Im Köngener Pfarrhaus war Platz für alle

Johanna und Eugen Stöffler setzen sich im Dritten Reich für verfolgte und erniedrigte Menschen ein.

Ein Beitrag von Jörg Thierfelder

In ihrem Haus war immer Platz – für christliche junge Mädchen und Frauen, für Kollegen, für gleichgesinnte Gegner des Hitler-Regimes und für jüdische Flüchtlinge: Der Köngener Pfarrer Eugen Stöffler und seine Frau Johanna setzten sich in der Zeit des Nationalsozialismus für erniedrigte und verfolgte Menschen ein.

 

 

Immer an Pfingstmontag war in den Jahren 1940 bis 1944 Mädchentag in Köngen. Weil gegen Ende des Dritten Reichs keine kirchlichen Freizeiten mehr stattfinden durften, lud die Pfarrfrau Johanna Stöffler evangelische Mädchen aus Württemberg in die Köngener Kirche ein. Jahr um Jahr wurden es mehr. An Pfingstmontag 1944 kamen 1500 Mädchen per Fuß oder mit dem Fahrrad. Für die Verpflegung der vielen Mädchen hatte sich Familie Stöffler seit Weihnachten Fleischmarken aufgespart.

Die Pfarrleute Eugen und Johanna Stöffler, geb. Busch, waren 1928 nach Köngen gekommen und blieben bis 1947. Sie hatten sechs Kinder. Die Köngener schätzten Pfarrer Stöfflers gründlich durchdachte Predigten. Im Religionsunterricht wie im Konfirmandenunterricht muss er streng gewesen sein; doch konnte er sich durchaus auch über Kinder freuen. Die engagierte und zupackende Pfarrfrau leitete einen Mädchenkreis. Außerdem sammelte sie im Pfarrhaus am Kiesweg einen Frauenkreis von weit über 100 Frauen. Ihre Bibelarbeiten und ihre lebhafte Offenheit hinterließen einen bleibenden Eindruck bei den Frauen. Auch heute noch erinnern sich viele Köngener an das Ehepaar Stöffler.

Mitglied der Bekennenden Kirche


1933 kamen in Deutschland Adolf Hitler und die Nationalsozialisten an die Macht. In der evangelischen Kirche versuchten die Deutschen Christen, die sich dem Nationalsozialismus weit geöffnet hatten, die Macht an sich zu reißen. Die Bekennende Kirche konnte das in Württemberg verhindern. Eugen Stöffler schloss sich ihr an. Er und die Gemeinde unterstützten 1934 den unter Hausarrest stehenden Landesbischof Theophil Wurm mit einer großen Unterschriftensammlung. Später gehörte Eugen Stöffler allerdings zu denen, die den Bischof auch kritisierten, wenn dieser zu große Kompromisse einging.

Zusammen mit etwa 50 Pfarrern verweigerte Stöffler den von der Kirchenleitung angeordneten Treueid auf Hitler. Er informierte die Gemeinde laufend über die Vorgänge im kirchlichen Deutschland.
Als die meisten Kinder und Jugendlichen in die Hitlerjugend gingen, weigerte sich Stöfflers Tochter Ruth. Sie durfte deshalb in Kirchheim keine Reifeprüfung ablegen. Kurz vor der mündlichen Abitursprüfung gab man ihr die 20 Mark Prüfungsgebühr zurück. Da war für sie alles klar. Sie gab jetzt wie ihre Eltern Religionsunterricht. Die Kirche hatte einen eigenen Religionsunterricht, Kirchliche Unterweisung genannt, eingerichtet und dafür Lehrkräfte ausgebildet, darunter auch Ruth Stöffler. Während des Krieges musste Pfarrer Stöffler immer häufiger Trauergottesdienste für Gefallene abhalten, schließlich auch für den eigenen Sohn.

Hilfe für verfolgte Juden

Im Pfarrhaus am Kiesweg war immer viel Betrieb. Davon kann die ehemalige Pfarrmagd Leni noch heute erzählen. Am runden Mittagstisch saßen fast jeden Tag zwölf bis 15 Leute. Neben der Familie gab es auch auswärtige Gäste, z. B. Pfarrbräute, die von Johanna Stöffler für ihre spätere Aufgabe als Pfarrfrauen vorbereitet wurden oder befreundete Pfarrer und Schülerinnen aus Berlin, die wegen der Bombenangriffe dort weggeschickt wurden. Ab 1943 sah man auch Gäste, die ebenfalls von weit herkamen: Verfolgte "untergetauchte" Juden fanden meist für zwei bis drei Wochen Schutz und Geborgenheit im Köngener Pfarrhaus. Eugen und Johanna Stöffler beteiligten sich an der sogenannten "Württembergischen Pfarrhauskette", die jüdischen Flüchtlingen Unterschlupf bot. Sie wurden von niemandem verraten. 1998 zeichnete der Staat Israel Eugen und Johanna Stöffler mit dem Ehrentitel "Gerechte unter den Völkern" aus.

Als nach der Kapitulation Eugen Stöffler mit seiner Tochter Ruth durch das Dorf ging, kam ihnen ein Franzose entgegen, der zur Arbeit in Köngen zwangsverpflichtet war: "Herr Pfarrer, jetzt sind Sie und wir frei."

Eugen Stöffler wurde 1947 sechs Jahre lang Dekan in Kirchheim, anschließend zog er in die kleine Alb-Gemeinde Luizhausen. Nach zwei Jahren starb er dort an einem Herzinfarkt. Johanna Stöffler überlebte ihn noch viele Jahre. In Köngen erinnern der Stöffler-Platz und eine Gedenktafel am Rathaus an das mutige Ehepaar. Die evangelische Kirchengemeinde hat einen Gemeinderaum nach Eugen und Johanna Stöffler benannt, die sich unter einem hohen Risiko für verfolgte und erniedrigte Menschen eingesetzt hatten.


Jörg Thierfelder


Jörg Thierfelder ist emeritierter Professor für Evangelische Theologie und Religionspädagogik. Er wurde 1938 in Stuttgart geboren und lebt heute in Denkendorf. Der promovierte Theologe war Studentenpfarrer in Esslingen und lehrte unter anderem an der Pädagogischen Hochschule Esslingen wie auch an der PH und der Universität Heidelberg. 1980 arbeitete er an der Ausstellung "Evangelische Kirche zwischen Kreuz und Hakenkreuz" im Berliner Reichstag mit. Zusammen mit Eberhard Röhm ist er Autor der Reihe "Juden – Christen –Deutsche", einer Gesamtdarstellung der Geschichte von Juden und Christen im Dritten Reich.