In China erinnert man sich an den Missionar "Kleiner Fisch"

Ernst Fischle aus Esslingen-Liebersbronn war 16 Monate in chinesischer Gefangenschaft

Ein Beitrag von Heinrich Frommer

Sein Vater wünschte, dass er Lehrer werden sollte. Den Sohn aber zog es in die Welt hinaus. Sein Weg wurde stürmischer, als er ahnen konnte. Ernst Fischle wurde 1897 in Esslingen-Liebersbronn geboren wurde. Das Elternhaus in der Alten Steige 25, ein altes Bauernhaus, steht noch heute.


In der Familie Fischle herrschte ein christlicher Geist. Ernst Fischle durfte die Mittlere Reife in Esslingen machen und wollte dann in die Missionsschule der Basler Mission eintreten. Dort sagte man ihm, er solle zunächst ein Baupraktikum absolvieren.
Doch dann brach der Erste Weltkrieg aus. Fischle war von 1916 bis 1918 an vorderster Front in Flandern. Das Kriegsgeschehen war für ihn ein totaler Schock. "Für Unmenschlichkeiten bin ich nicht geschaffen", schrieb er nach Hause. "Alle Ideale über Anständigkeit, Ehre und Treue des Menschen sind mir zusammengebrochen. Umso mehr sehe ich, wie sehr wir alle Jesus Christus brauchen." Ernst Fischle wurde verwundet und kam 1918 heim. Die Zeit, bis er 1919 seine Ausbildung für die Missionsarbeit beginnen konnte, überbrückte er als ehrenamtlicher Mitarbeiter beim CVJM in Esslingen.

1919 reiste er nach Basel. Sechs Jahre später war Ernst Fischle bereit zur Ausreise. Er sollte nach China. Die Reise dauerte Wochen und ging durch den Suezkanal über Indien bis nach Hongkong. Dort wurde er von der Missionsgesellschaft ein Jahr lang in die örtlichen Verhältnisse eingeführt und lernte Chinesisch. Zu seiner besonderen Freude, reiste ihm seine Verlobte Gertrud Sauberschwarz nach. Die beiden feierten in Hongkong Hochzeit. Im Lauf der Jahre bekamen sie fünf Kinder, von denen vier in China geboren wurden. Zu ihrem Schmerz starb dort auch ein erst zwei Jahre alter Sohn.

Die Basler Mission hatte in China zwei Missionsgebiete. Das eine, rund um Kayin, lag nordöstlich von Hongkong im Bergland, das andere, Lilong, war nördlich von Hongkong, nicht weit von der Bahnstrecke nach Kanton entfernt. Seit 1926 wirkte Missionar Fischle in Kayin. Unermüdlich bereiste er die Dörfer, predigte, besuchte Gemeinden, die seit 1870 durch die Basler Mission entstanden waren und gründete neue.

Das Land war damals schon erschüttert von den Vorläufern der Revolution Maos. Kommunistische Freischärler überfielen im August 1929 die Missionare, darunter Ernst Fischle, und verschleppten sie in die Berge. Unter täglichen Todesdrohungen forderten sie von den Familien und der Mission hohe Lösegeldsummen, die jedoch nicht bezahlt wurden. Auch die deutsche Regierung war eingeschaltet. Chinesische Regierungstruppen verfolgten die Entführer, die mit ihren Gefangenen durch die Berge flohen. Erst nach 16 Monaten, also Ende 1930, wurden die Gefangenen von Regierungssoldaten endlich befreit. Diese Vorgänge hatten international großes Aufsehen erregt.
Ernst Fischle kam daraufhin mit seiner Familie nach Deutschland zurück. Seine Zeit in der Gefangenschaft beschrieb er in dem Buch "16 Monate in chinesischer Gefangenschaft", das 1931 erschien und "ein richtiger Bestseller in Missionskreisen wur-de", wie sich Fischles Tochter Elisabeth Leuze erinnert.

Schon 1933 ließ er sich jedoch zum zweiten Mal nach China aussenden. Jetzt war er in Lilong tätig. Die chinesische Bevölkerung lebte damals noch in unglaublich einfachen Verhältnissen. Das Missionshaus war für sie in allen Lebenslagen Anlaufstation. So wurde hier die Menschen unter anderem auch mit Medikamenten versorgt. Ab 1937 herrschte der chinesisch-japanische Krieg. Die Japaner besetzten das Missionsgebiet und verhielten sich teilweise unerhört grausam. Missionare wurden wahllos umgebracht. Deshalb wurde Ernst Fischle 1940 mit seiner Familie zurückgerufen. Sie erreichten Deutschland nach einer abenteuerlichen Rückreise durch Russland. Ernst Fischle wurde jetzt Gemeindepfarrer in Schmie und Wendlingen. Er starb 1969 in seinem Heimatort Liebersbronn.

1941 war die Missionsstation Lilong von Partisanen zerstört worden. Fischles Sohn Bernhard konnte 1997 bei einer Chinareise die Überreste von Lilong besuchen. Er fand dort Menschen, die sich noch gut an den Missionar erinnern konnten, der den lustigen Namen "Kleiner Fisch" gehabt hatte. Die christlichen Gemeinden in China haben die schweren Zeiten überlebt.