Würden Sie bitte Ihren Hut abnehmen?

Denkanstoß von Pfarrer Peter Schaal-Ahlers


In letzter Zeit treffe ich in Kirchen zunehmend Männer mit Wollmützen, Hüten und Baseballkappen an. Bei diesen Männern handelt es sich nicht nur um Touristen, die von weither kommen und unsere Sitten nicht kennen. Auch einheimische Männer mit Hut sitzen immer häufiger neben mir in der Kirchenbank bei Kirchenkonzerten und Gottesdiensten. Klar, Hüte und Mützen sind derzeit sehr in Mode. Ich weiß natürlich auch, dass viele sich gar nichts dabei denken, wenn sie in der kalten Kirche ihre schicke Wollmütze aufbehalten. Niemand hat ihnen beigebracht, dass es sich als Mann nicht ziemt, in Kirchen eine Kopfbedeckung aufzuhaben. Dass Frauen von dieser Vorschrift nicht betroffen sind, hat eine lange Geschichte. Sie sprengt hier den Rahmen.

Obwohl ich all das weiß, stören mich Männer mit Mützen im Kirchraum trotzdem.  Und ich glaube, dass mein Unwohlsein mehr ist als eine kulturpessimistische Alterserscheinung und kleinkariertes Spießertum. Schmunzelnd beobachte ich Menschen, die gerade mit mir das Brahmsrequiem hören, und alle paar Minuten eine Plastikflasche aus der Tasche ziehen um daraus zu trinken. Auch Kaugummikauen ist in Kirchen mittlerweile an der Tagesordnung. Die Zeiten ändern sich.

Wenn Männer im Kirchenraum ihren Hut nicht abnehmen, bin ich jedoch nicht so gelassen. Das Abnehmen der Kopfbedeckung beim Betreten eines Kirchraums ist in der Christenheit eine symbolische Geste mit langer Tradition. Der Mann, der seinen Hut abnimmt, zeigt, dass eine Kirche ein anderer, ein fremder  Raum ist. Wer seine Mütze abnimmt, weiß darum, dass hier im Kirchraum ein ganz Anderer erwartet wird. Völlig unwichtig ist, ob der Besucher der Kirche selbst an Gott glaubt oder nicht.

Wer seinen Hut zieht, drückt damit Ehrfurcht und Respekt vor Gott aus.  Das ist ein großer Gedanke. „Wer vor Gott kniet, kann vor Menschen aufrecht stehen.“ hat der evangelische Pfarrer und Evangelist Wilhelm Busch gesagt. Demut vor Gott lässt mich das tägliche Gebrabbel vom Börsenparkett nicht ganz so wichtig nehmen.

In unserer pluralen und multireligiösen Gesellschaft ist es wichtig, die eigenen Traditionen wie die der anderen zu kennen. Wer seine eigenen Wurzeln nicht kennt, wird halt- und orientierungslos. Wer die Traditionen der anderen nicht kennt, verhält sich grob und rücksichtslos. Wenn ich eine Moschee betrete, habe ich meine Schuhe auszuziehen. Wenn ich das nicht will, bleibe ich draußen. In einer Synagoge hingegen muss ich als Mann mein Haupt bedecken. Diese Regeln kann man lernen.

Nun sind unsere Kirchen in der Esslinger Innenstadt den ganzen Tag geöffnet. Das ist ein schöner Zug der Stadtkultur. Die Kirchen sind Orte, wo jeder ohne Ticket hineingehen kann. Keiner ist in diesen einzigartigen Räumen unerwünscht. Anders als vor der Disko gibt es hier keine Türsteher, die auf Kleidung, Geschlecht, Vermögen, Etikette und Hautfarbe der Besucher achten. Diese große Freiheit ist aber auch eine große Herausforderung. Jedem einzelnen wird zugemutet, selbst zu wissen, wie er sich angemessen zu verhalten hat.
 
Kulturelle Sensibilität will gelernt sein. Dass Menschen selbst wissen, wie sie sich in fremden Räumen zu benehmen haben, ist wichtig für eine Gesellschaft, in der Menschen mit verschiedenen Religionen und Weltanschauungen zusammenleben. Könnte es sein, dass wir in einer pluralen Gesellschaft alle zugleich als Lernende und Lehrende gefordert sind?

Ich jedenfalls will deutlich machen, was mir wichtig ist; und ich will auch verstehen, was anderen heilig ist. Darum gehe in Kirchen weiter lächelnd auf Männer mit Kopfbedeckung zu und sage: „Würden Sie hier in dieser Kirche bitte Ihren Hut abnehmen?“ Dass ich dabei freundlich und nicht kleinkariert und biestig wirke, hoffe ich. Sicher bin ich mir nicht.