13.09.18

Denkanstoß

Denkanstoß September 2018 von Pastoralreferent Uwe Schindera, Katholische Gesamtkirchengemeinde Esslingen

Nun sind die Ferien zu Ende. Die Urlauber sind wieder daheim. Sicherlich verbrachten etliche, wie ich, diese Tage fern der „Heimat“ im Ausland und erlebten, wie sich die Einheimischen dort in ihrem Zuhause wohlfühlen. Für mich war das ein Anlass über „Heimat“ nachzudenken. Der andere ist die zunehmend bösartig werdende Diskussion in unserem Land, wer denn nun deutsch sein und hier heimisch werden darf. Von mangelndem Respekt gegenüber anderen ist dabei genauso die Rede, wie die nationalsozialistische Parole, nur Deutsche hätten hier ihr Zuhause. Ich meine, ein einfach nur widerlicher und ekelhafter Ruf! So wird ein Keil in unser Miteinander getrieben zwischen die, die hier „heimisch“ sind und die, die als Geflüchtete ihre Heimat verloren haben.

Eine allgemein gültige Definition von Heimat habe ich nicht gefunden. Daher ist Heimat wohl eher etwas, das dem persönlichen Empfinden entspricht. Gefühle wie Erinnerungen an vermeintlich bessere Zeiten; den Eindruck haben, sicher und geborgen zu sein; Freiheit in der Natur zu spüren; einen Ort aufsuchen, in dem mir wichtig gewordene Menschen leben – all das und vieles mehr verbinden wir mit Heimat. Bei selbstkritischer Betrachtung müssen wir uns eingestehen, dass diese vier Gefühlsempfindungen niemals alle auf einmal zusammentreffen. Nur ein Beispiel, wie leicht persönliche „Heimat-„ Gefühle von jemand anderem ganz anders gesehen werden: Nehmen wir an, Sie haben Ihre schöne Kindheit in einem Dorf verbracht. Für einen Großstädter mag es ein Unding sein, für so einen Ort, wo sich Fuchs und Hase „Gute Nacht“ sagen, etwas zu empfinden. Ich denke, es ist wichtig, sich einzugestehen, dass Heimat viel mit der eigenen Lebensgeschichte zu tun hat. Das sei denjenigen gesagt, die daherkommen und versuchen, mir herrisch einzubläuen, nur Deutschland sei für mich Heimat! Wie gesagt, sie reden von „Land“, einer Nation, nicht von Gefühlen und Erinnerungen! Sie verdrehen und verfälschen das Wort Heimat zum Kampfbegriff. So verliert dieses Wort sein eigentliches Flair und seine Aura.

„Heimat“ ist ein typisch deutsches Idealbild, das sich in unserem Gedächtnis festgesetzt hat. Deutsch insofern, da es diesen Heimatbegriff mit diesen Empfindungen nur in unserer Sprache gibt. So lernte ich in meinen Ferien, dass die Engländer, Franzosen, Portugiesen und Russen in ihrer Sprache mit Heimat ihr Zuhause, ihre Region oder ihr Land bezeichnen. Über die Sprachgrenzen hinweg sind wir uns in der Aussage einig: Heimat ist ein Gefühl der Zugehörigkeit! Daher muss das „Ich gehöre zu euch!“ jeden in unserer Gesellschaft mit einbeziehen.

In der Bibel gibt es unterschiedliche Sichtweisen auf das, was Heimat ist. Das Alten Testament beschreibt sie als das verheißene Land Kanaan. Das bekommen die Juden als Leihgabe Gottes. Das Neue Testament weitet den Begriff: Der Himmel, der Raum Gottes, ist die Heimat der Gläubigen. Deutlich wird dies im bekannten Kirchenlied: „Wir sind nur Gast auf Erden …“ Die erste Strophe schließt mit dem Vers: „… und wandern ohne Ruh …-… der ewigen Heimat zu.“ Diese Zeilen schrieb der Dichter Georg Thumair 1935 als ein klares „Nein!“ zum sich in allen gesellschaftlichen Bereichen breitmachenden Nationalsozialismus. Er ahnte wohl schon die Folgen der Spaltung der damaligen Gesellschaft in „ihr gehört dazu“ und „ihr nicht“. Inwieweit er sich dabei durch den Brief des Apostels Paulus an die Philipper inspirieren ließ, weiß ich nicht. Darin heißt es im 3. Kapitel: „Unsere Heimat aber ist im Himmel.“ (vgl. Phil 3,20). Ich denke, es lohnt sich, diesen Apostelbrief zu lesen. Denn darin betont Paulus erneut, dass Christsein bedeutet, Christus in den Menschen zu sehen, die am Rand der Gesellschaft stehen, oder aus ihrer Heimat flüchten müssen.

Dies sei denjenigen gesagt, die meinen, ihre „christliche Heimat“ mit einer Mauer schützen zu müssen. Geht das überhaupt? Den christlichen Auftrag zu vernachlässigen zugunsten einer krampfhaften Verteidigung eigener persönlicher Heimatgefühle?

Wer das Christentum in seiner Heimat bewahren will, muss sich um diejenigen kümmern, die sich hier heimatlos fühlen. Er sollte sie willkommen heißen und ihnen das Gefühl der Zugehörigkeit vermitteln. Ob dann unser Land, unsere Kultur, unser gesellschaftliches Miteinander und unsere Menschlichkeit für sie eine neue Heimat wird, wird sich zeigen. Doch werden wir alle zusammen durch sie ein neues Heimatgefühl bekommen.