Vielfältig engagierter Pionier der Diakonie in Württemberg

Christoph Ulrich Hahn gründete als junger Vikar in Esslingen die Evangelische Gesellschaft

Ein Beitrag von Heinrich Frommer


Christoph Ulrich Hahn hat mit dem Pfarrer und Erfinder Philipp Matthäus Hahn nicht nur einen berühmten Onkel, sondern machte sich selbst als Pionier der Diakonie in Württemberg einen Namen. Er gründete als 25jähriger Vikar in Esslingen die Evangelische Gesellschaft, die in diesem Jahr 175 Jahre alt wird.

Christoph Ulrich Hahn

Am 30. Oktober 1805 wurde Christoph Ulrich Hahn in Stuttgart geboren. Sein Vater war der jüngere Bruder von Philipp Matthäus Hahn. Christoph Ulrich Hahn wuchs in einer Familie auf, in der christliches Engagement ein Herzensanliegen war. So konnte es nicht verwundern, dass nach Theologiestudium und Promotion der Vikar Dr. Christoph Ulrich Hahn eine außergewöhnliche Aktivität entfaltete.

Er war gerade 25 Jahre alt, als er sein Vikariat an der Stadtkirche in Esslingen antrat. Hier fiel ihm auf, dass viele Menschen sich der Botschaft des Evangeliums immer mehr entfremdeten. Als Abhilfe schien ihm der Vertrieb von Traktaten der beste Weg zu sein. Traktate waren kurze religiöse Abhandlungen von höchstens 30 Seiten, die neu zur Erweckung des Glaubens dienen sollten. Er gründete den "Traktat-Verein", der rasch mehr als 100 Mitglieder hatte und der 1835 in "Evangelische Gesellschaft" umbenannt wurde. Aus den Mitgliedsbeiträgen wurden die Traktate finanziert und durch die Mitglieder selbst verteilt. Zehntausende dieser erbaulichen Schriften brachte der Verein in den kommenden Jahren unters Volk.

Auch Spenden wurden an Bedürftige weitergegeben. Die Traktate wurden vor allem in ärmeren Kreisen sehr beliebt, da diese sich religiöses Schrifttum sonst kaum leisten konnten. Ein Pfarrer schrieb: "Weit in der Umgebung kann ich täglich durch Traktakte einwirken; jeder nimmt sie aus meinen Händen mit Begierde, zu Tausenden könnte ich sie gebrauchen, nur um meine Gemeinde versehen zu können."

Doch mit dem Traktat-Verein schien es Hahn nicht getan. Ein Wochenblatt mit dem Titel "Altes und Neues aus dem Reich Gottes" kam hinzu. Auch die Eröffnung einer Leihbibliothek erwies sich als Wohltat. Nach drei Jahren wurde Christoph Ulrich Hahn Pfarrer in Bönnigheim. Auch hier griff er mit seiner unermüdlichen Energie ein und gründete eine Knabenschule für bedürftige Kinder, an der er auch selbst unterrichtete. Als Mitglied des Württembergischen Wohlfahrtsvereins setzte er sich unter anderem für den Arbeitsschutz von Fabrikarbeitern ein. Im Namen des Königreichs Württemberg unterzeichnete er 1864 die Genfer Konvention zu Begründung des Roten Kreuzes. Er wurde der erste Vorsitzende des Württembergischen Sanitätsvereins, dem Vorläufer des Roten Kreuzes.

Hahn wurde so zu einer der bedeutendsten Persönlichkeiten, die damals auf dem Gebiet der Wohlfahrtspflege tätig war. Bis zu seinem Tod im Jahre 1881 war Hahn ein Vorstandsmitglied der Evangelischen Gesellschaft. Diese war nach Hahns Weggang aus Esslingen nach Stuttgart verlegt worden. Aus dem kleinen Traktat-Verein erwuchs die größte diakonische Einrichtung für Stuttgart und Umgebung. In der Büchsenstraße baute sich die Evangelische Gesellschaft das Zentrum ihrer Arbeit, die heute eine Vielfalt von Feldern umfasst, darunter Stadtmission, Jugendhilfe, Obdachlosenhilfe, Sozialberatung, Telefonseelsorge und Ausländerberatung. Auch das "Evangelische Gemeindeblatt für Württemberg", eine der größten Kirchenzeitungen Deutschlands, wird seit 100 Jahren von der Evangelischen Gesellschaft herausgegeben.

Hahn arbeitete darüber hinaus auch wissenschaftlich. Er schreibt eine dreibändige "Geschichte der Ketzer im Mittelalter", für die ihm die Theologische Fakultät Leipzig die Ehrendoktorwürde verleiht.
In Esslingen hat die Arbeit von Christoph Ulrich Hahn noch lange nachgewirkt. So wurde auf seine Veranlassung der "Evangelische Verein" gegründet, der schließlich 1870 die Brodhag´sche Scheuer erwerben und zum Vereinslokal umbauen konnte. Hier wurde ein Programm angeboten, das durch 50 Jahre hindurch entscheidende Impulse für das kirchliche und kulturelle Leben in Esslingen brachte. In der Adlergasse 5 hinter dem Feuerwehrmagazin erinnert noch heute eine verblichene Inschrift an die Heimat des vor einigen Jahren aufgelösten "Evangelischen Vereins".


Heinrich Frommer
Der evangelische Pfarrer Heinrich Frommer wurde 1934 in Göppingen geboren und lebt in Denkendorf. Er war Dozent an der Evangelischen Fortbildungsstätte Kloster Denkendorf und später Gemeindepfarrer in Stuttgart. Er ist unter anderem Mitautor der württembergischen Kirchengeschichte "Gott und die Welt in Württemberg" und Autor zahlreicher Vorträge und Veröffentlichungen zu kirchenhistorischen Themen.