Theologische Begriffe erklärt: Begabung

Beitrag zu Pfingsten am 31. Mai 2009

Kunst soll gut gedacht und gut gemacht sein

Helmut Stromsky

Helmut Stromsky


Von Helmut Stromsky
 
Etwas hervorzubringen, was es vorher noch nicht gab, dazu gehört Begabung. Begabung ist eine der Voraussetzungen für künstlerisches Schaffen. Können, Fleiß und Disziplin gehören für mich als Künstler außerdem dazu.
Lange galt als ideale Vorstellung in der europäischen Bildkunst das perfekte Nachahmen der Natur. Künstler war, wer dazu die Gabe hatte. Unter dem Postulat eines „offenen Kunstbegriffs“ allerdings ist Kunstfertigkeit nicht mehr unbedingt Argument für Qualität von Kunst. Vielmehr richtet sich unser künstlerisches Schaffen eher darauf aus, Wirklichkeit nicht nur abzubilden, sondern diese vielfach neu zu erfinden. Sie soll anders sein, womöglich besser – in ihren Inhalten, in ihrer Form.
 
Ein Künstler muss demnach ein erfinderischer, beweglicher Geist sein. Er muss ein guter Beobachter sein, muss  neue Wege begehen und neues Terrain erobern. Im Zeichen der Ideenkunst muss er ein Spieler sein mit dem Talent zur Improvisation. Leonardo da Vinci war solch ein Künstlertyp, dem man aber nachsagt, dass er vor lauter Ideen wenig zustande brachte.
Ein Kunstwerk soll gut gedacht und dann auch noch gut gemacht sein. Also gehört zur Realisierung einer Idee handwerkliches Können und manuelle Begabung. Für mich ist es unablässig, dass man als Künstler die eigenen Ideen möglichst selbst realisieren kann.
 
Begabung muss entdeckt und geweckt werden, bevor erprobt wird. Viel bleibt da im Dunkel und Potenzial wird verschüttet trotz ständig reformierter Bildungsprogramme. Ersatz im Defizit können spaßige Kreativworkshops alleine nicht sein. Begabung muss zu oft zurücktreten hinter existentielle Notwendigkeit und materielle Vorstellungen, und dabei verludern viele Talente im Hobbykeller.

Mit Begabung sollte verpflichtend und bewusst umgegangen werden. Begabungen zeichnen Menschen aus in ihrer Vielfalt, ihren Leistungen, ihren Besonderheiten. Bemerkenswertes ist Ausdruck begabter Fähigkeit.
Beruf und Berufung, die sich aus einer Begabung ableiten, gelten als ideal für menschliches Treiben, und als Künstler darf man es als großes Privileg empfinden, Begabung leben zu dürfen.

Die Aufgabe des Bildkünstlers sehe ich darin Wirklichkeit zu veranschaulichen, Wirklichkeit, wie sie sein könnte. Dieses Seinkönnende hat keine klaren Konturen – diese zu bestimmen ist Aufgabe aller Gestalter in den verschiedenen künstlerischen Disziplinen.  Begabung muss dabei immer wieder befragt werden – wer schon hätte dafür eine maßstäbliche Definition.
 
Hat man zur eigenen Begabung gefunden, sollte man den Mut haben dieser zu vertrauen. Und ein Künstler ist der, der in kritischer Distanz lebt, noch nicht da zu sein, wo er sein könnte.
 
Helmut Stromsky (67) ist Bildhauer, Zeichner und Kunstgießer. Der Künstler lebt und arbeitet in Esslingen und Plochingen.


Die Hinterweltler sind nicht länger stumm

Von Brigitte Müller
 
Pfingsten - vor 2000 Jahren hat Gottes Geist die Jüngerinnen und Jünger Jesu erfasst, so dass sie herausgerissen wurden aus ihrer Trauer um den gekreuzigten Jesus und anfingen aller Welt seine Botschaft zu verkündigen.
Aller Welt! Wie war ihnen das möglich, den Fischern, Bauern und Handwerkern, dem Zöllner und dem Widerständler gegen die römische Besatzungsmacht? Das waren doch allesamt Hinterweltler im Römischen Reich.
An Pfingsten, fünfzig Tage nach Ostern, wird die Jerusalemer Hinterwelt erschüttert. Ein Wehen, ein Brausen, ein Rütteln erfasst das Haus, in dem die Jünger zusammenhocken. Gott – gestaltlos, sanft erst und dann gewaltig, greift ein. Sie fangen an zu reden in vielerlei Sprachen. Ein babylonischer Sprachenwirrwarr. Doch anders als im Mythos vom Turmbau reißt die Sprachenvielfalt die Menschen nicht auseinander. Die Pfingstgeschichte sammelt alle Völker: eine gottgewollte Vielfalt. Menschen aus aller Welt hören ihre Muttersprache und laufen zusammen.

Die Hinterweltler sind nicht länger stumm. Erstaunlich redegewandt können sie sich plötzlich allen verständlich machen.

Was wäre, wenn es uns heute gelänge, so zu reden, dass Menschen verschiedenster Milieus und Kulturen sich angesprochen fühlten? Es ist eine hohe Kunst, anzusprechen, was viele bewegt, ohne dass sie selbst schon Worte dafür hätten, Gedanken und Gefühle zu ordnen, ohne sie zu zerreden.
Wir bewundern Künstlerinnen und Künstler, denen das in der knappen Sprache der Poesie gelingt. Wir sind beeindruckt, wenn Bildwerke uns inspirieren. Wir ahnen, dass es einer besonderen Kreativität bedarf, Musik zu machen, die die Lebensgeister weckt. Als Christen glauben wir, dass Inspiration ihren Grund im schöpferischen Lebensprinzip des Heiligen Geistes hat.

Die Visionärin Hildegard von Bingen hat im 12. Jahrhundert diktiert: „Gott spricht: Ich, die höchste und feurigste Kraft, habe jedweden Funken von Leben entzündet, und nichts Tödliches sprühe ich aus. Ich zünde hin über die Schönheiten der Fluren, ich leuchte in den Gewässern und brenne in Sonne, Mond und Sternen. Denn ich bin das Leben. Ich bin auch die Vernunft, die den Hauch des tönenden Wortes in sich trägt, durch das die ganze Schöpfung gemacht ist.“ Hildegard lebte nicht im Idyll. Sie lebte in der Zeit der Kreuzzüge. Sie war streitbar in religiösen und politischen Fragen. Als Zeugin für die „feurigste Kraft“ ließ sie sich von Gottes Geist packen und mischte sich ins Weltgeschehen ein.

Pfingsten – das ist nichts Materielles: kein Krippenkind, kein Kreuz, kein Grab, nichts, das man anfassen könnte. Pfingsten erzählt von der schöpferischen Kraft Gottes, die überall Raum greift: in der Hinterwelt trauriger Jünger, in Zeiten geistiger und politischer Wirren – auch in unseren Kirchen heute. Gott greift ein, packt Menschen und schenkt ihnen Worte und Gesten, Zeichen und Taten, die die Dinge neu ins Licht setzen und die Welt verändern.
 
Dr. Brigitte Müller (49) ist Pfarrerin an der Evangelischen Kirchengemeinde Esslingen-Zollberg