05.11.19

Spurensuche

Manfred Wörner ist auf der Suche nach Informationen zu einem Holzmodell der Esslinger Stadtkirche.

Manfred Wörner mit der Postkarte vor der Esslinger Stadtkirche

Postkarte mit dem Modell von Otto Nord

Rückseite der Postkarte

Manfred Wörner mit Postkarte und eigenem Papiermodell der Stadtkirche

Eine Postkarte, die 1929 von Stuttgart nach Heidenheim geschickt wurde, hat Manfred Wörners detektivischen Spürsinn geweckt. Der 58-Jährige gehört zum Team, das Kirchenführungen in Stadt-, Frauen- und Franziskanerkirche in Esslingen anbietet. Auf der Suche nach Informationen zu den Kirchen stieß Wörner im Internet auf die Postkarte, die in Schwarz-Weiß ein historisches Modell der Esslinger Stadtkirche zeigt – laut Bildunterschrift verfertigt von Otto Nord in Schnitz- und Laubsägearbeit.

Manfred Wörners Interesse war sofort geweckt, ist er doch selbst begeisterter Modellbauer. „Ich würde dieses Modell allzu gerne finden oder zumindest mehr über seine Geschichte und denjenigen erfahren, der es gebaut hat“, sagt der gebürtige Esslinger, der als Ergotherapeut und betrieblicher Gesundheitsmanager in Balingen lebt und arbeitet.

Otto Nord, so scheint es, hat nicht nur das Modell gebaut, sondern auch die Postkarte herausgegeben. War er Fotograf, Architekt oder Handwerker? „Damals war es üblich, Postkarten beim Fotografen zu kaufen“, weiß Wörner. Im Stadtarchiv hat er erfahren, dass ein Otto Nord mit der Berufsbezeichnung „Zeichner“ 1929 in der Milchstraße 6 in Esslingen wohnte. Der Modellbauer war kein Laie sondern sehr versiert, ist Wörner überzeugt. „Der hat echt etwas gekonnt“, meint er anerkennend. „Das Modell ist unheimlich detailgetreu.“ Zu erkennen sind nicht nur die barocken Lampen auf den Strebepfeilern, Kreuze und die einzelnen Dachplatten, sondern auch das Maßwerk der Fenster und die Mauerblenden an den Türmen. Auch das Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs ist klar nachgebildet. Wegen all dieser Details vermutet Wörner, dass das Modell relativ groß ist – falls es noch existiert. Zu jener Zeit sei es Mode gewesen, Modelle zu bauen. Er hofft, dass das Werk vielleicht irgendwo unentdeckt auf einem Dachboden schlummert.

Rätsel gibt auch der Text der Karte auf, die den Stuttgarter Poststempel vermutlich vom 1.8.1929 trägt. Weil er die deutsche Schrift nicht lesen kann, bat Wörner eine ältere Dame, den Inhalt zu entziffern. Offensichtlich haben zwei junge Mädchen korrespondiert. Eine Lili schreibt an ein Fräulein Gertrud (Trudel) Seidel, die bei einem Herrn E. Geiger in der Grabenstraße in Heidenheim lebt. War sie dort als Hausmädchen „in Stellung“, wie das damals üblich war? Sie habe keine Ahnung wo Trudel stecke, schreibt Lili und fragt, warum diese am Sonntag nicht gekommen sei. Offensichtlich war ein Besuch geplant. Auch Lilis Mutter wird erwähnt – ein Hinweis, dass die Briefschreiberinnen junge Frauen waren. Besonders geheimnisvoll ist eine Zeile mit nicht entzifferbaren Schriftzeichen am Rand. „Junge Mädchen hatten damals oft eine Geheimsprache“, hat die Übersetzerin Wörner berichtet.
Manfred Wörner hofft nun auf Informationen, die ihn bei der Suche nach dem Modell weiterbringen, denn zu gerne würde er mehr über dessen Geschichte erfahren: „Ich würde natürlich versuchen, es zu bekommen, oder es wenigstens einmal in Realität zu sehen.“

Kirchen faszinieren Wörner, schon wegen ihrer spirituellen Atmosphäre. Und Esslingen fühlt er sich bis heute eng verbunden. Oft besucht er seine Heimatstadt – nicht nur, wenn er durch deren Kirchen führt. „St. Bernhardt war meine Heimatgemeinde, an Weihnachten gingen wir in die Stadtkirche und die Schulgottesdienste fanden in der Frauenkirche statt“, erinnert sich Wörner, der das Schelztor-Gymnasium besuchte.

Schon als Jugendlicher habe er gerne Papiermodelle zusammengebastelt. „Modelle zu bauen, schult Feinmotorik, Konzentration, Ausdauer und räumliches Vorstellungsvermögen“, weiß der Ergotherapeut. Später entwarf er selbst am Computer Papierbögen unter anderem von Esslinger Kirchen. Die fanden Absatz bis in die Schweiz. Ein Dominikanerpater bat Wörner, ihm ein Modell von St. Paul in Esslingen zu schicken, um seine Sammlung mit Modellen von Dominikanerkirchen zu vervollständigen.

•    Wer bei der Suche nach dem historischen Modell der Stadtkirche weiterhelfen oder Informationen über Otto Nord geben kann, möge sich bitte an Manfred Wörner wenden unter Tel. 07433 276453 oder infodontospamme@gowaway.manfred-Woerner.com.