Reformation in Esslingen

Wie Esslingen evangelisch wurde: Ein Steifzug zu wichtigen Orten der Reformationsgeschichte in Esslingen

Brennender reformatorischer Eifer

1531 wurde in der Freien Reichstadt Esslingen der evangelische Glaube eingeführt. Dieser Beschluss des Rates der Stadt hat eine lange Vorgeschichte und war nicht ungefährlich, denn Esslingen war zu dieser Zeit von Württemberg, das von den Habsburgern besetzt war, eingekreist. Die Einführung des evangelischen Glaubens in Esslingen geschah zudem gegen den ausdrücklichen Willen des Kaisers. Da es in Esslingen keinen charismatischen Prediger gab, der die Reformation hätte einführen können, forderte der Rat der Freien Reichstadt den reformierten Prediger und Reformator Ambrosius Blarer aus Ulm an. Dieser wirkte ein dreiviertel Jahr in Esslingen. Die Stadt erlebt bewegte Monate. Davon berichtet Ambrosius Blarer seinem Freund Butzer im Oktober 1531: "Der brennende Eifer ist nicht zu bändigen. Er steht täglich neu auf." In kurzer Zeit wurde die Stadt in wichtigen Bereichen neu geordnet: Die Messe wurde abgeschafft, die Klöster wurden geschlossen, eine Zuchtordnung eingeführt und die Armenfürsorge neu geregelt.

Wenige Jahre später schloss sich Esslingen der lutherischen Lehre, die 1534 auch in Württemberg eingeführt worden war, an.

Da Esslingen bis auf den großen Stadtbrand von 1701 wenig zerstört wurde, sind viele Brennpunkte des Reformationszeitalters heute in der Stadt noch besichtigen.

Mehr darüber können Interessierte bei einer
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Pfarrer Christoph Bäuerle
Tel. 0711 - 39 69 73 48
christoph.baeuerledontospamme@gowaway.elk-wue.de

Augustinermönch bekennt sich zur Reformation

Reste des Augustinerklosters - Foto: P. Schaal-Ahlers

Im ehemaligen Augustinerkloster wurden die ersten reformatorischen Predigten in Esslingen gehalten. Der Augstinermönch und Mathematiker Michael Stifel war mit den Schriften Luthers in Berührung gekommen und bekannte sich bereits 1522 in dem Traktat »Von der Christförmigen, rechtgegründeten Lehre Doktor Martin Luthers« entschieden zur Reformation.

In der Stadtkirche St. Dionys ist im Chor Johannes von Ecken begraben. Der altgläubige Jurist verstarb 1524 in Esslingen, als er bei einem Prozess des Reichskammergerichts zu tun hatte. Johannes von Ecken hat 1521 auf dem Reichstag zu Worms Martin Luther verhört. Heute erinnert seine Grabplatte an der Südwand des Chores der Stadtkirche an diese bedeutenden Mann des Reformationszeitalters.

Lebensgefährlicher Bekennermut

Ehemaliges Rathaus - Foto: P. Schaal-Ahlers

In der Regimentstube des Rathauses wurde im Januar 1525 der Reutlinger Prediger Matthäus Alber vor dem Reichsregiment verhört. 52 Fragen wurden dem Theologen vorgelegt. Mit diesem Verhör sollte das Wormser Edikt, das die Reformation verhindern sollte, umgesetzt werden. Matthäus Alber beeindruckte das Gericht mit seinem Bekennermut und seinem fundierten Glauben so sehr, dass man ihn ziehen ließ. Ein mutiges, weil lebensgefährliches Bekenntnis des Reutlinger Predigers sechs Jahre vor Einführung der Reformation ereignete sich in Esslingen.

Im November 1531 wurden die 13 Zünfte befragt, wie sie es mit dem Glauben halten wollten. Das Ergebnis sah folgendermaßen aus. 1076 bekannten sich zur "neuen evangelischen Lehre", 21 wollten hingegen "altgläubig" bleiben, während sich fünf als Anhänger der Lehre der Wiedertäufer zur Erkennen gaben.

Familienwappen der Machtolfs - Foto: P. Schaal-Ahlers

Am 20. August 1531 beschloss der Rat der Freien Reichsstadt Esslingen, dass das Wort Gottes in Esslingen künftig frei gepredigt werden solle. Gleichzeitig wurde der Prediger und Reformator Ambrosius Blarer als Prediger aus Ulm angefordert. Von Geislingen her hielt Ambrosius Blarer Ende September 1531 seinen feierlichen Einzug in Esslingen - "mit großem Geschelle" - wie ein altgläubiger Pfarrer schrieb. Blarer wirkte bis Juli 1532 beim Stadtschreiber Machtolf.

