06.05.20

Abendmusik

Christian Rilling und Reinhard Löw musizieren in der Corona-Zeit für ihre Nachbarn in Denkendorf.

Christian Rilling (l.) und Reinhard Löw spielen für ihre Nachbarn

Es ist schon eine feste Tradition: Seit Mitte März treten Christian Rilling und Reinhard Löw jeden Abend um 19 Uhr auf ihre Terrassen im Greut in Denkendorf und spielen drei Lieder auf Posaune, Trompete oder Flügelhorn.

Auf den umliegenden Balkonen haben sich zuvor schon Zuhörerinnen und Zuhörer versammelt, Fenster öffnen sich und auch auf der Straße warten Menschen auf das kleine allabendliche Konzert – und sie spenden großzügig Beifall.

Auslöser für die musikalischen Auftritte war der Vorschlag der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), während der Corona-Pandemie als Zeichen des Zusammenhalts doch abends jeweils um 19 Uhr „Der Mond ist aufgegangen“ zu intonieren – aus dem eigenen Garten, Fenster oder vom heimischen Balkon. Das könnte man doch mal probieren, überlegte Christian Rilling, der in der Stuttgarter Bläserkantorei spielt und in Denkendorf evangelischer Kirchengemeinderat ist. Nach dem ersten Soloeinsatz konnte er seinen Nachbarn Reinhard Löw für das Anliegen gewinnen. Dieser spielt im Musikverein Trompete und Flügelhorn. „Er ist katholisch, damit ist es ein echt ökumenisches Unterfangen“, schmunzelt Rilling, der im Hauptberuf stellvertretender Leiter der Städtischen Museen in Esslingen ist. Das eine oder andere Mal gesellt sich auch Rillings Ehefrau, die Ärztin Christine Glaser mit ihrem Cello zu den beiden. Gespielt wird seit längerem nicht mehr nur „Der Mond ist aufgegangen“, auch wenn Rilling und Glaser vor allem dieses Lied wichtig ist. „Es drückt Zuversicht und Gottvertrauen aus, spiegelt aber zugleich auch die tiefe innere Erfahrung von Not, Leid und Krankheit.“ Gerade deshalb sei der Text in der Corona-Zeit besonders aktuell.

Die beiden Bläser haben inzwischen ein reichhaltiges Repertoire nicht nur von  Kirchenliedern. Daraus stellen sie spontan die drei Stücke des jeweiligen Abends zusammen. „Kurz vor 19 Uhr wird entschieden“, sagt Rilling. „Befiel du deine Wege“, „Geh aus mein Herz“ und zum Abschluss „Der Mond ist aufgegangen“, sind es an diesem Abend. Das erste Stück auf die Bitte einer Nachbarin, denn auch solche Wünsche erfüllen die beiden Bläser. Gespielt wird aus dem Stegreif, geprobt haben die beiden noch nie zusammen. „Wenn es mal ein bisschen schief klingt, ist das auch nicht schlimm“, sagt Rilling. Für Rilling und Glaser ist wichtig, dass durch die Musik Gemeinschaft entsteht. „Man kommt ins Gespräch und hört, wie es den Nachbarn geht“, sagt Glaser. Ein kleines Mädchen, das im Haus gegenüber wohnt, habe inzwischen die erste Strophe von „Der Mond ist aufgegangen“ auswendig gelernt.

Wie gut Aktion ankommt, zeigt eine Anzeige, die jüngst im örtlichen Amtsblatt erschienen ist. Darin dankt eine Familie für das allabendliche Konzert und versichert „Wir lauschen immer gern!“