Theologische Begriffe erklärt: Bekenntnis
Beitrag zum Reformationstag am 31. Oktober 2009Die eigene Herkunft nicht verstecken

Philip Fingerle
Von Philip Fingerle
Meine Erfahrungen im Ausland – zunächst vier Jahre in den Vereinigten Arabischen Emiraten und nun seit diesem Jahr in Südindien – haben mich gelehrt, wie wichtig es ist, sich zu seiner Kultur und Religion zu bekennen und gleichzeitig der fremden Kultur und Religion Respekt und Toleranz entgegen zu bringen.
Gerade in Südindien erlebe ich, wie stark die Menschen in ihrer Religion, dem Hinduismus, verwurzelt sind. Das ist für mich faszinierend und ich bringe dem große Achtung entgegen. So habe ich zum Beispiel in meiner Wohnung einen kleinen Hausaltar, weil meinem Vermieter als gläubigem Hindu dies wichtig ist. Warum sollte ich als Christ nicht die lokalen Traditionen respektieren und unterstützen? Ich habe Respekt vor dem Glauben der anderen. Das heißt aber nicht, dass ich meinen Glauben und meine Herkunft verstecke.
Man kann auch in einem anderen kulturellen Kontext die eigene Kultur und Religion leben. Voraussetzung ist allerdings, dass man die religiösen Gefühle im Gastland nicht verletzt. In den Vereinigten Arabischen Emiraten haben manche meiner christlichen Arbeitskollegen etwa ein Kruzifix offen getragen. Das würde ich nie tun, weil es als Affront verstanden werden kann. Da kann die Toleranz in muslimischen Ländern ihre Grenze haben.
In Arabien ist es schwieriger, sich zu seiner Kultur und Religion zu bekennen, als etwa in Indien. Umso mehr habe ich die Religionsfreiheit, die bei uns in Deutschland herrscht, zu schätzen gelernt. Dadurch, dass man im Ausland einer unter wenigen ist, macht man sich mehr Gedanken über die eigene Religion. In Deutschland kann man ein sehr säkulares Leben führen, in Indien geht das nicht. Dort durchdringt die Religiosität das ganze Leben.
Das führt auch bei mir dazu, über meine Religion nachzudenken. Denn ich werde tagtäglich daran erinnert, dass ich anders bin. Das macht allein schon das Aussehen. Da steht man ein Stück weit natürlich unter Beobachtung. Dieses ungewollte „Besonders-sein“ kann zuweilen anstrengend werden.
Andererseits ist dies für mich auch eine wichtige Erfahrung. Ich bin plötzlich in der Rolle, in der sich Ausländer bei uns in Deutschland wiederfinden. Für deren Situation habe ich ein ganz neues Verständnis bekommen – wie schwierig es etwa ist, in der Diaspora zu leben. Ausländerfeindlichkeit habe ich noch nie verstanden, aber seit meinen Auslandserfahrungen noch viel weniger.
Ich habe beobachtet, dass Menschen, die in der Diaspora leben, viel religiöser sind und sich zusammentun. Das ist bei mir nicht so. Ich bin immer interessiert, Menschen aus der anderen Kultur kennenzulernen. Da darf man sich nicht abgrenzen, sondern muss offen auf andere zugehen.
Ich sehe überhaupt keinen Widerspruch zwischen dem Bekenntnis zur eigenen Kultur und der Offenheit für die Traditionen der anderen. Ich erkenne auch Parallelen. So wird in Indien etwa ebenfalls ein Erntedankfest gefeiert. Ich bekenne mich zwar zur westlichen, zur deutsche Kultur, bin aber überzeugt, dass alle Kulturen gleichwertig sind und ihre Berechtigung nebeneinander haben. Ich bin sehr neugierig auf andere Kulturen und handle nach dem Motto: „Schau dir alles an und vergleiche!"
Philip Fingerle (33) aus Ostfildern hat als gelernter Hotelfachmann in den Vereinigten Arabischen Emiraten gearbeitet. Derzeit baut er für den väterlichen Betrieb in Südindien eine Produktionsstätte auf.
Der Hahn steht wider das Vergessen

Von Friedrich Zimmermann
„Da kräht kein Hahn danach!“ sagt das Sprichwort. Und es meint: In Kürze ist alles wieder vergessen. Die Hähne auf den Spitzen der Kirchtürme sind zwar stumm. Und doch haben sie eine Botschaft. Sie zeigen nicht bloß an, woher der Wind weht. Sie stehen wider das Vergessen. Sie erinnern die Christen an ihre Aufgabe. Die heißt: Bekennen, zu Jesus Christus stehen - und das mit Wort und Tat als Person, als ganzer Mensch. Solches Bekennen hat Konsequenzen.
Aber was hat das mit einem Hahn zu tun? Die Bibel erzählt: Jesus wird in einer Nacht- und Nebelaktion verhaftet. Er hatte seine Freunde darauf vorbereitet. Er hatte ihnen vorausgesagt: „Ihr alle werdet mich im Stich lassen.“ „Wir doch nicht! Wir stehen zu dir!“ hatten sie alle widersprochen. Und Petrus hatte noch eins draufgelegt: „Ich würde sogar für dich sterben.“ Aber Jesus hatte ihm erwidert: „Ich sage dir: In dieser Nacht, ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.“
Jesus behielt recht. Alle laufen davon bis auf einen. Es ist Petrus. Er geht den Soldaten hinterher, die Jesus zum Verhör abführen. Er stellt sich zu ihnen. Da trifft ihn wie ein Blitz aus heiterem Himmel die Frage. „Gehörst du nicht auch zu den Leuten um Jesus?“ Gleich dreimal wird er so gefragt. Dreimal könnte er Farbe bekennen. Aber er verleugnet Jesus: „Ich kenne diesen Menschen nicht.“ Da kräht ein Hahn.
Petrus hat versagt. Ganz nah steht er bei Jesus. Aber er steht nicht zu ihm – aus Angst um sein Leben. Petrus hätte für sein Bekenntnis zu Jesus womöglich mit seinem Leben bezahlt. Wer möchte ihm einen Vorwurf machen?
Die Hähne auf den Kirchtürmen erinnern an diese Geschichte. Sie rufen den Christen ihr Bekenntnis zu Jesus ins Gedächtnis.
Jesus bekennen ist mehr als Dogmen und Lehrsätze über ihn aufzusagen und nachzusprechen. Es ist mehr als das Miteinstimmen in das Glaubensbekenntnis der Kirche. Ein Bekenntnis verbindet. Es drückt ein Verhältnis aus. Bekennen heißt zum einen, zu Jesus Christus zu stehen und dazu, wovon er gesprochen und was er gelebt hat: Liebe. Und bekennen heißt zum andern: zusammenzustehen als Christen, von dieser Liebe selber zu leben und Zeichen der Liebe in der Gesellschaft zu setzen.
Solange sich Christen so zu ihrem Glauben bekennen, ist keine Gefahr, dass nach Jesus Christus kein Hahn mehr kräht.
Friedrich Zimmermann ist Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Hegensberg-Liebersbronn in Esslingen.