„Kannst Du am kommenden Dienstag zum Elternabend gehen?“, fragt mich meine Frau. „Ich habe an dem Abend eine Sitzung“, schiebt sie nach. Weil wir beide berufstätig sind und vier Kinder haben, haben wir dieses Gespräch schon oft geführt. Zugegeben, sie ist öfter zum Elternabend gegangen; manchmal waren wir auch zu zweit auf dieser Abendveranstaltung.
Elternabende sind seltsame Veranstaltungen. Sobald sie die Tür zum Schulhaus betreten, fühlen sich Mütter und Väter zurückversetzt in ihre Kindheits- und Jugendtage. Vielleicht liegt es am Geruch? Wie evangelische Gemeindehäuser so haben auch Schulhäuser einen ganz besonderen Geruch. Es ist eine Mischung aus den Farben des Kunstraums, den Resten der Versuche aus dem Chemiesaal, dem Mief alter Turnschuhe, Putzmitteln, Pausenbroten, Äpfeln und Orangen.
In der Grundschule müssen die Eltern auf den absurd kleinen Stühlen der Kinder sitzen. Aber auch in den weiterführenden Schulen fallen die Eltern zurück in die Schülerrolle. Viele haben einen Block und einen Stift mitgebracht, den sie schon vor Beginn des Abends auf den Tisch legen. In Zeiten der Globalisierung liegt auf dem Elternabend eine bedrückende Schwere des Konkurrenzdrucks. Viele treibt unausgesprochen die bange Frage um, ob es ihr Kind schaffen wird. Darauf aber werden sie an diesen Abenden keine Antwort bekommen.
Obwohl die meisten Eltern täglich im Beruf erfolgreich ihren Mann und ihre Frau stehen und zum Teil große Verantwortung tragen, verstummen sie nun im Klassenzimmer. Artig sitzen sie und warten auf das Kommende. Aber natürlich gibt es auch unter den Eltern die klassischen Rollen (der Schülertypen): Die Streberin hat sich heute besonders fein gemacht, der Rebell hat schon einmal die Beine locker übereinandergeschlagen, der Schaumschläger wartet auf seinen Einsatz, der Klassenkaspar freut sich auf die kommenden Pointen.
Pädagogisch sind Elternabende meist klassisch gehalten. Vorn spricht die Lehrerin oder der Lehrer, die Eltern hören zu. Einige schreiben auf ihren Blöcken das Gesagte emsig mit. Ich tue das nicht. Dass das Mündliche im Fach Gemeinschaftskunde mit 30% gewertet wird, soll sich mein Sohn aufschreiben, denke ich. Elternabend haben auch urkomische Szenen. Eine Mutter meldet sich und führt aus, dass sie es eigenartig finde, wie die Lehrerin das Relativpronomen eingeführt habe. Ich erschrecke innerlich; denn ich wusste gar nicht, dass das Relativpronomen bei meinem Sohn schon eingeführt wurde.
Manchmal stimmen Lehrer ein Klagelied auf die Klasse an. Als ich das erste Mal von der Klassenlehrerin zu hören bekam, dass die Klasse meine Tochter die schlimmste in all den Jahren ihrer Berufstätigkeit sei, habe ich meine Tochter am anderen Morgen zu Rede gestellt. Sie meinte, dass sich alles ganz anders darstelle. Nun stand ich da wie der Ochs vor dem Berg. Ich konnte die Erzählungen meiner Tochter nicht mit dem Bericht der Lehrerin zusammenbringen.
Im Römischen Recht gibt es den Grundsatz „Audiatur et altera pars“. Er besagt, dass auch die andere Seite zu hören sei. Mit dieser Maxime bin ich im Leben sehr gut gefahren. Es ist immer besser, mit anderen als über andere zu reden. Natürlich können nicht alle Schülerinnen und Schüler zum Elternabend kommen. Dann würden die Klassenzimmer aus den Nähten platzen. Aber zwei, drei mutige Schüler würden dem Elternabend guttun. Ich finde, dass die Frage „Kannst Du am kommenden Dienstag zum Elternabend gehen?“ nicht nur zwischen Vater und Mutter gewechselt werden sollte, sondern auch unter Schülern. Dann könnte man endlich miteinander statt übereinander reden. Ich würde gerne meine Tochter fragen „Können wir am Dienstag zusammen zum Klassenabend gehen?“
Peter Schaal-Ahlers
Esslinger Citypfarrer und Pfarrer an der Evangelischen Stadt- und Frauenkirchengemeinde