05.08.19

Blarer-Gemeindehaus

Ein Haus der Kirche für Esslingen: Evangelisches Gemeindehaus soll besser genutzt werden.

Ihr Herz schlägt für das Blarer-Gemeindehaus: Bernd Weißenborn, Günter Wagner, Christel Köhle-Hezinger, Ulrike Gräter, Siegfried Bessey, Frank Kaltenborn (v.l.)

Das Gemeindehaus am Blarerplatz in Esslingen ist für die Kirche ein Schatz und eine Belastung zugleich. Deshalb sucht die Evangelische Gesamtkirchengemeinde, der das Haus gehört, nach verbesserten Nutzungsmöglichkeiten für das Ensemble aus Gemeindehaus und Franziskanerkirche. In der Diskussion um einen neuen Standort für die Stadtbücherei war zwischenzeitlich auch das Gemeindehaus in der Diskussion. Nachdem dies verworfen worden war, rückte die Zukunft des Hauses in den öffentlichen Fokus. Es stand die Frage im Raum, wie es mit dem Haus weitergehen kann.

Schließlich musste die Gesamtkirchengemeinde jährlich ein Defizit von rund 90 000 Euro schultern. Um die Einnahmesituation zu verbessern, wurde die Miete erhöht und man hat sich bemüht, das Haus häufiger zu vermieten. Auch namhafte Spenden gingen ein. Damit habe sich der finanzielle Aufwand um rund 30 000 Euro verringert, sagt Dekan Bernd Weißenborn. Für den Melanchton-Saal, der dauerhaft an die benachbarte Musikschule vermietet ist, bekommt die Kirchengemeinde rund 14 000 Euro im Jahr. Die Einnahmen aus der Fremdvermietung sind nach den ersten Maßnahmen bereits erheblich angestiegen. Kamen viele Jahre lang nur rund 7500 Euro in die Kasse, waren es 2017 36 000 Euro. 2019 belaufen sich die Mieteinnahmen schon jetzt auf rund 26 000 Euro. Ziel sei es, die Mieteinnahmen bis 2021 auf ca.110 000 Euro pro Jahr zu steigern, sagt Frank Kaltenborn, seit April neuer Kirchenpfleger und damit Finanzchef der Gesamtkirchengemeinde.

Doch langfristig, das war allen Beteiligten klar, braucht es ein anderes Nutzungskonzept. „Wir wollen mehr aus dem Haus machen“, betont der Dekan. Das Gebäude werde gebraucht und sei auch als Teil des Quartiers an der Küferstraße zu sehen. Ein „Haus der Kirche“, das sich offen und transparent präsentiert, in dem Begegnung stattfinden kann – „auch im Sinne der pluralen Gesellschaft“, so stelle sich der Gesamtkirchengemeinderat das Konzept vor, sagt der Vorsitzende Siegfried Bessey. Die Voraussetzungen stehen nicht schlecht. Die Größe der zur Verfügung stehenden Räume ist ideal, der Standort zentral in der Innenstadt auch, sind sich alle Beteiligten einig.

Eine Arbeitsgruppe um Pfarrer in Ruhe Günter Wagner machte sich ans Werk, besuchte vergleichbare Häuser, befragte Experten und informierte sich über Konzeptionen und Probleme. „Ein Haus der evangelischen Kirche zu denken, zu träumen und zu profilieren“, so umschreibt die Kulturwissenschaftlerin Prof. Dr. Christel Köhle-Hezinger die Aufgabe. Bei allem, was die Gruppe an anderen Orten gesehen habe, sei es nie darum gegangen, etwas zu übernehmen. „Wir wollten ein eigenes inhaltliches Profil suchen.“ Dieses bisher fehlende Profil machte die Gruppe als einen Grund aus, warum das Haus nicht wie gewünscht funktioniert. Was dort stattfinde, sei ein bunter Flickenteppich, sagt Köhle-Hezinger. Die Gruppe stelle sich „ein offenes Haus mitten in Esslingen“ vor. Ein „Ankerplatz“ mit offenen Türen nicht nur zur Franziskanerkirche, sondern auch zum Blarerplatz, ein Treffpunkt, vielleicht ein Café und mit einem Programm, in dem religiöse und gesellschaftspolitische Themen im Zentrum stehen. „Ein Ort für Religion, Kunst, Kultur und Spiritualität“, so umschreibt Ulrike Gräter von der AG „Blarer“ die Vision.

