
G. Silberzahn-Jandt
Von Gudrun Silberzahn-Jandt
Als Krankenschwester im ambulanten Palliativteam des Evangelischen Krankenpflegevereins und als Kulturwissenschaftlerin, die viel über die Geschichte der Opfer des Nationalsozialismus forscht, müsste mir eigentlich der Anblick von Leid vertraut sein. Jedoch ist und bleibt jedes einzelne Schicksal so einzigartig und individuell, dass keine Gewöhnung eintritt.
In der Versorgung Sterbenskranker hat sich die Palliativpflege gar auf die Fahnen geschrieben, Leiden der Kranken wie der Angehörigen zu lindern. Dies ist ein hoher Anspruch, der zunächst auch fragen lässt: Worunter leiden die Kranken und worunter deren Familie und Freunde? Oft sind es die Schmerzen, die in den letzten Wochen oder Tagen des Lebens auftreten und das Leid verursachen - Schmerzen an Leib und Seele. Am Leib, bedingt durch die Krankheit und deren Begleiterscheinung, an der Seele als Kummer darüber, sich nicht mehr um die anderen kümmern zu können und Abschied nehmen zu müssen. Vielleicht plagen einen auch seelische Schmerzen, weil man sich mit der Welt noch nicht in dem Maß versöhnt hat, wie man wollte, und merkt, dass nicht mehr alles, was man jahrelang hinausgeschoben hat, jetzt zu lösen ist.
Was kann man da bei aller Schwere tun? Neben der wichtigen medikamentösen Behandlung kann der Mensch, der pflegt, mit Zuspruch und Verständnis, mit dem Annehmen und Aushalten der Gefühle und Ängste das Leid mittragen und dabei erleichtern. Das kann durch das Halten der Hand geschehen, durch eine Fußwaschung und Einreibung oder dem Nachspüren schöner Lebenserinnerungen, dem Singen oder dem Sprechen eines Gebetes.
Diese Aufgabe ist für eine Person allein oftmals zu groß und schwer. Auf viele verteilt jedoch, kann das Leid des Sterbenden gemindert werden und diejenigen, die von einem Menschen Abschied nehmen müssen, können im gemeinsamen oder abwechselnden Dasein sich gegenseitig Trost schenken.
Sie meinen, dies sei Illusion? Nein - denn trotz aller Angst und allem Schmerz konnte ich schon oft erfahren, dass in dieser Weise zu Hause im vertrauen Umfeld mit den bekannten Bildern, geborgen von der Hilfe der Freunde und der Familie und gestützt durch Pflegepersonal und Hausarzt oder Seelsorger das Sterben beruhigt und friedvoll ermöglicht wurde. Nicht selten konnte noch einmal herzhaft miteinander gelacht werden.
Die Liebe zueinander zeigte sich in kleinen Gesten, einem Händedruck, dem Essenreichen, dem behutsamen Richten des Kissens. Nicht mehr das Leiden stand dann im Vordergrund, sondern die eine oder andere wichtige Begegnung miteinander, das Lächeln, der Händedruck, die Dankbarkeit.
Gudrun Silberzahn-Jandt (49) ist Kulturwissenschaftlerin und Krankenschwester. Sie lebt mit ihrer Familie in Esslingen.

Wolfgang Kramer
Von Wolfgang Kramer
Wenn wir morgens in der Zeitung blättern oder abends vor dem Fernseher sitzen, werden wir regelmäßig mit schrecklichen Berichten und Bildern von leidenden Menschen konfrontiert. Naturkatastrophen und Kriege, Hunger und Unterdrückung in vielen Ländern der Erde sind Ursachen unsäglichen Leids. Im persönlichen Bereich beklagen wir den Verlust von Arbeit und Gesundheit, erleben Beziehungskrisen und Abschiede, erleiden Sterben und Tod. Von Trauer und Tränen bleibt keiner verschont.
Besonders im Krankenhaus ist das Leiden allgegenwärtig. Patienten und Angehörige, aber auch mitfühlende Schwestern, Ärzte und andere Mitarbeiter sind davon betroffen. Die Fragen nach dem Warum und Wozu, nach Sinn und Erlösung schreien zum Himmel. Auch die moderne Medizin hat an der Leidensfrage nichts ändern können. Einige Krankheiten wurden zurückgedrängt, dafür suchen uns andere heim, wie etwa AIDS. Nein, wir können das Leiden nicht aus der Welt schaffen.
Es gibt verschiedene Einstellungen gegenüber dem Leiden. Man kann sich gegen das aufer-legte Leiden auflehnen, es ungerecht empfinden und sich gegen die Macht empören, die es zugelassen hat. Eine weitere Haltung ist die Resignation. Man kapituliert und fügt sich verbittert in sein Schicksal.
Die christliche Einstellung zum Leiden ist die Ergebung. Es ist das Annehmen und Ertragen des Leides, wenn die Bemühungen, es zu bekämpfen, auf Grenzen stoßen. Für Christen ist diese Ergebung möglich, wenn im Schauen auf das Kreuz und in der Erfahrung, dass Christus uns im ringenden Suchen und Beten, in menschlichen Gebärden und in sprechenden Zeichen ganz nahe ist.
Dies in einer einfühlsamen Begleitung zu ermöglichen, ist die Kernaufgabe jeder Seelsorge. Wunderbares geschieht, wenn der Leidende entdecken kann, dass alles Leiden für etwas gut ist, dass es ihn läutert, wachsen und reifen lässt und ihn näher zu Gott führt. Welch ein Segen für alle Beteiligten, wenn Leiden so angenommen und bewältigt werden kann! Gerade da, wo großes Leid uns zusetzt, wo wir es aber annehmen und im Blick auf den leidenden und sterbenden Schmerzensmann aus Nazaret aushalten und durchleiden, dürfen wir darauf hoffen, dass Gott auch dann noch, wenn das Leiden scheinbar sinnlos ist, verbor-gend anwesend bleibt und dass, wie der Theologe Hans Küng treffend sagt, „Gott uns zwar nicht vor allem Leid, wohl aber in allem Leid bewahrt“. Christen gehen davon aus, dass sie kein Spielball eines blinden Schicksals sind. Gottes Zusage, dass wir in seinen Händen geborgen sind, gilt gerade auch im Leid und im Tod.
Nichts hat Dietrich Bonhoeffer, den Theologen und Märtyrer, mehr getröstet als diese Gewissheit. Sie hat ihm in schweren Stunden Kraft und Gelassenheit geschenkt. In diesem Geist konnte er ein Gebet schreiben, das ich an zahlreichen Kranken- und Sterbebetten gesprochen habe: „In mir ist es finster, aber bei dir ist es licht. Ich bin einsam, aber du verlässt mich nicht. Ich bin kleinmütig, aber bei dir ist die Hilfe. Ich bin unruhig, aber bei dir ist der Friede. In mir ist Bitterkeit, aber bei dir ist die Geduld. Ich verstehe deine Wege nicht, aber du weißt den Weg für mich.“
Wolfgang Kramer (59) ist Pastoralreferent und Klinikseelsorger in Esslingen.