09.03.18

Denkanstoß

Denkanstoß März 2018 von Pastoralreferent Uwe Schindera, Katholische Gesamtkirchengemeinde Esslingen

Mensch, gebrauche deinen Verstand!

Neulich sah ich eine Fotomontage zu dem berühmten Bild Michelangelos „Die Erschaffung Adams“. Das Original schuf der Maler wohl um 1510 für die Sixtinische Kapelle im Vatikan. Darin gibt Gott den Lebensimpuls an Adam in dem er dessen Zeigefinger berührt. Er signalisiert ihm: Mensch, lebe! Und nun die Fotomontage: der Finger berührt einen metallenen Roboterfinger.

Mich ließ diese Fotomontage schmunzeln und irgendwie auch schaudern. Die Vorstellung, wir Menschen „erwecken“ Roboter zum Leben, finde ich lustig. Gott tat es einst, gemäß der Bibel, mit uns Menschen. Eine Berührung, ein Fingerzeig, ein Signal – das genügt.

Doch lässt sich diese Fotomontage auch anders deuten: Der Roboter erweckt den Men-schen zum Leben. Mich gruselt diese Interpretation! Denn sie kommt dem derzeitigen Stand von Technik und Wissenschaft über „Künstliche Intelligenz“ nahe. Künstliche Intelligenz, ein Computer bearbeitet von alleine Probleme, berät heute schon Ärzte bei Diagnosen, Banker bei Finanzierungsfragen und Manager bei der Optimierung ihres Unternehmens. Roboter, ausgestattet mit Künstlicher Intelligenz,  bestimmen zunehmend unsere Arbeitswelt und unseren Alltag. Kein Traum, sondern schon bald werden wir von unseren Autos in der Kneipe aufgespürt und von alleine nach Hause gebracht werden. Schon jetzt kann mein Kühlschrank automatisch den nächsten Supermarkt über den Leerstand meines Kühl-schranks informieren der daraufhin einen Lieferservice benachrichtigt. Meine Krankenkasse ist heuten schon über meine genauen Körperdaten im Bilde und ermuntert mich, dies zu lassen und jenes zu tun. Die Digitalisierung offeriert uns eine fantastische zukünftige Welt! Ja, diese Welt fasziniert. Denn was ist dem menschlichen Geist nicht alles schon gelungen und noch möglich?

Doch diese Welt erschreckt auch. Denn bin ich tatsächlich noch Herr der Technik oder werde ich ihr Sklave? Gibt es Grenzen für sie oder ist alles nur noch fließend? Müssen wir Angst vor einer „Superintelligenz“ haben, die uns vielleicht mal ausmerzt? Der schwedische Philosoph Nick Bostrom bestätigt diese Angst vor der Selbstvernichtung des Menschen, wenn er meint, Künstliche Intelligenz sei die letzte Erfindung des Menschen. Danach hat er sich sozusagen selbst abgeschafft. Eine schreckliche Zukunftsvision, die der geniale Regisseur Stanley Kubrick bereits 1968 in einem seiner Meisterwerke „2001 – Odyssee im Weltraum“ ins Bild setzte.

Doch bleiben wir bei uns. Wir können nicht nur mit dem Strom der Technik schwimmen oder uns ihr gänzlich verweigern. Das viel Entscheidendere ist, wie wir mit ihr umgehen. Dabei sind sowohl Sensibilität, ein gutes Stückweit Neugierde wie auch ein gewisses Maß an Distanziertheit gegenüber allen technischen Errungenschaften gefragt. Denn Maschinen mit Künstlicher Intelligenz werden mehr und mehr unseren Alltag mitgestalten. Daher müssen wir miteinander aushandeln was durch Technik keinesfalls geschehen darf. Oder anders gesagt: Wie kann uns Künstliche Intelligenz mehr nutzen als schaden? Wir haben schlichtweg die Verantwortung unser Wissen und unsere Moral so zusammen zu führen, dass Technik zum Gelingen menschlichen Lebens beiträgt.

Natürlich wird es immer auch Wissenschaftler geben, die sich mit noch so guten Argumenten darüber hinwegsetzen. So wird derzeit der Einsatz von Kampfrobotern damit gutgeheißen er schütze Leben von Zivilisten und von Soldaten. Das Klonen von Menschen diene der Ent-nahme gesunder Organen für das eigene unheilbar kranke „Original“ oder für andere. Für mich absolute Tabubrüche aus christlicher und aus humanistischer Sicht!

Es bleibt nur die offene Debatte. Sie darf nicht nur ökonomische, politische oder wissen-schaftliche Interessen verfolgen. Sie muss am Ende auch christlich-ethische Rahmenbedin-gungen festlegen, wie wir mit Künstlicher Intelligenz umgehen. Dazu gehört das Abwägen von Vor- und Nachteilen, das Festsetzen von Kontrollen und gegebenenfalls auch Strafen bei Fehlverhalten. Nur so lassen sich unsere naheliegenden Herausforderungen, zum Bei-spiel die wachsende Zahl Pflegebedürftiger oder die Energiewende auch mittels Künstlicher Intelligenz lösen.

Angst haben vor der neuen Technik brauchen wir nicht, wenn wir den uns von Gott ge-schenkten Verstand nutzen. Mit ihm entscheiden wir, welche Tätigkeiten wir künftig von Robotern erledigen lassen und wie wir dann für unser Gemeinwohl tätig werden können. Die Zukunft hat bereits begonnen. Gebrauchen  wir alle unseren Verstand!