Die Jugend durch das Lied glauben lehren

Pfarrer an der Esslinger Südkirche, Liederdichter, Jugendführer: In Esslingen erinnert auch fast 70 Jahre nach seinem Tod noch vieles an den evangelischen Pfarrer Otto Riethmüller.

Ein Beitrag von Hans Norbert Janowski

Das Otto-Riethmüller-Haus am Esslinger Lohwasen trägt seinen Namen, die Südkirche in der Pliensauvorstadt wurde unter seiner Regie erbaut und acht seiner Lieder finden sich im Evangelischen Gesangbuch. Auch die christlichen Jahreslosungen gehen auf seine Initiative zurück.


Wenige Wochen vor der Ausrufung der Republik 1918 trat Otto Riethmüller die neu geschaffene Pfarrstelle in der Esslinger Pliensauvorstadt an. Er hatte den Auftrag, in dem Arbeiterviertel eine Kirchengemeinde aufzubauen – nach dem verlorenen Krieg, angesichts von Arbeitslosigkeit und Not eine schwierige Aufgabe. Doch nach einem Jahrzehnt hatte sich eine blühende Gemeinde entwickelt, und die Südkirche stand als sakrale Burg in ihrer Mitte.

Jugendarbeit als Anliegen


Otto Riethmüller, 1889 als ältestes Kind einer pietistisch geprägten Familie in Bad Cannstatt geboren, hatte die Größe der Aufgabe rasch erkannt und in dem Industriearbeiter-Milieu vor allem auf die Jugendarbeit gesetzt: Kindergarten, Jugendgruppen, Kirchen- und Posaunenchor entstanden. Seine künstlerischen Gaben befähigten ihn, die Kirchenmusik, besonders das Lied für die Verkündigung zu nutzen: "Wenn die Jugend durch das Lied glauben, beten, bekennen und handeln lernt, so ist das ein unermesslicher Dienst, der damit unserer Kirche und unserem Volk geschieht," war Riethmüller überzeugt.

Er machte sich auch als Übersetzer und Dichter von Kirchenliedern und Sprechchören sowie als Herausgeber der Jugendgesangbücher "Ein neues Lied" und "Der helle Ton" einen Namen. Riethmüller konzentrierte seine Jugendarbeit besonders auf die Mädchen. Es lag auf der Linie dieses intensiven Engagements, dass Riethmüller 1924 mit der Leitung des Württembergischen Mädchenwerks betraut wurde.
Seit langem hatte es den Plan gegeben, in der Pliensauvorstadt eine Kirche zu bauen. 1926 konnten die Pläne des berühmten Kirchbauarchitekten Martin Elsässer endlich verwirklicht werden. Otto Riethmüller hat maßgeblichen Einfluss auf Theologie, Anlage und künstlerische Gestaltung des eindrucksvollen expressionistischen Kirchbaus ausgeübt.

Gegen weltanschauliche Neutralität

Der vom Pietismus inspirierte Lutheraner Otto Riethmüller war davon überzeugt, dass die Botschaft vom Reich Gottes auch ausstrahlen müsse auf den Alltag des Lebens. Im geistigen und materiellen Elend nach der Katastrophe des 1. Weltkriegs hielt er viele Vorträge zur Lage der Zeit. Er benannte die geistige und soziale Krise, wandte sich aber strikt gegen eine gewaltsame Umwälzung. In seinen Vorträgen zeigte sich eine Denkstruktur, die ihn in die Nähe der Vertreter einer "konservativen Revolution" rückte: patriarchalisch in den Vorstellungen von Führung und Gefolgschaft und national konservativ in seinem Gemeinschaftsbild. Die säkulare und pluralistische Demokratie des Weimarer Staates lehnte er ab. Für ihn war das ein Staat "ohne Mittelpunkt, ohne Symbol, ohne Weltanschauung". "Da, wo sonst der Tempel steht, war im Staat von Weimar das Nichts, die elende weltanschauliche Neutralität."
Das sagte er als Gastredner beim Reformationsfest 1933 in der Esslinger Stadtkirche.

1928 hatte Otto Riethmüller in Berlin die Leitung des Reichsverbandes der weiblichen evangelischen Jugend übernommen. Sein patriarchales Ordnungsdenken hatte ihn einerseits den Parolen des Nationalsozialismus angenähert, deren Idee vom neuen Staat er mit einem Hymnus begrüßte. Andererseits aber führte ihn seine Theologie in die Bekennenden Kirche, die sich gegen den totalitären Anspruch der Nazis in Glaubensfragen zur Wehr setzte. Riethmüller erlebte die zwangsweise Eingliederung des christlichen Jugendverbandes in die Hitlerjugend Ende 1933 als tiefe Enttäuschung. Er hatte dies mit allen Kräften zu verhindern versucht. 1935 berief ihn die Bekennende Kirche zum Vorsitzenden ihrer neu geschaffenen Jugendkammer.

Prophetischer Gestus

Liest man Riethmüllers theologische Texte aus dieser Zeit, drängt sich der Eindruck auf, dass seine Kampf-Rhetorik und sein prophetischer Gestus es darauf angelegt haben, die auf Jugendliche wirkende Faszination des Nationalsozialismus durch seine kämpferische Überzeugung von der Gottesherrschaft zu überbieten. Der unermüdliche "Lobsänger Gottes", wie Friedrich von Bodelschwingh ihn nannte, starb, erst fünfzigjährig, 1938. Auf dem Uffkirchhof in Bad Cannstatt liegt er begraben unter der Weltkugel mit dem Kreuz, dem Zeichen der Evangelischen Jugend.


Hans Norbert Janowski

Hans N.Janowski, Hans Norbert Janowski ist Pfarrer und Journalist. Er lebt in Esslingen.