23.07.18

Denkanstoß

Denkanstoß Juli 2018 von Pfarrer Stefan Möhler, Katholische Gesamtkirchengemeinde Esslingen.

Bildungsdiskussion mal anders – lernen von den Kindern

Bildungsfragen sorgen in unserer Stadt und Gesellschaft stets und zurecht für reichlich Diskussionsstoff: Was sollen unsere Kinder lernen in Kindergarten, Schule und Ausbildung, um fit zu sein für ihr Leben in der Gesellschaft heute und morgen? Was sollen Eltern ihren Kindern mitgeben, wie kann eine gute Erziehung gelingen? Das sind wichtige Fragen, gewiss, aber ich möchte Sie heute einmal einladen, die Kinder genau anders herum in den Blick zu nehmen: Was sollen die Erwachsenen von den Kindern lernen? Diese Frage hat ihre Wurzel in der Bibel, wo Jesus sagt zu seinen erwachsenen Zuhörern sagt (bei Matthäus 18, Vers 3): „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht in das Himmelreich hineinkommen.“ Mit anderen Worten: Lernt von euren Kindern, damit ihr eurer wahres Lebensglück findet.

Das ist Bildung anderer Art: Hier sind die Kinder die Lehrkräfte und Erwachsene die Schüler. Was können wir von unseren Kindern lernen? Ganz bestimmt eines: den Blick für die vielen schönen Dinge im täglichen Leben. Wer schon einmal mit einem Kind von vielleicht 2, 3 oder 4 Jahren einen beliebigen Weg gegangen ist, weiß, wovon die Rede ist. Da gibt es so viel zu entdecken: Kleine Steine in unterschiedlichsten Formen und Farben, interessante Gräser oder Kräuter, ein ungewöhnliches Auto vielleicht, Arbeiter auf einer Baustelle, Pfützen, die wunderbar spritzen, wenn man hineintritt… Ein Weg, den ein Erwachsener in fünf Minuten zurücklegt, kann mit einem Kind an der Seite glatt eine Stunde dauern! So vieles ist da, wofür stehenbleiben sich lohnt! So lästig das für stressgeplagte Eltern sein kann – aber ist es nicht auch eine wichtige Lebensschule, mit der uns die Kinder in Erinnerung rufen, dass die Welt voller Leben, voller Schönheit ist, und dass vieles, was das Leben reich macht, direkt am Wegrand auf uns wartet?

Nicht jeder kann in diese Kinderschule gehen. Nicht alle sind Eltern und Großeltern, oder die Kinder sind schon größer geworden. Aber vielleicht kann jeder wieder einmal diesen kindlichen Blick auf die Welt erinnern und neu üben: Bei einem Spaziergang eine Bank aufsuchen und den Blick umherschweifen lassen. Wahrnehmen, was da ist. Nicht das Außergewöhnliche suchen, sondern das Alltägliche wieder genauer anschauen. Und dann, heimgekehrt, auch dort oder bei der Arbeit einmal mehr bewusst hinschauen, wahrnehmen und schätzen, was da allem an Gutem ist. Den Mitmenschen mit wachem Blick für ihre innere und äußere Schönheit begegnen. Diese kindliche Seh- Schule nimmt die Sorgen und den Stress natürlich nicht weg. Und die Mitmenschen sind und bleiben nicht nur schön und freundlich. Aber dieses Sehen hilft beim Gewichten, was wirklich wichtig und was nebensächlich ist. Und das Bewusstsein, dass wir täglich mit Schönheit beschenkt werden, hilft, auch die schweren Dinge zu tragen und zu bewältigen.

Noch viel Wesentliches gibt es in der „Kinder- Schule“ zu lernen: Vertrauen wäre da zu nennen. Ein Selbstwertgefühl, das nicht von Leistung abhängt, sondern einfach vom Dasein. Die Einsicht, dass ein Mensch immer auf andere angewiesen ist und nicht alles allein (und auch nicht alles am besten) kann… Nein: Kinder sind nicht unfertige Erwachsene, die es möglichst schnell nach unseren Vorgaben zu formen gilt. Die Kindheit hat ihre eigene Bedeutung und ist für die Menschen in den anderen Lebensaltern wichtig. Bei aller berechtigten Sorge um gute Bildungseinrichtungen sollten wir das nicht vergessen: Lassen wir die Kinder Kinder sein. Nur so können sie uns Lehrer sein und ihren Beitrag leisten zum Lebensglück aller und zu einer zufriedeneren, sozialeren und menschlicheren Gesellschaft.