Theologische Begriffe erklärt: Menschwerdung

Beitrag zu Weihnachten am 24. Dezember 2009

„Dich schickt der Himmel“

Bianka Müller-Sabuni

Bianka Müller-Sabuni


Von Bianka Müller-Sabuni

„Dich schickt der Himmel“, so empfinde ich als Hebamme, wenn ein Mensch geboren wird. Jeder Mensch ist von Gott gewollt, ein Gottesgeschenk, davon bin ich fest überzeugt. Wenn ein Kind auf die Welt kommt, dann ist das ein unbeschreiblicher Augenblick, für die Eltern, aber auch für uns im Kreissaal. Für mich ist eine Geburt der Höhepunkt meines Dienstes. Doch das Menschsein – Körper, Geist und Seele - entwickelt sich bereits in der Schwangerschaft. Ich empfinde es als Privileg, als Hebamme bei diesem Wunder der Menschwerdung mithelfen zu dürfen.

Es ist das Ereignis im Leben, das eine Frau am meisten verändert, sie wird bei der Geburt auch selbst als Mutter geboren. Doch dazu braucht es einen Prozess. Schwangerschaft ist immer auch ein Abenteuer. Man weiß nicht, was auf einen zukommt, was für ein Mensch da in einem wächst. Für viele, die lange auf ein Kind warten müssen, ist es ein Gottesgeschenk schwanger zu werden.
 
Die heutigen Möglichkeiten der Pränataldiagnostik haben Schwangerschaften allerdings verändert. Früher konnte man nur „guter Hoffnung sein“. Durch die vorgeburtlichen Untersuchungsmöglichkeiten werden Schwangerschaften einerseits problematisiert und Ängste geschaffen, andererseits bieten sie natürlich auch Möglichkeiten, Krankheiten frühzeitig zu erkennen und unter Umständen darauf zu reagieren. Für mich ist es deshalb umso wichtiger, den Frauen Hoffnung zu machen.

„Hauptsache gesund“, das wünschen sich alle Eltern. Doch wenn es dann nicht so ist, das Kind vielleicht eine Behinderung hat, dann brauchen Eltern Zeit und Zuwendung, um sich neu zu orientieren und ihr Kind so anzunehmen, wie es ist. Ich versuche ihnen dann Hilfen und Unterstützungsmöglichkeiten aufzuzeigen und vor allem, ihnen ihre Schuldgefühle zu nehmen. Oft denke ich, dass Gott sich diese Familie für ein behindertes Kind ausgesucht hat, weil sie stark genug ist. Doch ich weiß auch, dass man leicht reden kann, wenn man nicht betroffen ist.

Seit ich selbst Mutter bin, hat sich mein Blick auf vieles verändert. Auch wenn ich gegen Abtreibung und künstliche Befruchtung bin, habe ich doch Verständnis für Frauen, die sich dafür entscheiden und maße mir kein Urteil mehr an.
Wenn in der Schwangerschaft kein Mensch wird, es zu einer Fehl- oder Totgeburt kommt, kann ich das kaum ertragen. Dann sind auch wir Hebammen und Ärzte sprach- und hilflos, können nur Unterstützung anbieten und Raum für die Trauer der Eltern. Geburt ist immer ein Schweben zwischen Leben und Tod. Gott muss es wollen, dass ein Mensch wird. Im Lauf der Jahre, die ich als Hebamme arbeite, ist die Überzeugung gewachsen, dass wir viel demütiger und dankbarer für das sein sollten, was wir haben.

Ein ganz spezieller Dienst im Kreissaal ist für mich der an Weihnachten. Wenn ein „Christkind“ auf die Welt kommt, ist das etwas ganz Besonderes. Da ereignet sich symbolhaft wieder, was durch die Menschwerdung Jesu am ersten Weihnachten geschah.

Bianka Müller-Sabuni (37) arbeitet als Hebamme sowohl freiberuflich als auch im Klinikum Esslingen. Sie ist selbst Mutter zweier Kinder und lebt mit ihrer Familie in Esslingen-Zell.
 


