Seelische Talfahrt nach anfänglichem Schwung

Der Dichter und Pfarrer Eduard Mörike hielt es nur wenige Monate in Köngen aus

Ein Beitrag von Reiner Strunk

Der Dichter, der auch Pfarrer war – so könnte man Eduard Mörike in einer Kurzformel beschreiben. Seine Leidenschaft galt der Dichtung, mit dem geistlichen Amt hatte er Mühe. Nicht, weil es ihm an Glaubensgewissheit gemangelt hätte, sondern weil ihm die pfarramtlichen Aufgaben nicht lagen.

Eduard Mörike

Im Grunde fühlte er sich fehl am Platze in diesem Geschäft und er trug daran wie unter Zentnerlasten, die ihm die Schultern und die Seele beschwerten.

Das war bereits besonders intensiv in seinem Köngener Vikariat der Fall. Im Mai 1827 trat er dort seinen Dienst an, im Dezember desselben Jahres zog er schon wieder ab. Die ganze Strecke seiner Vikariatsstellen absolvierte er ähnlich, mit kurzen, mehr oder weniger unglücklichen Aufenthalten, raschen Wechseln. Köngen war sein dritter Vikariatsort, acht weitere in der Umgebung sollten folgen.

Dabei erschien der Start in Köngen verheißungsvoll. Aus dem wenig geliebten Möhringen war Mörike abgezogen worden, weil der evangelische Pfarrer in Köngen, Nathanael Gottlieb Renz, beim Stuttgarter Konsistorium eine Hilfe beantragt hatte. Als Mörike in Köngen eintraf, erbrachte sein erster Eindruck fröhliche Zustimmung. Die Landschaft sagte ihm zu, das Pfarrhaus, die Menschen – "alles ein ganz ander und feiner Korn als in dem Möhringen", wie er offenherzig bekennt. Er preist die Aussicht, die vom Pfarrhaus hinausgeht "auf die Ebene, Hügel und halbversteckte Ortschaften um Nürtingen, den ganz nahen Neckar in geschmeidigen, glänzenden Krümmungen mit der berühmten steinernen Brücke." Mit seinem Pfarrer Renz hat er es ebenfalls ordentlich angetroffen, und selbst wenn er dessen technische Interessen kaum zu teilen vermag, erkennt Mörike in ihm einen aufrechten, sogar dem Komischen gegenüber aufgeschlossenen Menschen. Er sei, so beschreibt er den Pfarrer in einem schönen Bild, wie ein "Gefäß, das echten Wein von sich gibt, wo man es anbohrt."

Die Bemerkung verdeutlicht etwas über Pfarrer Renz in Köngen, aber auch etwas über Mörike. Nämlich seine Empfänglichkeit für das Echte. Verstellung, gar hohle Überheblichkeit und penetrante Frömmelei waren Mörike zuwider. Das Echte vom Unechten deutlich zu unterscheiden, war sein Bestreben, im Umgang mit Menschen ebenso wie in der Kunst und wahrhaftig auch in der Kirche. Und es war selbstverständlich für ihn, dass er diese gewissenhafte Prüfung zunächst an sich selbst zu vollziehen hatte.

Daraus resultierte letzten Endes wohl auch sein Unbehagen am pfarramtlichen Dienst. Mit dem, was da verlangt war in Predigt, Taufen, Trauungen, Beerdigungen und Unterricht, schien er notorisch überfordert zu sein. Entsprechend unzufrieden war er auch mit dem, was er zustande brachte. Dabei fiel das Zeugnis, das ihm zum Abschluss seines Köngener Vikariats vom Kirchheimer Dekan ausgestellt wurde, gar nicht übel aus: "sehr glückliche Geistesgaben" werden ihm bescheinigt, außerdem gute Predigten, die er frei "aus dem Gedächtnis" gehalten habe. Die Gemeinde sei mit ihm "zufrieden" gewesen. Zufrieden, das heißt nicht begeistert, aber immerhin. Der Vikar scheint sich in Köngen bewährt zu haben.
Jedenfalls im Urteil von außen. Weniger nach Mörikes eigenem Eindruck. Für ihn wurden die Köngener Monate nach anfänglichem Schwung zu einer schier unaufhaltsamen seelischen Talfahrt. Das Einverständnis mit seinem Beruf nahm im selben Maße ab, wie seine Leidenschaft für die Dichtung wuchs. Und Wunderbares ist ihm in Köngen an Gedichten gelungen, der "Septembermorgen" etwa oder die "Mitternacht".

Doch am 1. August gibt Mörike brieflich seiner Hoffnung Ausdruck, "die geistliche Laufbahn auf längere oder kürzere Zeit zu verlassen." Er fühlt sich eingeschlossen wie in einem Kerker und sehnt sich nach dem großen Ausbruch ins Freie. Dorthin, wo er echt sein kann und ganz unverstellt und wahr: im Lebensraum seiner Dichtung. Die Verhältnisse allerdings lassen es nicht zu. Wovon sollte er schließlich leben, auf welche Weise seinen Unterhalt bestreiten? Als Bibliothekar, als Angestellter in einem Verlag, einer Redaktion? Verschiedene Fluchtwege hat er in Köngen in Gedanken durchgespielt, aber keinen beschritten, vorläufig.
Einen Ausweg aus der Sackgasse bietet statt dessen seine angegriffene Gesundheit. Er beginnt zu leiden, körperlich mit rheumatischen, seelisch mit melancholischen Symptomen. Ende November erwirkt ein ärztliches Gutachten seine vorläufige Beurlaubung im Amt. Köngen lässt er nun für immer hinter sich.

Nicht aber das Pfarramt selbst, in das er zurückkehren wird mit einer gewissen Reue des kurzzeitig Verirrten. Anschließend wird er freilich immer noch nicht zum Pfarrer werden, der auch Dichter ist. Er bleibt der Dichter, der nebenbei auch Pfarrer war.

Reiner Strunk


Reiner Strunk ist promovierter Theologe und lebt in Denkendorf. Geboren wurde er 1941 in Düsseldorf. Bis 2003 leitete er sechs Jahre lang die evangelische Fortbildungsstätte Kloster Denkendorf der württembergischen Landeskirche. Zuvor war er Pfarrer in Stuttgart und Studienleiter am Pfarrseminar der Landeskirche in Birkach. Reiner Strunk hat neben dem Theologiestudium einige Semester Germanistik studiert und mehrere Bändchen mit eigenen Erzählungen veröffentlicht. Strunk ist zudem Autor einer Biografie über Eduard Mörike, die 2004 im Calwer Verlag erschien.