18.05.18

Denkanstoß

Denkanstoß Mai 2018 von Pfarrer Christoph Schweizer, Evang. Kirchengemeinde St. Bernhardt zum Hohenkreuz Esslingen

Verständigung statt Phrasen und Dresche

Ist Ihnen diese Politikermarotte auch schon aufgefallen? In Fernsehtalkshows sitzen sie nebeneinander, beharken sich – und schauen sich dabei nicht an. Im Gegenteil. Man schaut demonstrativ weg, während man über seine politische Kontrahentin herzieht. Mich irritiert diese offenkundige Missachtung des anderen. Vielleicht bin ich naiv. Ich denke nämlich, wenn einer zum Talk in so ein Fernsehstudio geht, dann möchte er mit den anderen reden. Pustekuchen. Es gibt da scheinbar einen Wettbewerb um die Fähigkeit, besser am andern vorbeizureden als die anderen. Wer holt sich mit Worten und Phrasen mehr „Lufthoheit“, wer macht sich erfolgreicher breit? Ich bin mir ziemlich sicher, dass der Punktesieg in diesem überflüssigen und fantasiearmen Wettbewerb nicht viel wert ist. Wer sich mit Phrasen breit macht, dient nicht der Sache, er und sie tut den Zuschauern keinen Gefallen, und sich selbst auch nicht. In der Beliebtheitsskala beim Publikum wird man mit dieser Nerv-Methode kaum auf Dauer nach oben steigen.

Eigentlich ärgerlich, dass genau solche Typen von Talkshow-Redaktionen gebucht werden. Sie sind dort beliebt, weil sie routiniert für Streit und Spannung sorgen. Und dabei in Kauf nehmen, dass sie ziemlich schlechte Vorbilder abgeben, wenn es darum geht, wie man anständig miteinander umgeht.
Und die Vorbilder für schlechtes Kommunizieren sind erfolgreich. Die Social Media beispielsweise sind voll von „hate speech“: von Verleumdung, Beschimpfung und übler Nachrede. Jugendliche „dissen“ sich in sozialen Netzwerken. Sie üben sich im Druck und in der Krawallkultur, die sie durch uns Erwachsene kennenlernen.

Zum Glück gibt’s auch das andere. In Gemeinderäten und Talkshows, beim Frisör und beim Frauenkreis der Gemeinde, im Schulunterricht, am Stammtisch und manchmal auch auf Facebook und Twitter: Menschen, die einander zuhören. Die ihre Sicht mitteilen, die aber auch an der Sicht des andern ernsthaft interessiert sind. Die hinschauen und hinhören, bevor sie was sagen. Wo das geschieht, da können geniale Momente entstehen. Wenn beispielsweise im Religionsunterricht alle – oder fast alle – kapieren: Das ist gerade richtig wichtig und gut, was wir hier diskutieren. Da sind gerade zwei mit unterschiedlichen Ausgangsargumenten aufeinander zugegangen. Und weil beide gut zugehört haben, sich auch Mühe gegeben haben, ihre Position verständlich rüberzubringen, haben beide was kapiert. Sie haben sich selber besser verstanden, aber auch verstanden, dass die Sicht des andern ebenfalls legitim und nachvollziehbar ist.

Gute Vorbilder im Kommunizieren – das sind für mich auch diejenigen Facebooker, Twitterer und Blogger, die eher loben als in den Dreck ziehen, eher die Verständigung suchen als die Herabwürdigung anderer, Sachargumente statt Schlammschlacht. Es gibt sie. Das sind die Leute, die unsere Gesellschaft weiterbringen. Weil sie sich nämlich für die Verständigung einsetzen. Für die Verständigung unter Leuten mit unterschiedlichen Ansichten und unterschiedlichen kulturellen und religiösen Hintergründen.

An Pfingsten übrigens wurde in den Gottesdiensten an die biblische Geschichte vom Pfingstwunder erinnert. Die Geschichte also, derzufolge vor 2000 Jahren in Jerusalem Menschen aus aller Herren Länder plötzlich alle verstehen konnten, was die Männer und Frauen der ersten Christengemeinde zu sagen hatten. Dabei war deren Muttersprache allesamt aramäisch, die Sprache Jesu. Ein Sprachwunder hat sich da ereignet. Ein Verständigungswunder.

Es gibt diese Art von Wunder bis heute. Man muss dazu gar nicht unbedingt verschiedene Muttersprachen haben. Oft grenzt es schon an ein Wunder, wenn Menschen aus derselben Nachbarschaft einander verstehen. Das Wunder der Verständigung kann sich da ereignen, wo man aneinander interessiert ist, wo man hinschaut und hinhört. Wo man sich mehr zeigt als nur die kalte Schulter.