Theologische Begriffe erklärt - Umkehr

Beitrag zum Buß- und Bettag am 18. November 2009

Viele kleine Schritte statt radikaler Kehrtwende

Von Matthias Strobl
 
Eigentlich müssten wir in der Ökologie als ganze Gesellschaft eine Kehrtwende vollziehen und vor allem beim Klimaschutz sehr bald. Die Forderung nach einer solch kompletten Umkehr würde aber die Menschen verprellen, denn sie impliziert, dass man vorher alles falsch gemacht hat. Deshalb halte ich es für besser, Veränderungen anzustoßen. Viele kleine Schritte bewirken oft große Veränderungen. Ich sehe es als Aufgabe jedes Menschen, einen solchen Schritt hin zu mehr ökologischem Bewusstsein zu gehen.
 
Das muss nicht immer spektakulär und radikal sein. Es hilft schon, wenn Menschen dafür gewonnen werden, ihr Verbraucherverhalten zu überdenken und zu verändern, indem sie etwa regionale und saisonale Lebensmittel kaufen, die möglichst wenig negative Auswirkungen auf Klima und Artenschutz haben. Die Aussage, dass ich als Einzelner nichts bewegen kann oder es ohnehin zu spät sei, lasse ich deshalb nicht gelten. Wir haben mit unserem Umwelt-Verhalten eine Verantwortung für die kommenden Generationen.
Um Veränderungen zu erreichen, muss man bereit sein, Kompromisse einzugehen. Deshalb halte ich es auch für einen Schritt in die richtige Richtung, wenn Biowaren von Discountern und in Supermärkten angeboten werden. Nicht jeder geht gerne in den traditionellen Naturkostladen.
 
Ich bin dagegen, missionarisch mit erhobenem Zeigefinger zur Umkehr zu mahnen. Vielmehr muss man den Menschen Möglichkeiten und Wege aufzeigen, wie sie umkehren können. Dafür sind vor allem Vorbilder nötig, die mit gutem Beispiel vorangehen. Umkehr muss auch Spaß machen dürfen und gesellschaftliche Anerkennung bringen. Deshalb sollte auch keinem ein schlechtes Gewissen eingeredet werden, wenn er teils Bio- und teils konventionell hergestellte Lebensmittel kauft.
 
Das Argument, Bio-Lebensmittel seien für viele Menschen nicht erschwinglich, lasse ich aber nur bedingt gelten. Natürlich wird es immer einen (kleinen) Teil der Bevölkerung geben, der es sich nicht leisten kann. Viele andere tun es nicht, obwohl sie es könnten. Man sollte einfach mal überlegen, wofür man sein Geld ausgibt. Dann sieht man viele Einsparmöglichkeiten in anderen Bereichen. Und warum nicht lieber weniger, aber gutes und artgerecht produziertes Fleisch essen?

Umkehr in der Landwirtschaft tut unbedingt Not, weil die Art, wie wir in Europa und Nordamerika Lebensmittel erzeugen und konsumieren weder nachhaltig für die Natur, noch fair gegenüber den Produzenten ist. Mit ihrem großen Einsatz von Spritz- und Düngemitteln, der Form der Tierhaltung, der vielen Energie, die verbraucht wird, und den weiten Wegen ist sie kein Vorbild für die gesamte Weltbevölkerung.
 
Jeder Landwirt, der seinen Betrieb auf biologischen Landbau umgestellt hat, erkennt rasch die Vorteile. Da bei uns in Deutschland ein Landwirt statistisch 130 Verbraucher ernährt, haben die Bauern auch eine gesellschaftliche Verantwortung. Umkehr wäre aber auch wichtig in der Art, wie wir unseren Lebensstandard definieren. Zum guten Leben müssen nicht Flugreisen oder billige Lebensmittel gehören.
 
Matthias Strobl (42) ist Agraringenieur und seit acht Jahren Geschäftsführer des Bioland-Landesverbands Baden-Württemberg mit Sitz in Esslingen. Er lebt mit seiner Familie in Esslingen.
 


Umkehr im Angesicht Gottes ist keine Kehrtwende

Romeo Edel

Romeo Edel


Von Romeo Edel

Wer kehrt schon gerne um? Da bin ich unterwegs, habe meine Unternehmung gut geplant, und dann merke ich, hier bin ich falsch, ich bin nicht da, wo ich hin wollte. Aber das kann doch gar nicht sein. Hier müsste es doch weitergehen. Und dann suche ich einen anderen Ausweg oder Umweg, aber umkehren, nein umkehren, das will ich nicht.

Warum eigentlich nicht, was fällt uns daran so schwer? Es ist wohl das Eingeständnis, da ist etwas falsch gelaufen. Ich habe mich geirrt, ich habe einen Fehler gemacht. Sich dies einzugestehen fällt schwer - erst recht vor den Augen anderer.

Fehler einzugestehen, Schwächen zuzugeben, das sind Tugenden, die wir in unserem Leben und unserer Gesellschaft viel zu wenig einüben.
Und unsere Umgebung macht es uns oft auch nicht gerade leicht. Wir haben keine fehlerfreundliche Gesellschaft. Da ist kein Platz für Irrtümer und Schwächen, wenn nur Leistung zählt.

Daran denke ich, wenn wir wie jedes Jahr den Buß- und Bettag begehen. Es ist ein Tag, der uns zu innerer Einkehr und zu Besinnung aufruft. Buße meint Umkehr. Es ist die Aufforderung inne zu halten und unser Leben zu überdenken.
Und das meint nicht nur mein persönliches Leben. Da geht es auch um das Zusammenleben in unserer Gesellschaft und unserer Welt. Und es ist schon bemerkenswert, dass wir ausgerechnet diesen Denktag als gesetzlichen Feiertag abgeschafft haben. So, als ob es das nicht mehr bräuchte: die Aufforderung zur Buße und zur Umkehr.

Zu Beginn des Markus-Evangeliums hören wir eine Kurzform der Predigt Jesu: „Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist nahe herbei gekommen, kehret um und glaubt an das Evangelium.“

Erfüllte Zeit ist Zeit, in der Gott uns nahe kommt. Und wo Gott mir nahe kommt, da werde ich von seinem Ruf berührt, der mich auffordert eingeschlagene falsche, für mich und andere schädliche Wege zu verlassen.
Das ist Evangelium - gute Nachricht - wenn ich mich von Gott anrühren lasse zu einem neuen, zu einem anderen Weg.

So könnten wir sagen, Umkehr meint eigentlich sich umkehren lassen von Gott. Oder nochmals anders: Die Umkehr im Angesicht Gottes ist keine Kehrtwende um 180 Grad, sondern es ist eine Wende um 90 Grad nach oben, weil wir von dort die Kraft zur Wende erwarten dürfen. Gott will uns verändern.

Romeo Edel (53) ist seit neun Jahren Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde St.Bernhardt-Wäldenbronn in Esslingen.