Nach Russland für ein gottgefälliges Leben

Der Altbacher Weingärtner Johann Georg Frick und die "Esslinger Harmonie der Gläubigen"

Ein Beitrag von Heinrich Frommer

Am 20. Mai 1817 brachen in Altbach 18 Personen auf, um in Russland ein neues, gottgefälliges Leben zu beginnen. Ihr Anführer war Johann Georg Frick, ein Weingärtner, mit Frau und sechs Kindern, das jüngste erst anderthalb Jahre alt.


Die Gruppe hatte sich in einer "Harmonie" zusammengefunden, wie das auch an verschiedenen anderen Orten geschehen war. Der Name war Programm: Man wollte in geschwisterlicher und christlicher Liebe miteinander leben. So auch in der "Esslinger Harmonie". Hier war Voraussetzung, dass die Mitglieder ihr Vermögen einbrachten und alle aus der gemeinsamen Kasse lebten. So wurde auch ärmeren Teilnehmer die Auswanderung ermöglicht.

Frick und seine Glaubensgeschwister hatten keine leichte Zeit hinter sich. Sie hatten sich zu Bibelstunden versammelt und waren darüber in Gegensatz zur evangelischen Landeskirche, aber auch zum württembergischen Staat gekommen. So wollten sie keine Gottesdienste mehr besuchen, weil sie ihnen falsch und heuchlerisch erschienen. Sie ließen die Kinder nicht taufen und schickten sie nicht zur Schule. Sie verweigerten zum Teil den Wehrdienst und die Steuern. Manche erregten Ärgernis. So wird von einer Altbacherin erzählt, die nach Zell in den Gottesdienst ging und sich während der Predigt der Kanzel gegenüber aufstellte. Zu allem, was der Pfarrer sagte, stellte sie dagegen, was nach ihrem Glauben richtig war. Auch Frick war wegen solcher Widersetzlichkeiten verschiedentlich im Gefängnis eingesperrt.

Die Möglichkeit auszuwandern ergab sich erst, als 1816 nach dem Tod des württembergischen Königs Friedrich sein Nachfolger Wilhelm I. den "religiösen Schwärmern" gegenüber duldsamer verfuhr. In Russland herrschte Zar Alexander I, der als besonders frommer Fürst galt. Er wollte den religiösen Gruppen gerne einen Ort bieten, an dem sie ungehindert in ihrem Glauben leben konnten. Zugleich hatte er freilich auch ein wirtschaftliches Interesse. Die schwach besiedelten und weithin öd liegenden Gebiete des südlichen Kaukasus würden durch tüchtige deutsche Siedler aufgewertet werden. Zugleich sollten sie Vorbild für die dortigen Bewohner sein. Durch eine Reihe von Vergünstigungen wurde das Ziel attraktiv gemacht.

In diesem Sinn riefen Frick und die Esslinger Harmonie zur Auswanderung auf. Sie schrieben: "Es ist nicht das Verlangen nach Reichtum und Wohlstand des irdischen Lebens, was uns treibt, unser Vaterland zu verlassen. Wir haben alle abgewiesen, die nur aus irdischen Absichten auswandern wollen. Unsere Sehnsucht ist einzig die, nach einem Lande zu kommen, darin wir in der Stille dem Herrn, unsrem Gott dienen und in steter Bereitschaft die Zukunft unsres Herrn Jesus Christi erwarten können."

So brach unter der Leitung Fricks die erste Gruppe zum Sammelplatz in Ulm auf. Ihnen folgten am 12. August 28 weitere Auswanderer, die Jakob Barth leitete, der ebenfalls Weingärtner war. Die vollbepackten Reisewagen waren in der Altbacher Bachstrasse zusammengestellt, wo in dem Fachwerkhaus Bachstr. 21 der Bäcker Stribel sein Handwerk betrieb. Seine Tochter mit Familie gehörte mit zu den Ausreisenden. Frick hatte in Ulm alles gut organisiert. Auf Schiffen, den "Ulmer Schachteln", ging es Donau abwärts über Wien bis Odessa am Schwarzen Meer. Sehr viel mühsamer ging es dann auf dem Landweg weiter über Rostow und den Kaukasus bis Tiflis.

Das Ziel war nach vier Monaten erreicht, aber die Reise war zeitweilig aufreibend. Viele fanden dabei den Tod, so auch zwei der Kinder von Frick. Und doch war dies erst der Vorgeschmack der Schwierigkeiten, die die neue Heimat bieten sollte. Auch hier galt der Spruch: "Den ersten der Tod, den zweiten die Not, den dritten das Brot." Die schwäbischen Siedler erfüllten im Lauf der Jahre alle Erwartungen. Es entstanden neun blühende deutsche Dörfer. In Katharinenfeld lebte Johann Georg Frick mit seiner Familie. Er starb allerdings bald.

In Helenendorf, das mit 1000 Einwohnern die größte Ansiedlung war, wohnte Jakob Barth. Ihr kirchliches Leben konnten die Auswanderer jetzt nach eigenen Vorstellungen gestalten.
Diese schöne, später fast paradiesische Welt hat die Weltpolitik grausam zerschlagen. Unter Stalin wurden alle Deutschen nach Kasachstan verbannt. Unzählige Menschen kamen ums Leben. Die Dörfer gehörten anderen, die Kirchen und Friedhöfe sind zerstört. Viele dieser "Russlanddeutschen" konnten nach 1980 wieder in die alte Heimat zurückkehren, darunter auch Nachfahren der Fricks und der Barths. Heute gibt es in Tiflis wieder eine kleine deutsche Kirchengemeinde gibt, die die Nachkommen der ehemaligen Russlandsiedler sammelt.

Heinrich Frommer

Der evangelische Pfarrer Heinrich Frommer wurde 1934 in Göppingen geboren und lebt in Denkendorf. Er war Dozent an der Evangelischen Fortbildungsstätte Kloster Denkendorf und später Gemeindepfarrer in Stuttgart. Er ist unter anderem Mitautor der württembergischen Kirchengeschichte "Gott und die Welt in Württemberg" und Autor zahlreicher Vorträge und Veröffentlichungen zu kirchenhistorischen Themen.