19.06.18

Hospiz

Eine Schrift geht Wohngeschichten im ehemaligen Oberesslinger Pfarrhaus nach.

Fast 200 Jahre lang diente das markante, schieferverkleidete Gebäude gegenüber der Oberesslinger Martinskirche als Pfarr- beziehungsweise Wohnhaus. Seit vier Jahren bietet es als Hospiz Menschen am Ende ihres Lebens und deren Angehörigen Geborgenheit und Fürsorge.

Diese neue Nutzung hat die Esslinger Kulturwissenschaftlerin Dr. Gudrun Silberzahn-Jandt im Auftrag des Trägers, der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde Esslingen, und des Fördervereins Hospiz Esslingen zum Anlass genommen, den Menschen, die im Haus wohnten nachzuspüren. Sie hat auch die unterschiedlichen Einflüsse und Sichtweisen der Pfarrer auf ihre Gemeinde, zu der neben Oberesslingen lange auch Hegensberg und Oberhof gehörten, in den Blick genommen.

Wie eine Trutzburg erhebt sich das ehemalige Pfarrhaus auch heute noch über die Schorndorfer Straße. Anfangs stand es komplett außerhalb der Bebauung. Diese Lage beklagten etliche Bewohner: „Das Haus ist allen Winden und Feuchtigkeiten ausgesetzt – Machen lässt sich aber nicht viel.“ Dieses Zitat aus einem Bericht von 1905 hat Silberzahn-Jandt, die bis vor kurzem selbst im Hospiz arbeitete, als Titel der Schrift gewählt.

Baupläne und Akten gingen verloren

Sie hat ehemalige Hausbewohner und Nachbarn befragt und verschiedene Archive durchforstet. Dabei hat die Wissenschaftlerin festgestellt, dass keine Baupläne aus der Bauzeit um 1822 mehr vorhanden sind, und auch andere Akten verloren gingen. Deshalb sei es schwierig gewesen, Dokumente zur Geschichte des Hauses und seiner Bewohner zu finden. Auch lasse sich heute kaum mehr sagen, wie die Inneneinrichtung aussah oder wie viele Personen zu verschiedenen Zeiten im Haus lebten. Die Pfarrfamilie, unverheiratete oder verwitwete weibliche Verwandte, Dienstboten, sogenannte Kostkinder, aber in den Nachkriegsjahren mangels Wohnraum auch weitere Familien, Flüchtlinge oder Einzelpersonen weiß Silberzahn-Jandt. Eine Schauspielerin mit Engagement am Esslinger Theater war ebenso darunter wie die Malerin Benita von Grotthuss aus einer litauischen Adelsfamilie.

Pfarrer mit Liebe zu Zigarren und Aktienbesitz

Und doch sagt die Autorin: „Die Atmosphäre im Pfarrhaus war nicht die eines Hauses, in dem viele Menschen beherbergt wurden und das mit Gästen stets gefüllt war.“ Erst in den letzten Jahrzehnten habe sich das geändert, als Familie Elsässer regelmäßig Besuch aus der weißrussischen Partnerstadt Molodetschno beherbergte. Dazu passt, dass trotz intensiver Forschungen vieles im Dunkel blieb. Gerne hätte sie etwa mehr über die Pfarrfrauen und ihr Wirken erfahren. Und doch förderte Silberzahn-Jandt auch Überraschendes zu Tage. Etwa, dass zwei Pfarrfrauen im großen Gemüsegarten Spargel zogen und dass Pfarrer Wilhelm Krauss nicht nur sein Geld in Aktien angelegt hatte, sondern laut einem Verzeichnis seines Besitzes auch 100 Zigarren sein eigen nannte. „Es herrschte keine strenge Abkehr von der Leiblichkeit“, so ihr Fazit.  Was vom Hausrat im Pfarrhaus verzeichnet ist, zeige das Streben nach bürgerlicher Kultur und Abgrenzung gegenüber den unteren Schichten, so Silberzahn-Jandt.

Besser dokumentiert ist, wie die Pfarrer den Wandel in Oberesslingen von einer ländlich geprägten Gemeinde hin zur Industrialisierung wahrnahmen. Einwanderer vor allem aus Italien arbeiteten Anfang des 20. Jahrhunderts in der nahegelegenen Ziegelei. Die Pfarrer beklagen eine zunehmende sittliche Verwahrlosung, für die sie die Arbeiterschaft und die Sozialdemokratie verantwortlich machten. „Vergnügungen“, die Vereine und Wirtshäuser boten, hielten Jugendliche, Arbeiterinnen und Arbeiter vom Gottesdienstbesuch ab.

Der spätere Kultusminister Gotthilf Schenkel eckte an

Politisch deckten die Pfarrer ein breites Spektrum ab: Während Paul Lang sich vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs in der Friedensbewegung engagierte, hatte Ernst Lempp, der 1934 die Pfarrstelle übernahm, zunächst offen Sympathien für die Nationalsozialisten bekundet, nahm später aber eine NS-kritische Haltung ein. Der wohl berühmteste Hausbewohner war Pfarrer Gotthilf Schenkel, ein überzeugter religiöser Sozialist, Freidenker und Pazifist. Er verlor als erster Pfarrer in Deutschland auf Druck der NSDAP und der Kirchenführung sein Amt. 1947 übernahm das SPD-Mitglied die Pfarrstelle in Oberesslingen, bevor er 1951 Kultusminister des Landes Württemberg-Baden und später Baden-Württembergs wurde. „Vielen galt er als zu intellektuell, als zu volksfremd und zu wenig kirchennah“, sagt Silberzahn-Jandt. In der Gemeinde stießen wohl auch seine Mitgliedschaft bei den Freimaurern und seine Kontakte zu Mahatma Gandhi auf Kritik.

1980 übersiedelte die Familie von Pfarrer Gustav Reusch in das neue Pfarrhaus beim Gemeindezentrum Ertingerhaus In das alte Pfarrhaus zogen Renate und Helmut Elsässer mit ihrer Familie. Die beiden Theologen waren allerdings nicht für die Kirchengemeinde Oberesslingen verantwortlich. 2012 erfolgte dann der Umbau zum Hospiz.

Aus dem Pfarrhaus wird das Hospiz

Dekan Bernd Weißenborn freut sich, dass mit dieser Dokumentation nun die Geschichte dieses ehemaligen Pfarrhauses dokumentiert ist. „Das ist wichtig. So verstehen wir tiefer, dass dieses Pfarrhaus als ein früherer Ort der Begegnung durch Umbau und Erweiterung ein guter Ort für das Hospiz Esslingen geworden ist.“Die Schrift gibt es im Hospiz Esslingen und im Evangelischen Dekanat, Augustinerstr. 12/1 in Esslingen gegen eine Schutzgebühr von zwei Euro.