19.09.18

Geflüchtete

Kirche und Ehrenamt wenden sich gegen Hetze und Gewalt gegen Geflüchtete - überwiegend gute Erfahrungen.

Bernd Weißenborn, Brunhilde Burgmann, Kurt Hilsenbeck, Martin Maile (v.l.)

„Wir wollen Hetze und Gewalt gegen Geflüchtete entschieden entgegentreten“, sagt Bernd Weißenborn, Dekan des Evangelischen Kirchenbezirks Esslingen. Mit Sorge nehme man die Ereignisse in Chemnitz und an anderen Orten wahr. Das bedeute nicht, Gewalttaten zu entschuldigen oder Probleme zu verschweigen. „Aber eine Instrumentalisierung durch die AfD oder andere rechte Kräfte dürfen wir als Kirche nicht tolerieren. Deshalb wollen wir einen Impuls für ein menschliches Esslingen aussenden und die Flagge hochhalten für Humanität und Mitmenschlichkeit.“ Brunhilde Burgmann vom Arbeitskreis Asyl Esslinger Rennstraße, die sich seit mehr als 25 Jahren für Geflüchtete einsetzt, ist überzeugt: „Als Christen müssen wir uns um die Schwächsten in der Gesellschaft kümmern.“ Dekan Weißenborn ergänzt: „Wir üben Solidarität nach allen Seiten und treten nicht nur für Geflüchtete, sondern für alle ein, denen es in der Gesellschaft weniger gut geht.“

In Esslingen habe man ganz andere Erfahrungen mit Flüchtlingen gemacht, als in manchen Medien und an Stammtischen verbreitet werde, sagt Weißenborn. Es gebe viele Beispiele gelungener Integration. Das bestätigt auch Burgmann: „Ich habe nur gute Erfahrungen gemacht. Wir hatten und haben hier wenig Probleme.“ Wenn, dann träten diese hauptsächlich zwischen den verschiedenen Ethnien in der Unterkunft in der Esslinger Rennstraße auf. Die meisten Geflüchteten wollten hier leben, arbeiten und die Sprache lernen. Sie ärgert sich, dass viele Menschen schlecht informiert sind und so Vorurteilen aufliegen. Die Sorge um materielle Dinge, nämlich „dass Flüchtlinge uns etwas wegnehmen“, kann sie vor allem von denjenigen nicht verstehen, die selbst gut situiert sind. Persönliche Kontakte könnten da helfen. Eine private Initiative in Berkheim hat zudem angeregt, sich mit Fahnen gegen Hetze und Gewalt zu positionieren. Dort blieb bisher alles ruhig, sagt Burgmann. Sie weiß aber auch: „Rechte Tendenzen sind da, doch diese Leute trauen sich nicht raus. Das hört man eher im privaten Gespräch.“

Diakoniepfarrer Martin Maile berichtet davon, wie gut viele der 2015 hierher Geflüchteten sich inzwischen in die Gesellschaft eingefügt hätten: So unterstützten sich eine ältere Dame und ein junger syrischer Mann gegenseitig, erzählt er ein Beispiel aus Zell, wo Maile Gemeindepfarrer ist. Natürlich gebe es teilweise auch Konflikte mit den Anwohnern etwa wegen Lärms in den Unterkünften.
Er bedauere, dass die Politik das Thema Flucht „zu einem Straßen- und Stammtischthema gemacht hat“, und fordert, dass die Kirche sich stärker als moderierende Kraft in das politische Geschehen einbringt.

Auch Kurt Hilsenbeck, Ehrenamtskoordinator für die Flüchtlingsarbeit im Kirchenbezirk Esslingen, berichtet von vielen guten Begegnungen zwischen Ehrenamtlichen und Geflüchteten. „Ich erlebe sie als freundlich, dankbar und gastfreundlich. Da könnten wir Deutschen noch viel lernen.“ Allerdings würden Ehrenamtliche auch angefeindet, berichtet er von den negativen Reaktionen auf deren Wohnungssuche für eine fünfköpfige geflüchtete Familie in Baltmannsweiler. „Die große Wohnungsnot ist der schärfste Konfliktherd“, sagt er. Die Hoffnungshäuser, die an verschiedenen Orten in Esslingen entstanden sind und in denen Geflüchtete und Einheimische zusammen unter einem Dach leben, sind für ihn ein gutes Modell integrativen Lebens.