Pionierin, Pädagogin und Vorbild

Renate Ludwig war die erste Theologin in der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, die die zweite Dienstprüfung ablegte und wurde damit zur Pionierin unter den Theologinnen. Als engagierte Pädagogin war sie Vorbild vieler ihrer Schülerinnen.

Ein Beitrag von Christel Köhle-Hezinger

Renate Ludwig steht für jene Geschichte von Theologie und Kirche im 20.Jahrhundert, deren weibliche Seite verborgen und vergessen ist. Denen, die wie ich durch ihre Schule gingen, war dies damals nicht bewusst.

 

 

Es war keine leichte Schule. Sie forderte viel, war streng, konnte barsch sein – zumindest aus schwäbischer Sicht. Denn Renate Ludwig kam – sichtbar und hörbar – aus einer anderen Welt: aus dem 'Grossen Vaterland', aus Berlin. Sie hatte "Schnauze", war trocken, humorig, gelegentlich ruppig. Auch als sie mit dreien von uns damals 15-Jährigen Reisen nach Saarbrücken und Bern unternahm im Kampf um den "Goldenen Schulranzen", hielt sie auf Distanz. Wir bemerkten ihre Nähe zu den Medien, doch Genaues war nicht bekannt. Was für uns aber zählte: Sie war anders und kritisch, förderte und forderte und war unbequem. Sie öffnete uns die Welten von Philosophie und Theologie. Sie packte, motivierte, nahm uns ernst. Und sie war "modern".

Am 19. Juni 1905 wurde Renate Ludwig in Berlin-Schöneberg geboren. Von 1925 bis 1929 studierte sie Theologie in Berlin und Tübingen. 1929, im Jahr der ersten Dienstprüfung, wurde sie Mitglied im Verband evangelischer Theologinnen Deutschlands. Von 1929 bis 1933 war sie "Pfarrgehilfin" in Stuttgart, 1932 legte sie als erste Theologin in der Evangelischen Landeskirche in Württemberg die zweite Dienstprüfung ab. Für einen Mann hätte dies die Übernahme ins Pfarramt bedeutet. Frauen war das zu dieser Zeit noch verwehrt. Von 1933 bis 1938 war Renate Ludwig Referentin im Central-Ausschuss für Innere Mission in Berlin und in der Redaktion der Zeitschrift "Wort und Tat".

Mit der Begründung "nichtarisch" wurden ihr Veröffentlichungen und Vorträge verboten. Am 2.Juli 1936 folgte (gemeinsam mit acht weiteren Vikarinnen) die Ordination im Auftrag des Bruderrats der Bekennenden Kirche durch Präses Jacobi in der Jesus-Christus-Kirche in Berlin-Dahlem. Von 1938 bis 1941 ging sie – wieder als "Pfarrgehilfin" - nach Schwenningen, im Februar 1941 trat sie ihren Dienst als Vikarin (später "Pfarrvikarin") in Esslingen an. 1944 promovierte Renate Ludwig in Tübingen mit der Dissertation "Das christliche Erbe in der deutschen Frauenbewegung" (erschienen 1951).

Von 1946 bis 1958 war sie Vikarin bei der Evangelischen Frauenarbeit in Württemberg und seit 1949 saß sie für diese im Rundfunkrat in Stuttgart. Als Vertreterin der Frauenarbeit reiste sie in die USA, schrieb Artikel in den Zeitschriften "Zeitwende" und "Evangelische Theologie" und war Dozentin der Volkshochschule Esslingen. Von 1958 bis zu ihrer Pensionierung unterrichtete sie am Mädchengymnasium, dann am Theodor-Heuss-Gymnasium in Esslingen. Nach einem Unfall bei einer Studienreise in Ägypten starb Renate Ludwig, 70-jährig, in Esslingen am 27.April 1976.

"Nichtarisch", Frauenbewegung, Bekennende Kirche im Dritten Reich, "Frauenzölibat" für Beamtinnen und nicht gleichberechtigte "Vikarinnen" bis in die 60er Jahre: Von all dem hat uns damals "Fräulein Dr. Ludwig" (auf diese Anrede bestand sie) nichts erzählt. Wir sahen sie nie im Talar - und fragten nie nach dem Grund. Warum sie dazu geschwiegen hat - darüber lässt sich nur mutmaßen. Vielleicht wusste sie, dass solches Leben mehr als eine Generation Abstand braucht, um verstanden und befragt zu werden.

Eine Nachbemerkung: 1968 erst wurde die "Pfarrerin" gleichgestellt durch Ordination und Talar(mit dem sogenannten "Frauenbeffchen" und dem "Frauenbarett). Eine Ordnung von 1948 hatte nach Ausnahmen im Krieg das Talarverbot und das Zölibatsgebot für die "Vikarinnen" (nach 6 bis 8-jähriger Bewährung wurden sie "Pfarrvikarinnen")erneut festgeschrieben. Heirat bedeutete für Frauen bis 1968 das Ausscheiden aus dem Pfarrdienst.

Christel Köhle-Hezinger

Christel Köhle-Hezinger ist Lehrstuhlinhaberin für Volkskunde
(Empirische Kulturwissenschaft) an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena. Sie ist 1945 in Esslingen geboren, studierte in Tübingen, Bonn und Zürich Volkskunde, Germanistik und Landesgeschichte und lehrte an den Universitäten Tübingen, Stuttgart und Marburg, bevor sie zum Aufbau eines neuen Studiengangs 1998 nach Jena ging.