 

Belegt ist, dass Blarer in seiner Esslinger Zeit beim Stadtschreiber Johannes Machtolf wohnte. Vielleicht handelt es sich dabei um das Haus in der Webergasse 1. Das Wappen, das an diesem Haus zu sehen ist, hat jedenfalls Ähnlichkeit mit dem Familienwappen der Familie Machtholf.

 

Rückblickend stellte Blarer über sein Wirken in Esslingen fest: "Ich habe diese Kirche außerordentlich lieb gewonnen und würde doppelte Mühe nicht scheuen, wenn ich gleichzeitig ihr und Konstanz dienen könnte."

Blarers Predigten ziehen die Massen an

Blarer-Plakette am Evang. Gemeindehaus - Foto: P. Schaal-Ahlers

Der Zisterzienser Mönch Ambrosius Blarer war in Alpirsbach seines Amtes als Prior enthoben worden, weil er seine reformatorischen Überzeugungen im Kloster verbreitet hatte. Zusammen mit seinem Bruder Thomas Blarer, der später Bürgermeister von Konstanz wurde, führte er die Reformation in Konstanz durch. In den folgenden Jahren wurde ihm aufgetragen, auch in anderen Bereichen Württembergs (Ulm, Memmingen, Lindau) die Reformation einzuführen. Blarer war von September 1531 bis Juli 1532 in Esslingen. Obwohl Blarer Stimme schwach war, war die Kirche gedrängt voll. Da bald auch das Landvolk herbeieilte, verbietet am 4.10.1531 die österreichische Statthalterschaft in Stuttgart den Besuch der Predigten Blarers. Als Folge von Blarers Predigten wurde die Messe abgeschafft. Zudem führten seine Predigten zum Entfernen der Heiligenbilder in den Esslinger Kirchen im Januar 1532. Auch veranlasste Blarer die Schließung des städtischen Bordells und etablierte 1532 eine Zuchtordnung. Nach dieser Satzung hatten fortan fünf Zuchtherren über Eheverfahren und Sittenzucht zu richten.

Epitaph von Matthis Herwart - Foto: P. Schaal-Ahlers

Ein ganz frühes Zeugnis der Reformation in Esslingen steht in der Sachsenkappelle der Stadtkirche. Gemeint ist damit das Epitaph von Matthis Herwart aus dem Jahr 1538.
Zwei Zitate aus dem 1. Korintherbrief (15,22 und 57) sind oben in den Stein gemeißelt: "Gleich wie sie Adam sterben, also werden sie in Christo alle lebendig gemacht werden – Gott aber sei Dank der uns den Sieg geben hat durch unseren Herrn Jesum."

Ein Bibelzitat auf einem Grabstein ist Ausdruck protestantischer Kultur. Dem ist jedoch noch ein evangelisches Bekenntnis hinzugefügt: "Anno 1538, den 12 Tag November starb der erbar und veste matthis herwart von Augsburg hie begraben hat bekennt allein durch Christum selig zu werden. Solchs Bekennen von Herzten glauben wolle uns allein Gott geben durch Jesum Christum der mit ym und dem heiligen Geist lebt und regiert ein Got in Ewigkeit. Amen".



Hochaltar von 1604

Hochaltar in der Stadtkirche - Foto: P. Schaal-Ahlers

1604 wurde im Chor der Stadtkirche vom Rat der Stadt ein protestantischer Hochaltar aufgestellt. Dies ist erstaunlich, weil zu dieser Zeit eigentlich die Zeit der Hochaltäre bereits vorbei war. Auf dem Altar sind biblische Motive zu sehen. Von links nach rechts: Die Geburt Jesu, Die Beschneidung Jesu, die Kreuzigung, die Himmelfahrt und das Pfingstwunder. Unten die Fußwaschung und die Einsetzung des Heiligen Abendmahls. Gemalt wurde der Altar von Peter Riedinger und David Mieser. Dieser Altar muss wohl als Bekenntnis der Stadt Esslingen zu lutherischen Lehre verstanden werden. Die lutherische Tradition ist wesentlich bilderfreundlicher als die oberdeutsche-reformierte Linie der Reformation.

Detail des Hochaltars - Foto: P. Schaal-Ahlers

Während auf den Glasfenstern in der Franziskanerkirche im Mittelpunkt des Pfingstwunders Maria zu sehen ist, finden wir auf der Seitentafel (links außen) des Hochaltars der Stadtkirche eine gänzlich andere Deutung des Pfingstgeschehens. Hier fehlt die Gottesmutter. Stattdessen ist der predigende Petrus (die rote Person in der Mitte des Bildes) der Auslöser des Pfingstgeschehens. Will sagen, die Kirche ist ein Schöpfung des Wortes Gottes. Die schwarze Figur neben Petrus ist Lucas Osiander, Sohn des Reformators Andreas Osiander und Herausgeber des ersten Gemeindegesangbuchs 1583 in Württemberg. Er war ein streng lutherischer Theologe, der in Esslingen wirkte und dem damaligen Dekan Christoph Hermann calvinistische Tendenzen vorwarf. Gerne wüssten wir mehr über die Entstehung des Hochaltars in Esslingen.


