je größer unser Vertrauen auf Gott ist, umso mutiger und gelassener können wir diese Aufgaben anpacken.“
Bischofswort fehlt
Der Dekan, der hier auch seine seelsorgerliche, geistliche Leitungsverantwortung sieht, wünscht sich aber auch von der Landeskirche eine stärkere Begleitung der Gemeinden und der betroffenen Pfarrer. „Mir fehlt etwa ein Bischofswort, das Mut und Zuversicht zuspricht. Ein Wort zur Kirche. Ein Wort zu dem, was sie trägt, wer sie trägt und was ihr auch im Umbruch verheißen ist“, sagt Weißenborn.
Autor: Ulrike Rapp-Hirrlinger
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