Theologische Begriffe erklärt - Gedenken

Beitrag zum Totensonntag am 22. November 2009

Gedenken stellt Nähe her und befreit

Von Helmuth Beutel

Gedenken ermöglicht es, eine Beziehung zu einem Verstorbenen zu erhalten und damit ein gesundes Weiterleben mit ihm. Wir können dadurch Nähe herstellen zu den Menschen, die nicht mehr bei uns sind. Unser Gehirn unterscheidet nicht zwischen realer und gedachter Nähe. Deshalb sehe ich die Forderung an Hinterbliebene loszulassen sehr kritisch.
Wie lange die Trauerphase anhält, ist bei jedem Menschen unterschiedlich. Schädlich oder krankhaft wird es erst, wenn man ausschließlich in der Welt des Gedenkens lebt, sich die Gefühle nicht verändern und keine neuen Erfahrungen zugelassen werden. Gedenken darf nicht lähmen und handlungsunfähig machen. Zu einem positiven Gedenken gehört auch, ein neues Verbindungsnetz zur Welt zu finden. Egal wie lange es dauert, letztlich sollte das Gedenken eine befreiende Wirkung haben - nämlich das Leben ohne den Verstorbenen als Wirklichkeit zu akzeptieren.

Die Erinnerung an einen Menschen hat fast immer zwei Pole: die wärmende, liebevolle Nähe, aber auch belastende Gedanken wie Wut, Hass oder Zorn. Deshalb gehört zum Gedenken auch, Unerledigtes ins Reine zu bringen und Verletzungen zu vergeben. Vergebung bringt Entspannung und der Gedanke an den Verstorbenen bekommt ein neues, versöhnliches Vorzeichen. Oft rate ich meinen Patienten, einen Brief zu schreiben, oder im inneren Dialog auch zu überlegen, wie der andere durch mich verletzt wurde.
Dass das Gedenken auch idealisiert, ein Mensch ein Stück weit neu erfunden wird, ist ganz normal. Im Gedenken drückt sich eine persönliche Beziehung aus, deshalb kann es durchaus sein, dass Geschwister die verstorbene Mutter ganz unterschiedlich sehen. Die Verdrängung von Negativem kann eine Abwehr sein und ein Mittel der Psyche, um innere Balance herzustellen.

Für die Art, wie man eines Menschen gedenkt, gibt es kein richtig oder falsch. Der eine braucht Orte oder Symbole des Gedenkens, wie Grab, Kreuze am Straßenrand oder Bilder, einem anderen bedeuten sie nichts – wir müssen hier die Vielfalt achten. Das persönliche Gedenken in die Öffentlichkeit zu tragen, etwa durch Erinnerungsanzeigen oder Internetseiten, entspringt dem Wunsch, zu zeigen, dass der Verstorbene noch Bedeutung für die Hinterbliebenen hat.

Eine wichtige Rolle in der Gesellschaft spielt das öffentliche, kollektive Gedenken. Ohne Gedenktage – ob religiöse oder politische – geht ein Stück Kultur verloren. An Tagen wie dem Totensonntag können wir lernen, mit den Verstorbenen zu leben, den Tod als Teil des Lebens zu begreifen und Vertrauen in die göttliche Schöpfung zu entwickeln. Er nimmt Angst und macht Mut.
Öffentliches Gedenken macht darauf aufmerksam, dass Tote und Trauernde einen Platz in der Gesellschaft haben. Deshalb liegen mir auch die Gedenkgottesdienste der Hospizbewegung sehr am Herzen. Durch sie erfahren Trauernde Gemeinschaft, dürfen sich mit ihrem Schmerz zeigen.
 
Helmuth Beutel ist Psychotherapeut mit Praxis in Esslingen und war bis vor einem Jahr Vorsitzender des Fördervereins Hospiz in Esslingen. Er hat die Deutsche Hospizhilfe mitbegründet und war am Aufbau der Hospizarbeit in Stuttgart beteiligt.


Der Verstorbene bleibt ein lebendiges Gegenüber

Sabine Nollek

Sabine Nollek


Von Sabine Nollek

Der November ist der Monat der Erinnerung. Von Allerheiligen über den Volkstrauertag bis zum Totensonntag ziehen sich die Tage des Gedenkens. Viele werden morgen auf die Friedhöfe gehen und an die Menschen denken, die in den letzten Monaten oder auch schon vor längerer Zeit gestorben sind. In den evangelischen Kirchen werden die Namen der Toten des letzten Kirchenjahres verlesen. Ein schmerzlicher, aber auch ein wichtiger Moment in der Trauer. Erinnerung ist notwendig. Sie hat die Funktion, mir den anderen nahe zu erhalten. Ein Spruch sagt: „Ein Mensch ist nicht tot, solange wir uns erinnern und er in unserem Herzen weiterlebt.“

Aber für den christlichen Glauben ist auch klar: Der Verstorbene lebt nicht nur in meiner Erinnerung und ist sonst tot. Er ist nicht nur das, was im Grab zu finden ist. Der Glaube macht uns Hoffnung: Gott nimmt sich des Verstorbenen an und holt ihn zu sich. Dies wird nirgends deutlicher als in der kurzen Begegnung zwischen Jesus und dem, der neben ihm am Kreuz hing und ihn bat: Denke an mich, wenn du in dein Reich kommst. Jesus gab ihm die Antwort: Wahrlich, ich sage dir, heute noch wirst du mit mir im Paradiese sein. (Lukas 23,42.43).
Jesus verspricht Auferstehung in ein neues, verwandeltes Leben hinein. Und dies nicht erst in einer fernen Zeit, sondern heute. Und dies darum, weil Gott an uns Menschen denkt und wir niemals aus seinem Gedächtnis und damit aus seiner Herrschaft herausfallen. Darum können wir den anderen auch manchmal in der Zeit der Trauer so nahe spüren. Er ist ja nicht tot, nicht nur im Grab, er lebt doch schon bei Gott und ist und bleibt mir darum ein lebendiges Gegenüber. Auch wenn ich ihn nicht mehr „erfassen“ kann wie zu Lebzeiten, was schmerzlich genug sein kann. Dankbare Erinnerung führt mich so zum anderen und damit auch zu Gott. Dies kann sich mir durch das Gedenken völlig neu erschließen.

Trauer und Schmerz können also nicht nur Zukunft verbauen, sondern andere, neue Zukunft eröffnen. Dietrich Bonhoeffer hat das erlebt und es so ausgedrückt: „Je schöner und voller die Erinnerung, desto schwerer ist die Trennung. Aber die Dankbarkeit verwandelt die Qual der Erinnerung in eine stille Freude. Man trägt das vergangene Schöne nicht wie einen Stachel, sondern wie ein kostbares Geschenk in sich.“ Es lohnt, sich um dankbare Erinnerung und vertrauende Hoffnung zu mühen.

Sabine Nollek ist seit zehn Jahren Pfarrerin der Evangelischen Kirchengemeinde in Esslingen-Berkheim.