Wer Gott ist und wer der Mensch

Denkanstoß von Pfarrerin Dr. Gudrun Holtz

Dr. Gudrun Holtz

Dr. Gudrun Holtz


Vor einigen Wochen bin ich auf das Buch: “Brief an mein Leben. Erfahrungen mit einem Burnout” gestoßen. Geschrieben hat es Miriam Meckel, eine sehr erfolgreiche Frau Anfang vierzig.
 
Sie war bereits in ganz jungen Jahren Regierungssprecherin und Staatssekretärin für Medien in Nordrhein-Westfalen. Danach ist sie als Professorin für Kommunikationswissenschaften nach St. Gallen gewechselt. Daneben hat sie sich als erfolgreiche Autorin hervorgetan. Und als hätte all das für das Selbstwertgefühl noch nicht gereicht, waren ihr die 250 E-Mails, die sie täglich erhielt, und die 40 000 pro Jahr zurückgelegten Flugkilometer zusätzliche Zeichen der Selbstvergewisserung. Sie war wichtig, begehrt, bedeutend.
 
Krankheiten waren lästige Störungen, bis es irgendwann nicht mehr geht: Schwächegefühle, Energiemangel, Schlafstörungen, Herzklopfen, Schweißausbrüche, Kopf- und Rückenschmerzen, Konzentrationsstörungen - Zeichen eines Burn-out. Die Frau, die keine Grenzen kannte und keine Grenzen akzeptierte, muss in der Klinik lernen, dass der menschlichen Leistungsfähigkeit Grenzen gesetzt sind. Vor allem aber beginnt Meckel dort, zwei Götzen unserer Zeit in Frage zu stellen: die Funktionstüchtigkeit und die Allerreichbarkeit.
Abends um 22 Uhr trinkt man schnell eine ordentliche Portion Kaffee, um noch ein paar Stunden am Schreibtisch durchzuhalten. Die Ränder unter den Augen schminkt frau sich am Morgen weg. Eine Grippe wird nicht im Bett auskuriert, sondern mit Tabletten niedergedrückt. Über E-Mail und SMS sind wir ständig erreichbar. Und umgekehrt können auch wir über das Internet 24 Stunden am Tag mit der Außenwelt in Kontakt treten.
 
Die traditionelle Woche, die zwischen fünf Arbeitstagen und dem Wochenende unterscheidet, zwischen Arbeitszeit und Freizeit, ist für viele aufgehoben. 70% der Arbeitnehmer sollen mittlerweile auch in ihrer Freizeit für Kunden und Arbeitgeber erreichbar sein. Die Welt ist im Positiven wie im Negativen grenzenlos geworden.

Erst ihr Klinikaufenthalt bringt Mirjam Meckel dazu, sich der Grenzen menschlicher Leistungs-fähigkeit bewusst zu werden. Sie plädiert nun dafür, die Grenzen zu akzeptieren, die dem Menschen gesetzt sind, und Grenzen zu markieren, die das Innere der Person schützen. Es geht ihr darum, die Souveränität über das eigene Leben zurückzugewinnen, die Allverfügbarkeit und Allpräsenz zu begrenzen.

Theologisch gedeutet, ist Meckels Geschichte höchst spannend. Sie ist ein weiteres Kapitel in einer uralten, bis zu Adam und Eva zurückreichenden Geschichte: Sie spielt nun eben im Zeitalter der Globalisierung. Es geht darin um die Frage, wer Gott ist und wer der Mensch. Adam und Eva haben die verbotene Frucht im Paradies gegessen, weil sie die ihnen von Gott gesetzte Grenze nicht akzeptieren wollten. Die Bibel nennt dies auch: Sein-wollen-wie-Gott. Dazu gehört, niemanden über sich haben zu wollen, überall gleichzeitig sein zu wollen, angebetet bzw. bewundert werden zu wollen.

Über sich hinauszuwachsen, Grenzen zu überwinden, gehört auch für die Bibel zum Menschsein dazu. Der Mensch wird beauftragt, sich die Erde untertan zu machen und über die Tiere zu herrschen. Dazu muss er über sich hinauswachsen.
 
Damit aber ist der Grundkonflikt, in dem der Mensch steht, bereits angelegt. Der Mensch soll Grenzen überwinden, um seinen göttlichen Auftrag zu erfüllen. Zugleich aber soll er die ultimative Grenze zwischen Gott und Mensch respektieren. Diese Grenze wird, wie Meckel ahnt, durchbrochen, wenn der Mensch in die Allgegenwartsfalle, die Perfektions- oder die Wichtigkeitsfalle tappt. Denn Allgegenwart, Vollkommenheit und Unersetzlichkeit sind göttliche Eigenschaften. Der Mensch kann sich solche Attribute nur um den Preis einer ihn überfordernden Selbstvergottung anmaßen. Insofern ist Meckels Buch auch ein Plädoyer für die Unterscheidung von Gott und Mensch, die es dem Menschen erlaubt, einfach nur Mensch zu sein.
  
Gudrun Holtz ist Pfarrerin der Evangelischen Klosterkirchengemeinde Denkendorf. Zusammen mit anderen evangelischen und katholischen Kollegen schreibt sie Denkanstöße in der Eßlinger Zeitung.