Doch solch ein Profil lasse sich nur mit eigenem Personal verwirklichen, ist die Gruppe überzeugt. Deshalb wünscht sie sich baldmöglichst eine Person, die professionell ein inhaltliches Konzept für das Blarer-Gemeindehaus entwickelt, aber zudem die Vermarktung vorantreibt. Kaltenborn kann sich etwa auch Veranstaltungen von Unternehmen oder ähnliches vorstellen. Wie wichtig eine professionellere Vermarktung des Hauses für den dauerhaften Erhalt ist, hat die Analyse der Belegung gezeigt. „Es gibt sehr viele Leerzeiten, vor allem im Sommer“, sagt Bessey. „Da ist noch viel Luft drin“, ergänzt Köhle-Hezinger. Zudem müsse man das Angebot bekannter machen, so Gräter. Denn in Esslingen würden Räume, wie sie das Blarer-Gemeindehaus biete, händeringend gesucht.

Kaltenborn war von dieser Vision einer Kirche, die in die Gesellschaft hineinwirkt, von Anfang an fasziniert. Es sei gleichsam die Pflicht der Kirche, sich um eine solche Einrichtung Gedanken zu machen. Doch ein derartiges „Haus der Kirche für Esslingen“ zu etablieren, kostet viel Geld. Kaltenborn schlägt deshalb ein Phasenmodell vor, das vom Gesamtkirchengemeinderat beschlossen wurde. Mit diesem „Weg der kleinen Schritte“ fahre man finanziell auf Sicht. Bis 2021 will man auf größere Eingriffe in die Bausubstanz verzichten. Dafür sollen unter anderem Brandschutz, Beleuchtung, Böden, Schallschutz und EDV-Technik verbessert und eine zeitgemäße Küchenausstattung eingebaut werden. Ein neuer Anstrich soll das Haus freundlicher erscheinen lassen. Dafür rechnet Kaltenborn mit Kosten von rund 500 000 Euro. Um sie aufzubringen, wird ein Fundraisingkonzept entwickelt. Bis Ende dieses Jahres soll zudem ein Marketingkonzept stehen.

Erweisen sich die Maßnahmen der ersten Phase auch finanziell als erfolgreich, werde man in Phase zwei bis 2025 durch bauliche Veränderungen wie der Neugestaltung des großen Saals und der Emporen mehr Offenheit, Modernität und Bürgernähe schaffen, so Kaltenborn. Eine Machbarkeitsstudie des Oberkirchenrats soll diesen Planungen eine solide Basis geben.

Die Entscheidung, das Gemeindehaus zu ertüchtigen, ist ein Bekenntnis der evangelischen Kirche zu dessen Erhalt: „Wir glauben an die Chancen, die sich mit dem Haus verbinden“, sagt Weißenborn. „Es ist uns klar, dass wir das Haus nicht kostenneutral führen können. Es wird uns immer Geld kosten. Aber es hilft, wenn wir das Defizit verringern können“, betont er. „Das Haus ist eine Chance zu zeigen, dass sich die evangelische Kirche in Esslingen als Einheit versteht“, ergänzt Wagner. „Die neun Esslinger Teil-Kirchengemeinden sollten das Gemeindehaus als ihr Haus betrachten“, meint Bessey. Und auch in der Stadt soll das Gemeindehaus stärker wahrgenommen werden. „Das Fundraising ist eine Riesenchance, Kirche, Bürgerschaft und Stadtgesellschaft enger zu verzahnen“, so Kaltenborn.