04.09.18

Denkanstoß

Denkanstoß September 2018 von Pfarrer Stefan Schwarzer, Evang. Kirchengemeinde Oberesslingen.

Die große Stille

Sommerferien. Heißt für manche: Ganz normal arbeiten. Für viele: Berge, Seen, Städte, Meer. Urlaubszeit, die Seele baumeln lassen, wie man so schön sagt. Mit meinen wilden Jungs im Urlaub baumelt die Seele nicht viel, gute Zeit ist´s trotzdem. Die kleinen Wilden fahren dann nach Hause, ihr Programm läuft eine Woche ohne mich. Mein Programm läuft also auch eine Woche ohne sie, einfach ich. Zu Fuß, irgendwo in den südlichen Alpen, mal schauen, welche Gipfel und Steige Richtung Norden machbar sind. Von A nach B gelangen, Unterkunft finden, Essen und Trinken organisieren – damit sind auch schon alle äußerlichen Aufgaben genannt. Alleine unterwegs, und damit unausweichlich mir selbst begegnend: Das ist die innere Aufgabe.

Und da kommt mir der große Sprachmusikant Hanns Dieter Hüsch in den Sinn:

„Erst mit der großen Stille fängt die Seele an zu schreiben
Und lässt uns sanft und sicher werden […]
Es ist die Stille, die zur Kunst entfacht,
Geschichte macht,
Solang, bis wir den Schmerz von unsren Stirnen wischen. […]“

Habe ich Angst vor der großen Stille? Weil sich vielleicht plötzlich die Seele an der Oberfläche meldet und mich ahnen lässt, wohin meine Sehnsucht mich zieht? Weil plötzlich Tränen fließen, um deren Herkunft ich nicht weiß? Weil in mir Gefühle sind, die sich nicht in mein Denkschema einordnen lassen? Das und vieles mehr kann geschehen, wenn es still, wirklich still wird.

In dem Augenblick, in dem ein geliebter Mensch für immer aufhört zu atmen, breitet sich eine Stille aus, die unfassbar ist. Die Welt steht still, ganz und gar, für einige Momente. Es ist sehr legitim, diese Stille wieder mit allerlei Lärm und Geschäftigkeit zu füllen. Es ist alltagstauglich, zu funktionieren, seinen Pflichten nachzukommen, die inneren und äußeren Konflikte nicht immerzu auszutragen, den eigenen Ambivalenzen nicht ununterbrochen ein Ohr zu schenken. Doch unsere Seele wird uns keine Ruhe lassen, wenn wir ihr die Stille immer vorenthalten. Erst in der Stille können wir sanft und sicher werden, und die ein oder andere Antwort finden: Was brauchen wir zum Leben? Und was nicht? Wie können wir einander guttun in unseren Beziehungen? Wie finden wir einander, immer wieder, und manchmal ganz neu?

Ich wünsche mir, uns, allen Menschen Zugang zu der großen Stille, die uns unsere Sehnsucht spüren lässt, die uns Mut macht zu mutigen Entscheidungen, die uns tröstet, wo Sehnsucht unerfüllbar bleibt.

Als Christ, der ich bin, übe ich zusammen mit vielen Menschen guten Willens den Glauben: Dass er oder sie oder wie auch immer wir Gott nennen wollen, uns Menschen etwas zu sagen hat. Dafür müssen wir hören, die eigenen Worte und Emsigkeiten einstellen, also still werden – und zwar „Solang, bis wir den Schmerz von unsren Stirnen wischen.“ Danach aber möchte ich, dass die Bassboxen beim Festival richtig wummern, die Kinder mich zu Hause voll lauter Freude erwarten, die Feste des Lebens ordentlich gefeiert werden, und das Sinfonieorchester alles gibt – auch wenn wieder mal einer die Stille nach den göttlichen Klängen nicht erträgt und ungeduldig in das Verklingen des letzten Tones hineinklatscht.