Theologische Begriffe erklärt: Verehrung

Beitrag zu Mariae Himmelfahrt am 15. August 2009

Ehrerbietung und Respekt für die Menschen

Von Frieder Lempp
 
Verehrung ist für mich in erster Linie etwas Religiöses. Als Protestant, der aus einem Pfarrhaus kommt, liegt mir Verehrung ferner als meiner katholischen Frau. Ich spreche in Bezug auf Menschen lieber von Ehrerbietung, Achtung und Respekt. Das hat auch mit dem Alter zu tun. Als Teenager tendiert man dazu, Stars und Sternchen zu verehren – als etwas mehr oder weniger Unerreichbares. Ich habe vor vielen Menschen Respekt - wegen der Arbeit, die sie tun, oder ihrer Leistung, aber deswegen verehre ich sie nicht, sondern bewundere sie vielleicht.

Das gilt auch in meinem Beruf. Ich bringe als Gastgeber meinen Hotelgästen Ehrerbietung entgegen und Hochachtung, weil sie Menschen sind, genauso wie meine Mitarbeiter – denen ich genauso viel Respekt zolle wie den Gästen - und ich. Diese Ehrerbietung dem Gast gegenüber gehört als innere Einstellung zu einem professionellen Verhalten. Es muss uns Spaß machen, einen Dienst zu leisten, ohne sich als Sklave zu fühlen.
Ich trete jedem Gast gastfreundlich entgegen. Für mich steht der Mensch im Vordergrund, nicht die Position. Andererseits darf ich die Position nie vernachlässigen. Es gehört zum Beispiel einfach dazu, dass ich Gäste, die in der Öffentlichkeit stehen, persönlich begrüße, wobei ich mich in diesen Fällen nicht nur als Hoteldirektor verstehe, sondern auch als Repräsentant der Stadt.
Als Hotelmitarbeiter muss man ein Gespür dafür entwickeln, wie der Gast behandelt werden will. Nicht alle möchten nämlich, dass man sie hofiert. Auch viele hochgestellte Persönlichkeiten mögen es viel lieber, wenn man kein großes Brimborium um sie macht. Den meisten Gästen gefällt es besser, wenn es in einem Hotel „menschelt“ statt des steifen „Bücklingsverhaltens“. Ich versuche neben dem professionellen Gastgeber auch die menschliche Seite zu zeigen.

Überhaupt hat sich dies in den 40 Jahren, die ich nun im Hotelfach arbeite, geändert. Das Steife, Servile ist bei den Gästen nicht mehr so erwünscht wie früher. Dennoch darf dies nicht in Kumpelhaftigkeit umschlagen. Es ist wichtig, Nähe und Distanz genau auszutarieren.

Mitarbeiter im Hotel müssen neben Kommunikationsfähigkeit deshalb soziale Kompetenz mitbringen und die Freude daran, mit Menschen umzugehen. Sie müssen Dienstleister aus Überzeugung sein und dürfen nicht das Gefühl haben, deswegen minderwertig zu sein. Bedienen ist unser Job, aber auf gleicher Augenhöhe!

Früher war es so, dass der Gast immer Recht hatte, heute sehen wir uns als Geschäftspartner. Respekt und Ehrerbietung haben dort ihre Grenzen, wo meine Mitarbeiter persönlich angegriffen werden. Ist Kritik berechtigt, entschuldige ich mich. Ich sage aber auch klar, wenn Vorwürfe oder Reklamationen nicht gerechtfertigt sind. Und ich mache klar, dass wir keine Lakaien sind.

Frieder Lempp (56) ist seit zwei Jahren Hoteldirektor des Best Western Premier Hotels Park Consul beim Esslinger Neckarforum.


Hinauf gucken

Von Hans Nagel

Es war für die Kinder der dritten Klasse im Kommunionunterricht nicht ganz einfach, dieses lange Wort mit elf Buchstaben heraus zu bekommen. Denn in ihrem Sprachschatz kommt es nicht vor. Gemeinsames  Buchstabieren ergab „ehr-fürch-tig“. Was ist denn das? Ich versuchte mit verschiedenen Impulsen auf die Sprünge zu helfen: Sehr geehrter Herr, sehr geehrte Frau, ehren, fürchten, verehren ... „Isch des so, wia wenn man zu ebbr nauf guckt ...?“ -kam die treffende Erklärung aus dem Mund eines klugen Köpfchens.

Richtig! Wenn man zu jemand „nauf guckt“, verehrt man ihn. Man gibt zu: der oder die ist größer als ich, kann mehr als ich, ist mir voraus und überlegen. Als Beispiele werden genannt: Vater und Mutter, größere Geschwister, natürlich die Lehrerinnen, der Rektor, der Arzt, der Pfarrer, der Busfahrer, der Polizist. Verehrungswürdige Respektspersonen aus unserem nächsten Lebenskreis. Wenn man aber jemand gar nicht leiden kann, guckt man auf ihn „hinunter“.
 
Zu  Menschen aus der Bibel schauen wir auf. Sie sind Vorbilder für uns. Wir kennen sie, wir mögen sie, wir verehren sie. Am bekanntesten Jesus, seine Mutter Maria  oder König David oder Abraham oder Mose.  Sie sind Vorbilder im Leben und im Glauben. Sie zeigen uns den Weg zu Gott. In unseren Kirchen sind ihre Figuren. Der Kalender vermerkt  ihre  Gedenktage.

Etwas einmalig Schönes sehen wir am Marienportal an der Südseite der Esslinger Frauenkirche - Ereignisse aus dem Leben der Mutter Gottes. Es lohnt sich, hinauf zu gucken. Wie kein anderer Mensch auf Gottes Erdboden ist Maria zum Vorbild des glaubenden Menschen geworden. Sie hat ihren Leib dem göttlichen Wort zur Verfügung gestellt, damit es „Fleisch“ werden konnte. Im unteren Feld links sieht man die Geburt Jesu mit Krippe und Ochs und Esel. Auf der rechten Seite kommen die Weisen aus dem Morgenland, um den neu geborenen König anzubeten und  zu verehren.
 
Die breit angelegte Szene im Mittelfeld stellt den Tod Mariens dar im Kreis der Jünger Jesu. Wer wie diese Frau  gläubig gelebt hat, kann selig sterben. Im spitzen Bogenfeld oben nimmt Christus, der Sohn der Jungfrau Maria und Herr des Himmels, die Seele seiner Mutter ins ewige Leben auf. Damit ist gesagt, dass sich ein Leben aus dem Glauben und in der Nachfolge in Gottes Herrlichkeit vollenden wird – gemäß dem Wort Jesu: „Wo ich bin, dort wird auch mein Diener (meine Dienerin) sein“.

Katholische Frömmigkeit verehrt und feiert diese Aussage des Glaubens am Fest der Aufnahme Mariens in den Himmel – jedes Jahr am 15. August. Dass die Verehrung der Mutter des Herrn als Vorbild im Glauben dem evangelischen Teil der Christenheit nicht fremd ist, zeigt seit Jahrhunderten dieses Portal an der evangelischen Bürgerkirche unserer Stadt. Zur Betrachtung, zur Verehrung und zur Nachahmung ist es für alle da. Man sollte „ehrfürchtig hinauf gucken“.

Hans Nagel ist katholischer Pfarrer in Oberesslingen und Zell