25.10.18

Denkanstoß

Denkanstoß Oktober 2018 von Pastoralreferent i. R. Josef Birk, Katholische Gesamtkirchengemeinde Esslingen.

Sommer 18 – wer trägt die Verantwortung?

Langsam, sehr langsam geht der Sommer zu ende. Ein Sommer der Superlative mit gefühlt unbegrenztem Sonnenschein, endlosen lauen Abenden, mit einem Hochdruckgebiet nach dem anderen. Aber auch mit Dürre, unerträglicher Hitze und Extremwetter. Zwei Seiten von einer eigentlich schönen Jahreszeit. Mit dieser Feststellung könnte man in der gewohnten Selbstverständlichkeit in den Herbst übergehen. Wäre da nicht dieser lästige Klimawandel, vor dem uns gerade in den vergangenen Monaten immer wieder Wissenschaftler, Forscher, Klimaexperten gewarnt haben. Die Extreme dieses Sommers haben uns spüren lassen, dass Klimawandel nicht irgendjemand auf der Welt betrifft, sondern auch uns, ganz hautnah.

Die Reaktionen sind vielfältig: Verdrängen, Negieren, resignieren, schönreden, einfach zur Tagesordnung übergehen oder Konsequenzen überlegen. Die Hinweise auf gravierende Klimaveränderungen mit weitreichenden Konsequenzen als Folge des Handelns von uns Menschen sind erdrückend.  Der Sommer 18 lässt sich nicht mehr verabschieden, ohne nach den Folgen unseres Handelns zu fragen. Eigentlich weiß jedes Kind, dass es für die Folgen seines Tuns geradestehen muss. Das mag uns Erwachsenen in den meisten Fällen des Alltags selbstverständlich sein. Wenn ich das Auto eines anderen beschädige, muss ich für den Schaden aufkommen. Wenn ich jemand beleidige, dann wird er mich dafür zur Rede stellen. Aber wie ist es mit den materiellen Wirkungen meines Handelns, die nicht so konkret greifbar und messbar sind, die weder hörbar noch sichtbar sind und schon gar nicht als unmittelbar spürbare Folge auf mein Tun? Wer belangt mich, wenn ich durch meine Lebensweise statt der 2,5 Tonnen CO2, die noch als umweltverträglich gelten, 11 Tonnen oder gar noch mehr produziere?

Fast alles, was ich tue, wenn ich kaufe, wenn ich mich fortbewege, wie ich mich kleide, wenn ich Energie  verbrauche, hat mehr oder weniger große Auswirkungen auf andere Menschen, von denen ich allerdings den meisten mein Leben lang nie begegne: z.B. auf die Jeansnäherin in Afrika, auf die meeresnahen Bewohner in Bangladesch oder in Holland, auf Bauern, die mit zunehmender Trockenheit zu kämpfen haben, ja sogar auf meine Kinder und Kindeskinder.  Niemand jedoch kommt bis jetzt auf die Idee, mich dafür zu belangen, wenn ich in Sachen Ökologie über meine Verhältnisse lebe und jetzt oder in Zukunft anderen schade.

Die möglichen Schäden ökologischen Fehlverhaltens sind seit Jahrzehnten hinlänglich bekannt. Es besteht keinerlei Informationsdefizit. Im Gegenteil: man langweilt sich ja fast schon, wenn über Ergebnisse von Klimaforschungen berichtet wird. Mir scheint wir haben ein Verantwortungsdefizit.  Ich kann diese Verantwortung leugnen, ich kann sie von mir weisen, weil sie mich überfordert, aber ich kann sie nicht aus der Welt schaffen. Ich zumindest krieg sie nicht mehr los.

Die Ausrede, dass die Politik dafür zuständig ist und ich als einzelner eh nichts ändern kann, sticht in einer Demokratie nicht. Denn wir haben schließlich die Politik, die wir gewählt haben. Da erträgt der Wähler offensichtlich mit Gelassenheit, dass Deutschland beim Klimaschutzindex 2018 gerade mal auf Platz 22 landet. Ich habe den Eindruck, dass zu dem Verantwortungsdefizit noch ein weiterer Mangel hinzukommt, vielleicht sogar ursächlich für den ersteren: Wir haben nicht gelernt, wie man angesichts der Globalisierung mit weltweiter Verantwortung vernünftig umgehen kann. Wo lernen wir den verantwortungsvollen Umgang mit den zum Teil weltweiten Verflechtungen unseres Konsum- und Freizeitverhaltens? Wo sind aber auch die Grenzen von Verantwortung, damit wir nicht in Extreme verfallen zwischen Verantwortungslosigkeit und moralischer Selbstüberschätzung? Denn eine stetig zunehmende persönliche Verantwortung für grenzenlose weltweite Zusammenhänge, wie sie ständig über die Medien an uns herangetragen werden, hält kein Mensch aus. Wo lernen wir Maßstäbe für einen kritischen Umgang mit einer Wirtschaft, die auf ständiger Konsum- und Mobilitätssteigerung beruht, ohne die Konsequenzen zu beachten?  Der Philosoph Hans Jonas hat Hilfestellung gegeben, z.B. mit folgender Maxime: „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden“? Ein offener Diskurs darüber ist längst überfällig.