
Claudia Zährl
Von Claudia Zährl
Erwartungen von Lehrern und Eltern können Kinder fördern, aber auch überfordern, wenn sie zu hoch gesteckt sind. Kinder versuchen, den Erwartungen von Lehrern und Eltern gerecht zu werden. Das bedeutet, dass man bei positiven Erwartungen auch meist positive Rückmeldungen bekommt. Wohin sollte ein Kind streben, wenn ich keine Erwartungen an es habe? Ein Kind braucht das Gefühl, dass ihm Erwachsene etwas Gutes zutrauen. Es muss wissen, dass es angenommen ist, egal, was es tut.
Ich versuche den Kindern zu vermitteln: „Ich vertraue darauf, dass du es besser kannst.“ Das spornt an. Kinder alleine zu lassen und abzuwarten, wie sie sich entwickeln, bringt nichts. Man muss Kinder in ihrer Entwicklung begleiten, ihnen beiseite stehen und die Rahmenbedingungen schaffen, dass sie sich ihren Fähigkeiten gemäß entfalten können. Als Mutter wollte ich immer, dass meine Kinder wählen können, in welche Richtung sie gehen wollen. Das bedeutet aber auch, sich als Eltern zurückzunehmen, loszulassen und darauf zu vertrauen, dass die Kinder eine gute Wahl treffen.
Nicht immer sind Eltern bereit, ihre Kinder darin zu unterstützen, den eigenen Weg zu gehen. Doch ein Kind ist dann am glücklichsten, wenn es seine Ziele selbst setzen kann und dabei Unterstützung von Eltern und Lehrern bekommt.
Erwartungen von Eltern und Lehrern decken sich oft nicht: Eltern wollen, dass ihr Kind in der Schule erfolgreich ist, vielleicht mehr oder zumindest das Gleiche erreicht wie sie selbst. Aber nicht für jedes Kind ist das Gymnasium und ein Studium der richtige Weg. Übergroße Erwartungen können Kinder zerbrechen.
Ich als Pädagogin möchte, dass ein Kind das, was es mitbringt, bestmöglich entwickeln kann. Einer ist vielleicht kein so guter Rechner, hat aber große soziale Kompetenzen. Das anzuerkennen ist mir wichtig. Allerdings erwarten viele Eltern von uns Lehrern, dass wir das Kind zum von ihnen gewünschten Ziel bringen. Das kann zu Konflikten führen.
Aber auch Lehrer haben zuweilen überzogene Erwartungen – oft, wenn es ältere Geschwister an der Schule gibt. Wenn ich als Lehrerin aber unvoreingenommen an neue Schüler herangehe und mich nicht von dem beeinflussen lasse, was ich eventuell von Kollegen über diese Kinder höre, kann sie das aus einer bestimmten Schublade herausholen, sie haben die Chance, neu anzufangen. Richtig schwer wird es nämlich für ein Kind, wenn es einen bestimmten „Ruf“ hat.
Wird ein Kind seinen eigenen Erwartungen oder denen von Eltern und Lehrern nicht gerecht, ist das ein sehr großer Einbruch. Ein Scheitern in der Schule ist immer ein Bruch in der Biografie. Deshalb ist es so wichtig, dass Eltern und Lehrer gemeinsam schauen, was für das Kind der richtige Weg ist.
Claudia Zährl (51) ist seit sieben Jahren Rektorin an der Ludwig-Uhland-Grundschule in Denkendorf. Die Pädagogin ist Mutter von drei erwachsenen Kindern.

Heiner Köble
Von Heiner Köble
Das jüdische Volk hatte vor der Geburt Jesu große Erwartungen: Das Volk wollte endlich wieder einen König – so wie einst König David - der sie aus der elenden politischen Lage, von den Ungerechtigkeiten, Erniedrigungen und Unmenschlichkeiten der römischen Besatzungsmacht befreien und erlösen würde. Diese Messiaserwartung trat nun allerdings ganz anders in die Welt: Das Kind wurde in einem ärmlichen Stall erwartet, von einem jungen Paar, das sich auf der Flucht befand – kein königlicher Glanz, keinerlei Machtinsignien, keine pompöse Geburtsfeier. Viele Erwartungen wurden enttäuscht. Jesu Macht wurde in völlig anderer Weise deutlich: Er zeigte uns ein Leben im Sinne und in der Kraft Gottes. Er erzählte von Gott, er vollbrachte Wunder, er half Ausgegrenzten und Verlorenen.
Die Geburt Jesu verdeutlicht im theologischen Sinne eine Vorwegnahme des Eingreifens Gottes in die Menschheitsgeschichte: Die Menschen können sich nicht selbst erlösen und Frieden und Gerechtigkeit herstellen. Christen leben von der Hoffnung und Erwartung, dass Gott eingreifen wird – so wie damals durch die Geburt seines Sohnes. Der Engel sagte zu Maria, die noch nicht wusste, dass sie den Sohn Gottes gebären sollte:
„ … und sein Königtum wird kein Ende haben.“ (Lukas 1, 33).
Immer wieder haben Christen im Laufe der Kirchengeschichte versucht, den Beginn der Herrschaft Gottes vorauszusagen: Der Esslinger Pfarrer und Mathematiker Michael Stifel (1480 – 1567) berechnete das „Ende der Zeiten“ für den 19. Oktober 1533, 8 Uhr früh. Die Folgen waren fatal: Jeder wollte sich bestmöglich auf das „Jüngste Gericht“ vorbereiten: Einige zündeten ihre Häuser an, Äcker lagen brach, der Ratsschreiber machte sich mit der Stadtkasse davon. Das Chaos war verbreitet – und Stifel hatte sich getäuscht. Nur mit Hilfe seines Freundes Martin Luther überlebte er.
Wir Christen sollten Gottes Eingreifen anders vorbereiten: Indem wir in dieser Welt, in unseren Städten und Dörfern, in unseren Familien, Schulen und am Arbeitsplatz im Sinne Jesu handeln, bereiten wir das Reich Gottes vor. Ganz besonders in den Wochen des Advent soll dieser helle Lichtschein in die Welt hinein leuchten.
Heiner Köble (47) ist Pädagoge und seit 2006 Schuldekan der Evangelischen Kirchenbezirke Esslingen und Bernhausen.