Vorkämpferinnen für Frauenbildung und Gleichberechtigung

Amalie und Lenore Volz – Mutter und Tochter – sind zwei Esslinger Frauenpersönlichkeiten, die christliche, soziale und politische Anliegen kämpferisch und selbstbewusst vertraten.

Ein Beitrag von Christel Köhle-Hezinger

"Frau Oberregierungsrat Amalie Volz" ist im Esslinger Vereinsverzeichnis 1927 als Vorsitzende des "Evangelischen Volksbundes" genannt. 1929 gründet sie die Mütterschule, die heutige Familienbildungsstätte. Diese war in ihrer Art neu und einzigartig als evangelisch-kirchliche und nicht staatliche oder städtische Einrichtung.

Lenore Volz

Amalie Volz war eine selbstbewusste Frau von Stand, eine Dame der Esslinger Gesellschaft. Ihr 16 Jahre älterer Mann war "Finanzamtsvorstand" in Esslingen. Seit 1929 signiert sie nur noch als "Frau Amalie Volz". Damit war sie, wie ihre Tochter Lenore Volz in ihren Lebenserinnerungen schreibt, "sie selbst und definierte sich nicht mehr durch ihren Mann. Damit war sie ihrer Zeit weit voraus."

Mütterschule zweimal gegründet

Amalie Volz war eine Pionierin der Frauen-, Familien- und Sozialarbeit. Die "Mütterschule" hat sie in ihrem Leben zweimal gegründet: 1929, ein Jahrzehnt nach Ende des Ersten Weltkriegs, und - im Alter von 67 Jahren - noch einmal 1945, "weil es buchstäblich nichts gab", und die soziale Hilfe
für Familien und Mütter in ihren Augen stets am Anfang stehen sollte.
Heute gibt es keine Orte, die an sie erinnern, und praktisch kein öffentliches Gedächtnis für Amalie Volz in Esslingen. Im 50. und 60. Jahr des Bestehens der Mütterschule hat man der Gründerin noch gedacht.

Das Engagement der Mutter hat auch die Tochter geprägt. Lenore Volz, 1913 geboren und in Esslingen aufgewachsen, studiert Theologie in Tübingen und legt als erste Frau in Württemberg ihre 1. und 2. theologische Dienstprüfung ab. Sie kämpfte erfolgreich darum, dass in Württemberg auch für Frauen der Weg ins Pfarramt geöffnet wurde und war erste Krankenhauspfarrerin in der evangelischen Landeskirche.

Mutter und Tochter als Kämpferinnen

Das Soziale und das Politische, das Kämpferische und das Theologische verbinden Mutter und Tochter. Was Lenore als Weg der beruflichen Gleichstellung beschritten hat, war für die Mutter "Ehrenamt", im wörtlichen Sinne: dem von Frauenehre, Standesehre, Familientradition. Amalie Volz entstammte der sogenannten württembergischen Ehrbarkeit. "Das Erbe der Vorfahren", so beschreibt es Lenore, wird selbstbewusst bewahrt. Der Vater Lenores war Beamter, unter seinen Vorfahren war ein Abt des Klosters Maulbronn, Württembergischer Rat und Generalsuperintendent. Die mütterliche Ahnenreihe geht zurück bis zum Reformator Johannes Brenz. Pfarrer, Beamte, Kaufleute und Fabrikanten sind die Vorfahren. Die Frauen waren stets gebildet und Vorbild.

Amalie, als jüngstes von zwölf Kindern in Eislingen geboren, wird mit ihrer Schwester nach Lausanne in ein Pensionat geschickt und 20-jährig dem 16 Jahre älteren Maulbronner "Kameralverwalter" Hugo Volz angetraut. In Waiblingen, wo sie zu dieser Zeit lebt, gründet Amalie Volz im Ersten Weltkrieg in Räumen der dortigen Seidenfabrik einen Evangelischen Arbeiterinnenverein. 1919 entsteht der Evangelische Volksbund in Württemberg als neuartige, breit und überparteilich verankerte Laienbewegung. Amalie Volz wird zur Vorsitzenden und Bezirksvertreterin der Frauenabteilung gewählt. In ihrer praktischen Arbeit verbindet sie von Anfang an Bildung, Seelsorge und Hilfe. Im Keller des Esslinger "Mädchenvolksschule" erhält sie einen Raum für die ersten Kurse, in denen Frauen sich auf verschiedenen Feldern bilden konnten. Sie gründete einen Ausschuss, bestehend aus Fabrikantengattinnen und Pfarrfrauen - die einen für das Geld, die andern für die Bildung und Kirchenbindung. Als 1932 das Evangelische Gemeindehaus am Blarerplatz eingeweiht wird, bekommt Amalie Volz dort zwei weitere Kellerräume. Auch "Bezirksfrauentage" für 600 bis 700 Frauen organisiert sie im neuen Gemeindehaus.

Auf der schwarzen Liste der Nazis

Bis 1935 hält Amalie Volz dem Druck zur Gleichschaltung stand - dann wird sie nach Stuttgart beordert, findet sich auf der "Schwarzen Liste". Die Mütterschule muss an die NS-Frauenschaft übergehen werden. Als "Evangelische Frauenhilfe" besteht sie - wie der umbenannte Evangelische Bund als "Evangelischer Gemeindedienst" - weiter unter kirchlichem Dach.

Schon im Januar 1946 kann die Mütterschule die Arbeit wieder aufnehmen: Amalie Volz hatte alles Nötige zusammengebettelt.
13 Jahre noch lebt sie als Witwe in Cannstatt, wo sie am 13. Oktober 1962 stirbt. Der damalige Landesbischof Haug nannte Amalie Volz in einem Nachruf "eine Mutter der Kirche".

 

Lenore Volz ist am 26. September 2009 in Stuttgart im Alter von 96 Jahren gestorben.

Christel Köhle-Hezinger

Christel Köhle-Hezinger ist Lehrstuhlinhaberin für Volkskunde
(Empirische Kulturwissenschaft) an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. Sie ist 1945 in Esslingen geboren, studierte in Tübingen, Bonn und Zürich Volkskunde, Germanistik und Landesgeschichte und lehrte an den Universitäten Tübingen, Stuttgart und Marburg, bevor sie zum Aufbau eines neuen Studiengangs 1998 nach Jena ging.