Beeindruckender Lehrer und begabter Gelehrter

Johann Albrecht Bengel war 28 Jahre Klosterpräzeptor in Denkendorf.

Ein Beitrag von Heinrich Frommer


Als Johann Albrecht Bengel im Jahre 1713 als junger Lehrer an die Klosterschule in Denkendorf berufen wurde, hätte der 1687 in Winnenden geborene Theologe in seiner Bescheidenheit als letzter geahnt, dass mit seiner Lehrtätigkeit die glänzendste Zeit anbrechen sollte, die das alte Gemäuer je erlebt hat.

Johann Albrecht Bengel

25 Schüler waren hier zu betreuen, die dazu bestimmt waren, später einmal Pfarrer in der evangelischen Landeskirche zu werden. Drei Lehrer waren für sie da: Der Prälat wohnte über der Vorhalle der Klosterkirche in einem Fachwerkaufbau, der später abgebrannt ist. Und dann zwei Pfarrer, die den Titel "Klosterpräzeptor" trugen, was als besondere Ehre zu verstehen war. Bengel war der jüngste von den Dreien, er bekam deshalb auch das meiste Geschäft aufgeladen. Wohnen konnte er in einem kleinen Haus beim Kloster, dort wo heute das "Margarete-Blarer-Haus" steht. Hier zog er frisch verheiratet mit seiner Frau Regina ein. Tätig war er aber in den Klosterräumen, wo man sein Arbeitszimmer vom Maierhof aus auch heute noch gut erkennen kann, weil es an der Außenfront mit einer Altane versehen ist. Er hatte sozusagen das beste Zimmer im Haus. Hier bereitete er seinen Unterricht vor, der nahezu alle denkbaren Fächer umfasste. Neben den alten Sprachen Latein, Griechisch und Hebräisch ging es für ihn um Literatur, Erdkunde und Geschichte. Vielleicht war das der einfachere Teil seiner Aufgaben. Der anspruchsvollere bestand darin, dass er diese jungen Burschen, die zwischen 14 und 16 Jahre alt waren, zu anständigen und gehorsamen, aber vor allem auch zu frommen Menschen erziehen sollte.

Das ist ihm in einer besonders eindrucksvollen Weise gelungen. Bengel war 28 Jahre als Klosterpräzeptor in Denkendorf. So ist also eine ganze Generation künftiger Pfarrer durch seine Persönlichkeit und Frömmigkeit geprägt worden. Viele haben später immer wieder bestätigt, wie sehr sie für ihr ganzes Leben und Tun durch Johann Albrecht Bengel die entscheidenden Eindrücke empfangen haben. Der Name Bengel hat heute noch beim schwäbischen Kirchenvolk einen guten Klang. So wurde etwa in Tübingen vor 30 Jahren ein Studienhaus für Theologiestudierende nach ihm "Bengelhaus" genannt.

Natürlich war im Schulalltag nicht immer alles eitel Wonne. Wo so viele junge Leute beisammen sind, da gibt es auch Unruhe, Streiche und Bosheiten. Nachts waren natürlich die Türen verschlossen. Aber die Schüler fanden trotzdem Wege hinaus ins Freie. Und dann ging es hinüber ins katholische Neuhausen, wo man nicht fürchten musste, "verschwätzt" zu werden. Hier saß man ein Stündchen oder zwei im Wirtshaus, zusammen mit dem Fußmarsch ergab das den Verlust von einem Viertel der Nacht. Und wenn der eine oder andere dann noch einen Rausch mit heimbrachte, schritt der Herr Präzeptor ein, es wurde geschimpft und gestraft.

Schade um den Klosterpräzeptor Bengel. Er war ein begabter und fleißiger Gelehrter. Man hätte ihm gewünscht, dass er seine Zeit viel mehr seiner theologischen Arbeit hätte widmen können, als der oft mühsamen Erziehung der Kinder. Bengel arbeitete unermüdlich. Mit unzähligen Menschen stand er in brieflichem Kontakt über seine Arbeit, so dass im ganzen Land bekannt wurde, wie in dem damals so abgelegenen Denkendorf ein geistliches Zentrum entstanden war. 1734 brachte Bengel ein griechisches Neues Testament heraus, das er nach den Handschriften erarbeitet war. Seine Arbeit ist bahnbrechend bis heute geblieben. Seine große Auslegung des Neuen Testaments, in lateinischer Sprache, wurde in Denkendorf geschrieben. Bengel nannte sie "Gnomon", das bedeutet "Fingerzeig". Der Gnomon konnte allerdings erst ein Jahr nach Bengels Weggang von Denkendorf in den Druck gegeben werden. Aber noch in der Denkendorfer Zeit veröffentlichte er 1740 die "erklärte Offenbarung", die sein berühmtestes Werk wurde. In diesem großen theologischen Werk erspürte Bengel aus der Offenbarung des Johannes, nach welchen Plänen Gott die Welt leitet. Darin berechnete er auch das Ende der Welt und die Wiederkunft Christi auf das Jahr 1836. Damit löste er eine Bewegung aus, die für 100 Jahre die Frömmigkeit des Landes prägte.

Als großer Lehrer und Theologe ist Johann Albrecht Bengel in Denkendorf unvergessen. Auf seiner letzten Lebensstufe wurde er als Prälat noch Mitglied der Kirchenleitung in Stuttgart. Er starb dort 1752. Viele Menschen kommen jährlich nach Denkendorf, um zu sehen, wo Bengel wirkte. An der Klosterkirche erinnert eine Steintafel an ihn, im Inneren hängt sein großformatiges Portrait.


Heinrich Frommer

Der evangelische Pfarrer Heinrich Frommer wurde 1934 in Göppingen geboren und lebt in Denkendorf. Er war Dozent an der Evangelischen Fortbildungsstätte Kloster Denkendorf und später Gemeindepfarrer in Stuttgart. Er ist unter anderem Mitautor der württembergischen Kirchengeschichte "Gott und die Welt in Württemberg" und Autor zahlreicher Vorträge und Veröffentlichungen zu kirchenhistorischen Themen.