Theologische Begriffe erklärt: Präsenz

Beitrag zu Fronleichnam am 11. Juni 2009

Präsent mit Körper und Geist

Manuel Soubeyrand

Manuel Soubeyrand


Von Manuel Soubeyrand
 
Präsenz hat für mich als Theaterleiter zwei Aspekte: Ich muss im Haus präsent, gegenwärtig sein, also ansprechbar für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Und ich muss innerlich präsent seit. Das heißt, möglichst viel zu wissen vom täglichen Geschehen und dem, was meine Mitarbeiter bewegt.

Die Württembergische Landesbühne ist ein Theater, an dem mehr als 20 verschiedene Berufsgruppen arbeiten. Daraus ergeben sich immer wieder Reizpunkte und emotional aufgeladene Situationen. Da ist es wichtig, dass ich präsent bin und dies austariere. Das geht nur, wenn ich anwesend bin, mich zeige. Gleichzeitig erfordert es aber von mir, auch innerlich präsent und vorbereitet zu sein. Denn nur so bin ich in der Lage, eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen.

Präsent zu sein heißt für mich aber auch, etwas auszustrahlen. Als Intendant muss ich Autorität haben. Sie kann aber immer nur von Innen kommen. Ich bin überzeugt, dass man das durch Präsenz erreicht – und durch Freundlichkeit, die ist mir sehr wichtig für ein gutes Betriebsklima. Dann hat Autorität auch nichts Bedrohliches. Unser Erdenleben ist viel zu kurz, um es mit Druck oder Furcht zu verbringen – und gemessen am Leben ist das Theater auch viel zu unwichtig. Wobei wir deswegen nicht unernster arbeiten!

Gut zu sein als Theaterleiter bedeutet für mich, viel zu wissen von dem, was im Theater läuft. Ich sauge die Informationen wie ein Schwamm auf und versuche, sie möglichst zu behalten. Ich will wissen, was meine Leute beschäftigt, und mit ihnen darüber reden. Als Leiter muss ich immer gesprächsbereit sein. Dafür nehme ich mir Zeit.

Auch als Schauspieler ist Präsenz sehr wichtig. Ich muss zunächst körperlich präsent sein: Mein Bewegungsapparat muss frisch, meine Körperhaltung gespannt und meine Stimme geschult sein. In dieser Beziehung ist Präsenz etwas Handwerkliches, das man auf der Schauspielschule lernt. Wichtig ist aber auch, den Alltag aus dem Kopf zu bringen und alles auszublenden, wenn ich auf der Bühne stehe. Nur dann kann ich mit Lust in eine Figur eintauchen. Wenn sich die Alltagssorge in die Figur hineinschiebt, wird man unkonzentriert und schlecht.

Auch die Reaktionen der Zuschauer spielen dabei eine Rolle. Schließlich ist Theaterspielen ein ständiger Dialog mit dem Publikum. Sind die Leute begeistert und gelöst, spielt man selbst besser. Aber diese Gelöstheit lässt sich nicht erzwingen.

Natürlich ist die Präsenz des Schauspielers nicht in jeder Aufführung gleich. Oft habe ich aber erlebt, dass die Kollegen auf der Bühne es ausgleichen, wenn ein Schauspieler nicht so gut spielt. Weil sich alle dann sehr konzentrieren, wird diese Aufführung oft richtig gut. Es sind zwar nie alle Vorstellungen gleich, aber sie sind auch nie alle nur gut oder nur schlecht.
 
Manuel Soubeyrand (51) ist seit der Spielzeit 2004/2005 Intendant der Württembergischen Landesbühne in Esslingen und steht zuweilen selbst als Schauspieler auf der Bühne.


Gott ist gegenwärtig

Von Michael Schindler
 
Martin Luther habe, so wird erzählt, am Ende eines langen Gesprächs mit dem Schweizer Reformator Huldrych Zwingli in den Staub des Tisches geschrieben: „Hoc est corpus meum – das ist mein Leib.“ Bei diesem Religionsgespräch ging es um die Interpretation des Abendmahls durch die Reformatoren. Luther vertrat die alte Tradition, dass in der Feier des Abendmahls Jesus Christus in den Zeichen von Brot und Wein tatsächlich gegenwärtig ist und nicht nur an ihn erinnert wird. Für Katholiken geht diese Präsenz Jesu Christi im Zeichen des Brotes noch über die gottesdienstliche Feier hinaus. Deshalb ziehen sie am Fest Fronleichnam mit der Monstranz, in der das heilige Brot voll Ehrfurcht gezeigt wird, durch die Straßen der Stadt. Aus diesem Grund braucht es in jeder katholischen Kirche einen Tabernakel zur Aufbewahrung des Brotes.

Dass Gott oder das Göttliche präsent ist, will jede Religion den Menschen durch Erzählungen, Gebete und Riten nahe bringen. So sollen Juden das Paschamahl, indem an die Befreiung aus der Sklaverei erinnert wird, so feiern, als wären sie selbst der brutalen Gefangenschaft des Pharao entkommen. Für Muslime ist die Stimme Gottes auch 1400 Jahre nach Mohammed im Hören des Koran präsent. Für Hindus kann ein Götterbild Gott gegenwärtig machen.

Der biblische Gottesname JHWH verweist darauf, dass Gott selbst nicht eine Figur der Vergangenheit oder der fernen Zukunft sondern lebendige Gegenwart ist: Dieser Gottesname ist am ehesten zu übersetzen mit dem Ausdruck: „Ich bin der: Ich-bin-da“.

Wenn Menschen von dieser im Letzten nicht beschreibbaren Präsenz des Göttlichen berührt werden, werden sie selbst ganz gegenwärtig und mit Achtsamkeit erfüllt. Ein Gedicht des Mystikers Gerhard Tersteegen lautet: „Gott ist gegenwärtig, lasset uns anbeten und in Ehrfurcht vor ihn treten. Gott ist in der Mitte, alles in uns schweige und sich innigst vor ihm beuge.“ Wenn Menschen beten und Gottesdienst feiern schaffen sie also nicht die Gegenwart Gottes, sondern machen sich durch ihre eigene Konzentration auf den gegenwärtigen Moment bewusst, dass Gott immer schon gegenwärtig ist.

Voll und ganz präsent zu sein ist heute angesichts der vielfältigen Beanspruchungen nicht leicht. „Die Präsenz der Absenz war niemals größer als heute“ meint dazu ein Zeitgenosse. So wurde in den letzten Jahrzehnten die alte Tradition des schweigenden Meditierens neu entdeckt. Dabei geht es um nichts anderes als mit allen Sinnen höchst präsent zu sein. Ein Kartäuser des 14. Jahrhunderts beschreibt diese zugleich einfache und doch so schwierige Übung folgendermaßen: „Halte dein Denken leer, dein Fühlen unabhängig und dich selbst in reiner Gegenwärtigkeit. Tue nichts anderes, sondern ruhe in diesem reinen, einfachen Bewusstsein: Ich bin. Denke also nicht daran, was du bist, sondern dass du bist.“

Wo es gelingt, ganz in der Präsenz Gottes präsent zu sein, können eine ungeheure Energie und zugleich Gelassenheit und Lebensfreude geweckt werden. Davon will das Fronleichnamsfest als eine Ausdrucksform ein klein wenig widerspiegeln.
 
Michael Schindler ist als Pastoralreferent verantwortlich für Cityseelsorge und die Seelsorge in St. Elisabeth