Hartes Vorgehen gegen Wiedertäufer

Stadtkirche von Westen - Foto: U. Rapp-Hirrlinger


Im Südturm der Stadtkirche war einst das Gefängnis der Stadt untergebracht. Diesen Raum lernten die so genannten Wiedertäufer des 16. Jahrhunderts in Esslingen von innen kennen. Auf dem Speyerer Reichstag von 1526 war ein Täufermandat beschlossen worden. Altgläubige und lutherische Stände waren sich einig, dass die Wiedertäufer hart verfolgt werden sollten. Bis zu 200 Wiedertäufer soll es in Esslingen, besonders in den Landgemeinden Sulzgries, Rüdern und Hainbach in den Jahren 1526-1528 gegeben haben. Sie trafen sich im Wald, auf Wiesen, in Halden und der "Wiedertäuferklinge". Sie praktizierten die Erwachsenentaufe und predigten gewaltlosen Widerstand. Untereinander nannten sie sich Bruder und Schwester, hielten den gemeinen Säckel. An den Häusern hatten die Wiedertäufer ein Erkennungszeichen und grüßten sich mit dem Satz "Der Friede Gottes sei mit dir!"

Hart ging die Obrigkeit gegen die Wiedertäufer vor. Sechs Männer wurden in Esslingen 1529 und 1530 vor dem Heiligkreuztor hingerichtet.

Von der Frau des Gefangenen Hans Sattler ist folgende Aussage überliefert: Man solle ihren Mann durch Gelehrte überführen, möge das nicht sein, so wolle der Rat erkennen, dass man zum Glauben niemand zwingen könne, auch durch Schwert nicht. Sei das Werk der Wiedertaufe nicht von Gott, so werde es ja selbst untergehen.

Ambrosius Blarer persönlich lehnte Folter und Todesstrafe als Mittel der Bekehrung strikt ab. Durch sein festes Auftreten konnte er den Magistrat zu einer Änderung der bisherigen Vorgehensweise bewegen. Er wollte die "Ketzer" integrieren. Wer standhaft blieb, wurde aus der Stadt ausgewiesen.

Klöster der Stadt geschlossen

Franziskanerkirche - Foto: U. Rapp-Hirrlinger

Bereits im 15 Jahrhundert hatten sich innerhalb der Bettelsordenskonvente Verfallserscheinungen gezeigt. Korruption, wetteifernde Frömmigkeitsübungen und allerlei Lauheit verdunkelten das klösterliche Leben. Michael Stifels wetterte hart gegen die Franziskaner. In einer gedruckte Predigt schreibt er 1522: "Glaubst du, mein lieber Barfüßer, dieweil du doch willst der allerärmste sein, dass dein Vater, der liebe Franziskus, hat wollen aufsetzen ein solch volles und faules Leben, als ihrs jetzt führt? Was sagt man mir viel von großer Armut ohne Mangel und Hunger?

Es ist eine Armut gleich als einem hölzernes Schüreisen. So du mir aber sagst von Armut, die du leiden musst auf dem Land, so du ausbettelst, darum, dass du kein Geld angreifst, o, du lieber Gesell, verneinst du, dass Gott desto näher steht um solches Leidens willen? Du gehst aus (ich will nicht sagen von Lügen und Betrügen) und beredest manchen armen harten Arbeiter, der bei all seiner Unruh und Arbeit mit seinen Kindern oft muss leiden Hunger und Not, denselben beredest du, dir zu geben, dass du bringst den Mastschweinen heim, die mit Müßiggang nimmer Hunger leiden, sondern mit Lachen und Schwatzen den Tag vertreiben."

Das Ideal der Reformation war nicht das Kloster, sondern der Gottesdienst im Alltag der Welt. Folgerichtig wurden die Klöster geschlossen, die Mönche zur Arbeit angehalten. Die Mönche und Nonnen, die standhaft altgläubig bleiben wollten, wurden in der Franziskanerkirche kaserniert und mit einer strengen Klosterordnung versehen.

1538 wohnen zwei Karmeliter, fünf Augustiner, zwei Dominikaner und der Franzikaner-Guardian in der Stadt. Zwei Jahre später übergibt der Provinzialmeister der Franziskaner Bartolomäus Herrmann den Konvent an den Magistrat. 1560 stribt der letzte Mönch, 1579 die letzte Nonne in Esslingen.