Euthanasie-Projekt: Magdalene ihre Würde wiedergeben

Magdalene Maier-Leibnitz

Magdalene Maier-Leibnitz war das letzte Euthanasie-Opfer aus der privaten Heilanstalt in Esslingen-Kennenburg, das von den Nationalsozialisten ermordet wurde. 1941 starb sie in der NS-Tötungsanstalt Hadamar in Hessen.

 

Ihr Schicksal ist eines von mehreren, denen die Esslinger Kulturwissenschaftlerin Dr. Gudrun Silberzahn-Jandt im Auftrag der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde Esslingen und des Esslinger Stadtarchivs nachgespürt hat. Die ersten Forschungsergebnisse über Menschen mit Behinderungen, die von Kennenburg aus als angeblich „unwertes Leben“ in den Tod geschickt wurden, präsentierte sie jetzt der Öffentlichkeit. Anhand der Biografien der Opfer soll ein Bild der Euthanasie in Esslingen entstehen.

Magdalene mit ihren Geschwistern in Esslingen

Magdalene Maier-Leibnitz´ Fall ist durch rund 200 Briefe und die fast vollständigen Krankenakten so gut dokumentiert wie kaum ein anderer. Zudem stimmte die Familie der Veröffentlichung ihres Namens zu – für Gudrun Silberzahn-Jandt ein Weg „den Opfern ihre Würde wiederzugeben“. Die 1916 in Esslingen geborene junge Frau stammte aus prominenter Familie. Ihr Onkel war Reinhold Maier, Baden-Württembergs erster Ministerpräsident, ihr Vater Hermann Maier-Leibnitz Professor an der Universität Stuttgart. Magdalenes älterer Bruder Heinz war später nicht nur ein renommierter Physiker und Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, sondern in zweiter Ehe auch mit der Demoskopin Elisabeth Noelle-Neumann verheiratet. Magdalene wuchs in Esslingen in der Deffnerstraße auf und besuchte das Georgii-Gymnasium, das sie jedoch Anfang der 30er Jahre verließ, ebenso wie darauf das Internat Salem am Bodensee. „Sie war als Kind häufig krank, galt als sonderlich, ohne dass eine Diagnose gestellt wurde“, berichtet Gudrun Silberzahn-Jandt.
Schizophrenie wurde erst 1935 diagnostiziert.

Madgalene in Arosa um 1934

1938 schließlich kam Magdalene nach Kennenburg. Die private Heilanstalt unterstand Reinhold Krauß und seinem Sohn Paul. Wie viel diese wussten vom Euthanasie-Projekt T 4 – benannt nach Berliner Zentrale für die systematische Ermordung behinderter Menschen  in der Tiergartenstraße 4 – sei nicht klar, sagt die Wissenschaftlerin. Belegt sei jedoch, dass es den beiden gelang, von den 15 für die Ermordung vorgesehenen Menschen aus Kennenburg sieben zu retten. Magdalene gehörte nicht dazu.

Offizielle Todesnachricht an die Familie

In Stasi-Archiven tauchten nach der Wiedervereinigung auch die Krankenakten von Euthanasie-Opfern aus der Privatklinik Kennenburg auf. Diese hatte zuletzt 46 Patientinnen und Patienten, von denen sieben 1940 in der Tötungsanstalt Grafeneck bei Reutlingen vergast wurden. 1941 starb als Letzte Magdalene in Hadamar – angeblich an einer Lungenblutung als Folge von Tuberkulose, wie die Nachricht an ihre Familie lautet.  Auch in ihrem Fall hatten die Klinikleiter versucht, die Verlegung zu verhindern, allerdings erfolglos. Im gleichen Jahr wurde Kennenburg geschlossen.

Traueranzeige für Magdalene Maier-Leibnitz

Obwohl die Heilanstalt damals keine städtische Einrichtung war, ist es für Stadtarchivar Dr. Joachim Halbekann wichtig, diesen Aspekt der Esslinger Geschichte zur NS-Zeit aufzuarbeiten. „Wir erwarten uns bedeutende Einblicke“, sagt er im Blick auf die Forschungsarbeit von Gudrun Silberzahn-Jandt. Angestoßen wurde das Projekt von Pfarrer Reiner Zeyher, bis vor zwei Jahren evangelischer Pflegeheimseelsorger im Geriatrischen Zentrum Kennenburg. „Es ist ein Teil der Geschichte, die wir ganz bewusst wahrnehmen müssen“, betont Dekan Dieter Kaufmann. Ihm ist die Veröffentlichung der Forschungsergebnisse ein Anliegen. Möglicherweise wird das Projekt auf ganz Esslingen erweitert: „Was geschah mit denen, die in anderen Anstalten in Esslingen waren oder was passierte an Sterilisationen oder Abtreibungen im Esslinger Krankenhaus?“, fragt Joachim Halbekann. Je nach Quellenlage könne er sich vorstellen, die Euthanasie-Forschung fortzusetzen: „Das täte der Geschichtsschreibung über Esslingen gut.“