Menschwerdung

Von Susanne Herzog
 
Wie können wir Weihnachten feiern, wenn alle so angespannt sind? Werde ich nächstes Jahr noch einen Arbeitsplatz haben? Ob die Kinder einen Ausbildungsplatz finden? Was wird einmal aus ihnen? Hält meine Partnerschaft durch die Krise? Wie kann ich mit der Krankheit weiterleben? Ich habe Angst vor dem Sterben. Reicht das Geld für den Alltag? Ob ich mich mit meinen Eltern wieder versöhnen kann? Wie finde ich die Lebensfreude zurück? Wo ist mein Platz in dieser Welt? Wie kann es denn überhaupt Gott geben?

Fragen über Fragen, die auch heute morgen am 24.Dezember 2009 nicht einfach vom Tisch sind, nur weil Weihnachten ist. Dem bangen Zweifel: wie soll es denn je Weihnachten werden, wenn mich das Leben so beschäftigt? stelle ich als Theologin heute eine hoffnungsvolle Behauptung entgegen: Gerade in meinem Leben wird es Weihnachten – nirgends sonst. Alles andere ist leere Hülle und falscher Glanz, fader Geschmack und aufgesetzte Freude.

Früher, da waren die Götter fernab im Götterhimmel zu Hause, unerreichbar für menschliche Anliegen und Nöte. Unvorstellbar, dass sich jemand von da oben herabließ und die Sorgen und Nöte mit den Menschen teilte, sich mit freute und auch mit litt, sich sogar vor dem menschlichen Sterben nicht bewahrte. Der “heruntergekommene Gott“ – wie ein Theologe den christlichen Gott beschreibt – war zur Zeit Jesu ein Skandal.
 
In einem kleinen Stall sei es geschehen, ohne sterile Tücher, ohne Wärmelampe, vermutlich auch ohne Hebamme. Gott wird als kleines Kind geboren. Von der jungen Frau Maria, sozusagen unterwegs. Josef musste seinen Sohn selber abnabeln und in die Futterkrippe legen. Und Jesus unter schwierigen Bedingungen heranwachsen und seinen Weg finden. Ausprobieren, Versuchungen durchleben, sich von seinen Eltern lösen, Freunde finden, Feinde haben, sich für andere einsetzen, frustriert werden, kämpfen, lieben, Widerstand aushalten, Gewalt erleiden, ja sogar sterben.
 
Nichts hat er ausgelassen, der göttliche Mensch Jesus. Oder sagen wir lieber der menschliche Gott? Wahrer Gott und wahrer Mensch sei er gewesen, legen Kirchenväter später fest, um die Frage nach seinem Wesen ein für alle Mal zu beantworten.

Inkarnation wird die Menschwerdung Gottes genannt, und bleibt letztlich ein Geheimnis. Lässt ahnen: Gott involviert sich in unser menschliches Leben voll und ganz. Wir können von den Geburtswehen bis zum Todeskampf auf die Solidarität Gottes zählen, und sogar darüber hinaus. Gott will, dass wir heil(ig)e Menschen werden, deren Fragen und Grenzen aufgehoben sind in der Wertschätzung Gottes für alles Menschliche.
Ob wir heute im Jahr 2009 nach der Zeitenwende, nach Christi Geburt, Weihnachten so feiern, „dass diese Geburt auch in uns geschieht“ (Meister Eckart)? Wenn wir unsere Sorgen und Nöte zur Krippe legen, oder noch besser, wenn wir aus unseren Lebensfragen die Krippe bilden, in die hinein Gott geboren wird, dann können wir auf das Wunder der Menschwerdung hoffen. Dass sich Gott in meine Fragen und Sorgen involviert ist heilsam - nicht nur an Weihnachten.
 
Susanne Herzog (48) arbeitet als Geistliche Begleiterin bei den caritativen Frauenverbänden Sozialdienst katholischer Frauen und IN VIA – katholischer Verband für Mädchen- und Frauensozialarbeit Diözese Rottenburg-Stuttgart e.V. Sie lebt mit ihrer Familie in Esslingen.