29.11.18

Denkanstoß

Denkanstoß von Pfarrer Christoph Schweizer, Evang. Kirchengemeinde St. Bernhardt zum Hohenkreuz Esslingen

Hoffnungslichtermeer

Ein eigenartiges Treiben war Anfang November rund um die Esslinger St. Bernhardt-Kirche zu beobachten. 30 Jugendliche entzündeten Grablichter. Sehr viele Grablichter. 700, um genau zu sein. Sie stellten sie rund um die Kirche auf. Später trugen sie sie auf den Friedhof, je zwei, verteilten sie zwischen den Gräbern.

700 Grablichter, die den Friedhof im Esslinger Norden für vier Tage und Nächte in ein Lichtermeer verwandelt haben. Ermöglicht wurde diese ungewöhnliche Konfirmandenaktion durch die deutschlandweiten Kontakte des Gospelrappers Philip Obrigewitsch. Er wohnt im Esslinger Norden und hat uns Pfarrer auf die Idee gebracht. Der Musiker vermittelte die Grablichtspende durch einen norddeutschen Hersteller.

Die Jugendlichen haben nicht nur Grablichter auf den Friedhof getragen. Wir haben mit ihnen einen Jugendgottesdienst gefeiert, Texte gelesen, die von der Hoffnung im Angesicht des Todes erzählen. Philipp Obrigewitsch hat gerappt und von seiner Hoffnung erzählt. Und so wurden die 700 Grablichter, die die Jugendlichen auf den Friedhof getragen haben, zu Hoffnungslichtern. Sie verwandelten den Trauerort Friedhof in ein Symbol für Wärme, Anteilnahme und Hoffnung. Dabei wissen die Jugendlichen genau, dass Tod und Sterben durch die 700 Kerzen nicht weggenommen oder überstrahlt werden. Auch für 14-jährige ist es eine Herausforderung, sich dem zu stellen. Sie machen Bekanntschaft mit Sterben und Tod, beispielsweise von Bekannten und Verwandten. Sie begreifen aber auch, dass der Friedhof für beides steht. Für Abschied, Trauer und Endlichkeit. Aber auch für die Hoffnung, dass da noch mehr ist.

Mich haben die Jugendlichen beeindruckt, und mit welcher Konzentration und Ruhe sie auf dem Friedhof dabei waren. Natürlich kann man darüber spotten, es sei ein frommer Hokuspokus, und ein paar hundert Kerzen änderten nichts am Fakt der menschlichen Endlichkeit.

Vielleicht tun sie es aber doch. Ich jedenfalls bin überzeugt davon, dass es etwas mit mir und meiner Heidenangst vor dem Tod macht, wenn ich die Hoffnungsworte und Hoffnungszeichen nicht vorschnell wegwische. Wenn ich nicht die Hoffnung abtue, weil sie nicht in mein kleines Weltbild passt, das nur für real hält, was ich sehen und zählen und anfassen kann. Es macht etwas mit meiner Angst und auch mit meinem Leben schon heute, wenn ich die Hoffnung für Übermorgen an mich ranlasse.

Die Hoffnung im Angesicht des Todes gibt mir Mut, mich meiner Endlichkeit zu stellen. „Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, damit wir klug werden“, heißt es im Psalm. Es hat was mit Lebenskunst und Weisheit zu tun, wenn ich meine Endlichkeit und Sterblichkeit nicht verdränge.

Wahrscheinlich kennt jeder Menschen, die so tun, als lebten sie ewig. Die am Sessel ihrer Macht kleben und nicht kapieren, dass das Unternehmen, der Verein oder auch die Politik davon leben, dass die Verantwortung rechtzeitig in jüngere Hände weitergegeben wird. Im öffentlichen Leben geben solche Leute oft eine tragische Figur ab. Anstatt ihrer Verdienste bleibt in Erinnerung, dass da ein Mensch war, der nicht loslassen konnte. Aber es ist nunmal so, und an einer Position festkleben hilft wenig: Wir sind auf diesem Planeten Gäste auf Zeit. Und wir übernehmen hier Verantwortung auf Zeit.

Dem Tod und unserer Endlichkeit ins Auge schauen ist ein wichtiger Baustein der Lebenskunst. Und wenn ich Menschen begegne, die dies besonders intensiv tun, beispielsweise Engagierte im Hospiz, dann sehe ich oft, wie Menschen durch die Beschäftigung mit dem Tod nicht schreckhaft oder trübsinnig werden. Ganz im Gegenteil. Rund ums Hospiz lerne ich Leute kennen, die sich trauen, eine große Lebensfrage an sich ranzulassen. Und oft geschieht dieses Ranlassen in intensiven Begegnungen. Denn die letzten Wochen, Tage oder Stunden können besonders intensive Zeiten des Lebens sein. Zeiten, in der man sich offen und unmaskiert begegnet, weil für unsere gewohnten Alltagsmaskeraden am Sterbebett einfach keine Zeit mehr ist.

Verstehen und an mich ranlassen, dass ich sterben werde und meine Lieben ebenfalls – es ist hart, aber notwendig und Teil der Lebenskunst. Und dabei die Hoffnung nicht aufgeben, sondern sich anstecken lassen von Hoffnung angesichts des Todes – das hilft mir dabei.
Jedesmal, wenn ich auf den Friedhof St. Bernhardt gehe, denke ich jetzt an dieses Hoffnungs-Lichtermeer der Konfirmanden von Anfang November. Und ich freue mich. Und trauere mit den Trauernden. Beides gehört zusammen.