Theologische Begriffe erklärt: Macht

Beitrag zu Himmelfahrt am 21. Mai 2009

Macht ist Leidenschaft für die Sache

Winfried Kretschmann

Winfried Kretschmann


Von Winfried Kretschmann
 
Macht im positiven Sinn bedeutet für mich als Politiker, durch gemeinschaftliches Handeln etwas zu bewegen. Wegen dieser Überzeugung engagiere ich mich in der Politik. Macht besteht für mich ausschließlich in der Leidenschaft für die Sache. Die Schöpfung zu bewahren, die Vielfalt und den Reichtum der Natur zu erhalten und Gerechtigkeit anzustreben, besonders Chancengleichheit im Bildungswesen  – mich unter anderem dafür einzusetzen reizt mich in der Politik.
 
Man darf politische oder wirtschaftliche Macht nicht mit Ämtern verwechseln. Macht entsteht nie ohne die Zustimmung von vielen Menschen – die Ackermanns, Obamas oder Merkels sind nur die Spitze des Eisbergs. Ich finde es bedauerlich, dass so viele Menschen ihre Macht nicht in Anspruch nehmen indem sie sich in politische Entscheidungsprozesse einbringen und wir zu einer Art Zuschauerdemokratie werden. Ich bin überzeugt: Wenn man etwas bewegen will, dann kann man es.
 
Das Christentum ist für mich das Paradebeispiel dafür, dass wirkliche Macht nur durch gemeinschaftliches Handeln für eine gute Sache entsteht. Jesus als vermeintlich Ohnmächtiger hatte große Macht, weil sich hinter seiner Idee immer mehr Menschen weltweit versammelten.
 
Als Politiker ist meine Macht immer geborgt. Als Oppositionspolitiker ist sie zudem nicht sehr groß, geht man vom Wahlergebnis der Grünen aus. In bestimmten Bereichen haben wir Grünen aber größere Macht, weil uns auch Menschen, die uns nicht gewählt haben, dort Kompetenzen zugestehen. Dann kann man viel bewirken. Entscheidend ist für mich, dass die Versprechen für die Zukunft, die wir Politiker vor allem im Wahlkampf machen, seriös und glaubwürdig sind.
 
In der Politik muss man um seine Macht kämpfen, da geht es nicht immer fein zu. Das erscheint vielen Menschen anstößig, vor allem, wenn Geld, Pfründe oder persönliche Eitelkeiten ins Spiel kommen. Ich meine, es muss immer um die Sache gehen, nur dann ist Macht nicht anstößig. Persönliche Macht sollte stets im Hintergrund stehen und wir sollten uns ein gutes Maß an Bescheidenheit erhalten.
 
Macht ist natürlich auch verlockend und sie kann korrumpieren. Zuzugeben, dass Macht ihre Grenzen hat, dass nicht alles machbar ist, fällt Politikern oft schwer – wer wählt schon einen Zweifler! Doch wir müssen den Mut haben, auch bittere Medizin zu verordnen, wenn sie Besserung verspricht. Für mich persönlich ist wichtig, dass ich mich nicht um des Erfolges willen verbiegen lasse.
 
Wenn man sich ganz an die Politik bindet, ist man verloren. Mein Glaube hilft mir das zu vermeiden, weil er mich befreit. In der Politik kommt es darauf an, etwas zu erreichen. Als Christ muss ich vor Gott keine Leistung erbringen, muss nicht erfolgreich sein. Ich weiß, dass ich letztlich für das Ganze nicht die letzte Verantwortung trage, sondern das Leben in Gottes Hand liegt. Auch wenn ich politisch scheitere, gehe ich doch als Mensch nicht unter.
 
Winfried Kretschmann (61) ist Landtagsabgeordneter für den Wahlkreis Nürtingen und Fraktionsvorsitzender der Grünen. Er ist Mitglied im Zentralkomitee der Deutschen Katholiken, verheiratet und Vater von drei Kindern.
 


Allmacht und Ohnmacht

Von Oliver Schütz
 
Allmächtiger! Wer so ausruft, meint damit Gott. Nach einer klassischen Definition ist Gott derjenige, über den hinaus nichts Größeres vorstellbar ist. Die Vorstellung von einem grenzenlos mächtigen Gott ist aber in die Kritik geraten.
Führt das christliche Gottesbild von sich aus zur Gewaltanwendung? Tatsächlich wurde in der Geschichte Gewaltherrschaft immer wieder unter Berufung auf den Allmächtigen ausgeübt.

„Zieh an die Macht, du Arm des Herrn“, heißt es in einem Kirchenlied, „wohlauf und hilf uns streiten“. Ist das eine Aufforderung zur Gewalttätigkeit? Der Mensch scheint dem Vorbild seines Schöpfers zu folgen. Denn der allmächtige Gott, der Herr über die Geschichte, lässt den Menschen an seiner Macht teilhaben.

Seit Kain und Abel nutzt der Mensch diese Macht, um Herr über andere zu werden. Aber nicht jede Form der Herrschaft ist von Gottes Gnaden. Der Besitz von Macht und Gewalt legitimiert nicht Gewalttätigkeit, Terror und Ausbeutung. Er verlangt vielmehr Verantwortung, wie sie gute Eltern ihren Kindern und weise Herrscher den ihnen anvertrauten Völkern entgegenbringen. „Du hättest keine Macht über mich, wenn es dir nicht von oben gegeben wäre“, belehrt Jesus den römischen Statthalter Pontius Pilatus.
 
Weltliche Macht ist eine Leihgabe. Sie ermöglicht ein Mitwirken der Menschen an Gottes Schöpfung und Geschichte. Sie hat dem Guten zu dienen und bleibt an die Gebote Gottes gebunden. Darum warnen die Propheten diejenigen, die Macht nur einseitig zu ihren eigenen Gunsten anwenden. „Den Mächtigen droht strenge Untersuchung“, heißt es im Buch der Weisheit, „die Mächtigen werden gerichtet mit Macht“. Machtmissbrauch ist also alles andere als die logische Konsequenz des Gottesglaubens, sondern im Gegenteil ist es Aufgabe der biblischen Religion diesen anzuprangern.
 
Neben das Bild vom allmächtigen Gott tritt im Christentum aber auch ein ohnmächtiger Gott. Er verzichtet auf seine Allmacht und wird ein schwacher Mensch. Die Krippe im Stall von Bethlehem und das Kreuz auf dem Hügel bei Jerusalem sind Orte der vollkommenen Ohnmacht dieses Gottes. Sie sind die Mitte der christlichen Religion. Gerade in der Machtlosigkeit ist Jesus Christus ein Vorbild für seine Anhänger. Nicht maximale Macht ist das Ziel des menschlichen Lebens, sondern Ohnmacht. „Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark“ bringt es der Apostel Paulus auf den Punkt. Denn es geht um die Liebe. Liebe verträgt keine Macht über den Geliebten. Wahre Liebe setzt sich dem anderen aus, macht machtlos und verletzlich. „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt“, so der Lebensgrundsatz Jesu. Diese Schwachheit in der Mitte des Christentums ist immer wieder verlacht und verachtet, missbraucht und verraten worden. Aber es ist seine wahre Stärke. Denn christlich verstandene Macht ist die Macht der Liebe. Die Hoffnung auf diese Macht der Liebe ist eine Provokation für jede Form irdischer Machtanwendung.
 
Oliver Schütz ist Geschäftsführer des Katholischen Dekanats Esslingen-Nürtingen