09.06.20

Stadtkirche Esslingen

Das Geheimnis des historischen Holzmodells der Esslinger Stadtkirche ist gelüftet.

Postkarte mit dem gesuchten Modell der Stadtkirche

Das Original

Manfred Wörner vergleicht die Postkarte mit dem Original

Für Manfred Wörner ist ein Traum in Erfüllung gegangen: Monatelang war er auf der Spur eines geschickten Bastlers, der aus Holz ein historisches Modell der Esslinger Stadtkirche gesägt und geschnitzt hatte. Das Werk existierte nur als Foto auf einer Postkarte und auch die Informationen über den genannten Urheber Otto Nord waren spärlich: Mit tatkräftiger Unterstützung des Esslinger Stadtarchivs und durch Veröffentlichungen in den Medien ist das Modell nun gefunden und Manfred Wörner überglücklich.

Als er die Postkarte im Internet fand, war Manfred Wörners detektivischer Spürsinn geweckt. Denn der gebürtige Esslinger, der Kirchenführungen in Stadt-, Frauen- und Franziskanerkirche in Esslingen anbietet und eine Ergotherapie-Praxis in Balingen betreibt, ist selbst begeisterter Modellbauer. Lange blieb seine Suche jedoch vergeblich. Wo war das Modell und wer war Otto Nord? Zunächst vermutete Wörner, dass es sich um einen Zeichner handelte, der 1929 in der Esslinger Milchstraße wohnte. Vom Stadtarchiv erfuhr er, dass das Modell zwischen 1910 und 1915 entstanden sein muss. Darauf deutet das Kriegerdenkmal für die Gefallenen im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 am Chor der Kirche hin, das 1910 eingeweiht wurde. Die Postkarte wurde 1915 veröffentlicht. Man vermute zudem, dass das Modell nicht von dem Zeichner, sondern von dem 1880 in Esslingen geborenen Schreiner Otto Gottlob Nord stamme, der 1971 in Esslingen starb, sagt Karla Rommel vom Stadtarchiv.

Doch noch immer gab es keine Spur vom Modell selbst. Existierte es nach so langer Zeit überhaupt noch? Doch nachdem die Lokalzeitung über seine Suche berichtet hatte, bekam Wörner plötzlich etliche Hinweise, darunter ein Volltreffer. Einer der Anrufer war der Enkel von Otto Gottlob Nord. „Ich weiß, wo Sie das Modell finden“, erklärte er und nannte eine Adresse in Aichwald-Schanbach. Und tatsächlich: In einer Garage fand sich das Modell und entpuppte sich als „Mordsteil“, so Wörner: 1,55 Meter lang und etwa 1,20 Meter hoch. „So groß hätte ich es mir nicht vorgestellt“, sagt Wörner. Er freut sich besonders, dass nur wenige Teile wie etwa die Kreuze auf den Türmen fehlen oder schadhaft sind. Und noch größer war seine Freude, als ihm die heutigen Besitzer, Nachkommen von Otto Nord, das Modell gegen einen kleinen Betrag bereitwillig überließen.

Zugleich erfuhr er auch mehr von der Geschichte des Modells und seines Schöpfers. Wegen eines Hirntumors konnte Otto Nord wohl nicht mehr arbeiten und sah sehr schlecht. Trotzdem gelang ihm diese diffizile Laubsäge- und Schnitzarbeit. Das Modell, das bis auf Langhaus und Chor zerlegt und in einer eigens dafür gebauten Kiste transportiert werden konnte, landete nach Otto Nords Tod bei dessen Tochter im Keller, bevor es zu einer Kusine nach Schanbach kam. Diese hatte eine Adoptivtochter, die mit dem elterlichen Haus auch das Modell erbte. Lange sei das gewichtige Stück auf dem Dachboden des Hauses ausgestellt gewesen, erfuhr Wörner von deren Nachkommen. Nun allerdings sollte es Platz machen.

Wörner kam gerade noch rechtzeitig. Er ist voller Bewunderung für die feine Arbeit des gelernten Schreiners. Natur- und maßstabsgetreu und sehr detailliert sind architektonische Besonderheiten der Kirche nachgebildet und selbst das Maßwerk der Fenster ist fein  ausgesägt. „Handwerklich ist das alles echt toll gemacht“, schwärmt Wörner. Er vermutet, dass Nord Modelle, wie sie von historischen Kathedralen üblich sind, zum Vorbild nahm. Warum er gerade die Stadtkirche auswählte und ob es weitere Werke Nords gab oder gibt, sei nicht bekannt. Der neue Besitzer will das Modell nun instand setzen. Wo er das große Stück letztlich aufstellen werde, sei noch unsicher.

Bei seiner Recherche stieß Wörner auch auf Familienbande von Otto Gottlob Nord. Der Name Nord ist vielen Esslingern nämlich vor allem aus einem anderen Zusammenhang bekannt. Gab es doch ein Kaufhaus gleichen Namens in der Pliensaustraße 10. Dort erinnert noch die „Nord-Passage“ an das Geschäft. Schreiner Otto Gottlob Nord war der Onkel von Paul Nord. Dessen Frau Luise Nord geb. Eberlein war die Inhaberin des seit 1953 existierenden Geschäfts „Nord, Haus für Mode und Heim“, vermutet Karla Rommel. In den 1940er Jahren lief das Geschäft unter „Kunstsalon Nord“ in der Bahnhofstraße 21, in dem Kunst, Kunsthandwerk und Literatur zur Kunst angeboten wurden. 1956 hieß es dann nur noch „Nord, Haus der Mode“ und bestand bis in die Mitte der 1970er Jahre in der Pliensau, hat die Archivarin herausgefunden.