Kloster für die Stadt

Franziskanerkirche - Foto: Peter Köhle

Ein gotisches Kleinod wurde saniert

Im Januar 2004 konnte die Evangelische Gesamtkirchengemeinde Esslingen die Sanierung der Franziskanerkirche, die im Volksmund in Esslingen etwas despektierlich  „Hintere Kirche“ genannt wird, abschließen. Der Begriff „Franziskanerkirche“ ist eigentlich irreführend, da von der einst stattlichen dreischiffigen Basilika in der östlichen Altstadt heute nur noch der Lettner und der Chor stehen. 1840 wurde die Kirche abgebrochen. Gotischer Baustil stand damals nicht hoch im Kurs. Alte Kirchen hatte man in Esslingen mehr als genug. 1,8 Millionen Euro hat die Restaurierung des 1290 fertig gestellten Chores gekostet. 100 000 Euro haben Esslinger Bürgerinnen und Bürger, die sich in einem Förderverein organisiert hatten, an Spenden aufgebracht.

Anknüpfen an die Tradition des Ortes

Nachdem die Sanierung abgeschlossen war, sollte in dem Kirchraum wieder geistliches Leben entstehen - ein geistliches Zentrum, das an die Tradition der Franziskanermönche in Esslingen anknüpft. Mit dem "Kloster für die Stadt" ist ein Ort entstanden, wo man dem Alltag entfliehen kann.

Altar in der Franziskanerkirche

Eigentlich ist ein „Kloster für die Stadt“ ein Widerspruch in sich selbst, denn das Wort „Kloster“ kommt vom lateinischen „clausus“, das mit „verschließen“ (vgl. Klausur) übersetzt werden kann. „Kloster“ meint also Rückzug, sich abschließen als Grundzug katholischer Spiritualität. Dass sich die Mönche von der Welt abwenden und so der eigentlichen Nachfolge entfliehen, war einer der Hauptvorwürfe der Reformatoren gegen klösterliches Leben. Weil sich Nachfolge im Alltag der Welt bewähren sollte, wurden folgerichtig in Esslingen 1531 alle Klöster geschlossen.

Hinwendung zu den Armen

1226, im Todesjahr des Heiligen Franziskus, waren die Franziskanermönche nach Esslingen gekommen. Dort, wo die Armen hausten, wo Prostituierte ihrer Arbeit nachgingen, am Stadtrand in der Nähe noch nicht trocken gelegter Sümpfe, ließen sich die von Franz von Assisi inspirierten Bettelmönche nieder. Intensiv widmeten sie sich der Seelsorge auch einfacher Menschen. Volkstümlich predigten sie in deutscher Sprache. So wurden sie rasch sehr beliebt. Ihre auf Gerechtigkeit und Menschlichkeit zielende kommunale Friedensarbeit führte bald zu großzügigen Stiftungen. Das Kloster wuchs zu einem bedeutenden Konvent der Franziskaner heran.

Sichtbar ist die vergangene Pracht des Klosters durch Glaskunst. Ein ehemals 45 Scheiben umfassender Glasfensterzyklus erstrahlt im Kirchenraum. Spiritualität, diakonische Zuwendung und Kunst machen die Tradition des eher versteckt in der Oststadt gelegenen Sakralraumes aus.

Christus am Lebensbaum - Foto: P. Köhle

Christus am Lebensbaum - Foto: P. Köhle

Über Jahrhunderte war Esslingen eine evangelische Stadt, ein evangelisches Kloster war völlig undenkbar. Mit dem Zusatz „für die Stadt“ kommen nun die Zuwendung zur Welt und die Einmischung in die Welt als Grundzüge protestantischer Frömmigkeit ins Spiel: der Rückzug von der Welt und die Zuwendung zur Welt. Die Anknüpfung an katholische Spiritualität wie auch das Leben protestantischer Frömmigkeit sollen an diesem Ort zusammen kommen.

Im Kloster für die Stadt soll keine neue Gemeinde gesammelt werden. Menschen kommen hierher auf Zeit, um sich geistlich zu ernähren und Glaubensfragen zu vertiefen. 

Moderne Kunst im ehemaligen Kreuzgang

Kreuzigungsgruppe von Alfred Hrdlicka - Foto: U. Rapp-Hirrlinger

Seit Juli 2007 ist im Kreuzgang der ehemaligen Franziskanerkirche eine Kreuzigungsgruppe der Wiener Steinbildhauers Alfred Hrdlicka zu sehen. Die Leihgabe des Landkreises wie der Kreissparkasse soll hier dauerhaft bleiben und Besucher von nah und fern zu einer Auseinandersetzung mit dem Karfreitagsgeschehen herausfordern.

 

Die Franziskanerkirche in Esslingen ist täglich von 9 bis 18 Uhr geöffnet.

Kontakt
Dekanatamt Esslingen, Tel. 0711 39 69 73 40
dekanatamt.esslingendontospamme@gowaway.elk-wue.de