Ein Prophet aus Esslingen

Augustinermönch, Anhänger und Freund Luthers, Mathematiker von Weltrang und Prophet des Weltuntergangs: Michael Stifels Leben trägt romanhafte Züge.

Ein Beitrag von Rainer Jooß


Der in Esslingen geborene Mathematiker Michael Stifel errechnete den Weltuntergang für den 19. Oktober 1533. Er hatte dieses Datum aus der Bibel erschlossen, deren Texte - so seine feste Überzeugung - allein durch göttliche Inspiration entstanden waren.

 

 

Der Geheimlehre der Kabbala folgend, die weit in die Antike und nach Alt-Israel zurückreicht, ersetzte er Buchstaben durch Zahlen, mit denen er rechnete. Auf diese Weise ließ sich - so glaubte er - ein geheimer Sinn der Texte erschließen, den man durch bloße Auslegung der Schriften nicht auffinden konnte. Vermutlich bildet dieser vorwissenschaftliche Umgang mit Texten, Worten und Zahlen den Hintergrund für den Ausdruck "einen Sti(e)fel rechnen", was so viel wie falsch rechnen bedeutet. Dieses Operieren mit Zahlen und Buchstaben bildet aber nur einen Teil des Lebenswerks des Esslingers Michael Stifel, der zu den bedeutendsten Mathematikern des 16. Jahrhunderts gehört, auch wenn er nicht so bekannt geworden ist wie sein Zeitgenosse Adam Ries(e) (1492-1559). Stifel rechnete als einer der ersten mit negativen Zahlen und mit Logarithmen. Auch entwickelte er die heute noch angewandte Formel zur Lösung quadratischer Gleichungen. Zum Addieren und Subtrahieren verwendete er ausschließlich die heutigen Plus- und Minuszeichen und begründete damit eine andauernde grafische Tradition in der Mathematik.

Ein bewegtes Schicksal

Stifels Lebenslauf trägt romanhafte Züge. Um 1486/87 in Esslingen geboren, trat er nach 1500 in das unterhalb der Burg gelegene Augustinerkloster ein und empfing 1511 die Priesterweihe. Wie seine Esslinger Ordensbrüder gehörte auch er zu den frühen Anhängern Luthers in der Stadt. 1521 verfasste er ein weit verbreitetes "Lyed" (Lied), in dem er den Reformator mit einem vom Himmel gesandten Engel verglich. Im Mai 1522 musste er aus Furcht vor der Verfolgung durch den Konstanzer Bischof fluchtartig seine Vaterstadt verlassen und übernahm nach einigen Zwischenstationen in Kronberg (Taunus), Mansfeld und Schloß Tollet (Oberösterreich) die Pfarrei Lochau bei Wittenberg, wo er sich mit der Witwe seines Vorgängers verheiratete. Die missglückte Weltuntergangsprophetie, die viel Unruhe in der sächsischen Bevölkerung hervorgerufen hatte, kostete ihn seine Stelle. Die Fürsprache Luthers verschaffte ihm jedoch bald eine neue. 1546 musste der Pfarrer und Exmönch erneut fliehen, diesmal vor den kaiserlichen Truppen im Schmalkaldischen Krieg. Nachdem er bis 1554 Pfarreien im Umkreis von Königsberg (Ostpreußen) versehen hatte, kehrte er nach Sachsen zurück. Drei Jahre später konnte er seine mathematischen Kenntnisse in der Lehre fruchtbar werden lassen: Er wurde Professor für Mathematik an der neu gegründeten, evangelisch geprägten Universität Jena und hielt Vorlesungen bis an sein Lebensende im Jahr 1567.

Michael Stifel in Esslingen

In der Geschichte der Mathematik kennt man Stifels Namen gut. In Esslingen allerdings war er lange Zeit in Vergessenheit geraten. Erst seit 1956 trägt ein Platz in der damals neu errichteten Zollbergsiedlung seinen Namen. Im Schelztor-Gymnasium gibt es seit 1990 einen Raum, der nach ihm benannt ist und in dem man sich über diesen bedeutenden Sohn der Stadt informieren kann. Eine Tafel an den wenigen Überresten des Augustinerklosters im evangelischen Pfarrhof erinnert zudem an Stifels Wirken.


Rainer Jooß

Rainer Jooß war promovierter Historiker. Er wurde am 9. April 1938 in Stuttgart geboren, lehrte an der Pädagogischen Hochschule Esslingen und war bis zu seiner Emeritierung Professor für Geschichte und Geschichtsdidaktik an der PH Schwäbisch Gmünd. Rainer Jooß hat zahlreiche landes- und kirchengeschichtlicher Veröffentlichungen verfasst. Er starb am 3. Dezember 2007 in Esslingen.