11.06.19

Pilgern

Wenn die Seele zu Fuß geht: Pilgern ermöglicht Kontemplation, Begegnung und Gemeinschaft.

Enno Knospe vor dem Zeichen des Jakobswegs an der St. Bernhardt-Kirche

Santiago de Compostela, Vezelay, Lourdes oder Fatima: Es gibt viele berühmte Wallfahrtsorte in Europa. Seit Jahren haben Menschen das Pilgern wieder stärker für sich entdeckt. Der Jakobsweg, der seit dem Mittelalter zu den populärsten Pilgerwegen gehört, führt auch durch den Landkreis Esslingen.

Wenn der evangelische Pfarrer Enno Knospe sich in oder um die Esslinger St. Bernhardt-Kirche aufhält, trifft er zuweilen auf Pilger, die in der Stille der Kirche Rast machen, Einkehr und Besinnung genießen oder auch nur den Pilgerstempel abholen und ihre Wasserflaschen auffüllen wollen. „Es ist die erste Kirche, die man sieht, wenn man dem Jakobsweg von Schwäbisch Hall über das Remstal und den Schurwald nach Esslingen folgt“, erklärt Knospe. Die St. Bernhardt-Kirche lag früher außerhalb der Stadt und war eine Wallfahrtskapelle. Manche Pilger stimmen in der Kirche ein Lied an, andere bitten den Pfarrer um einen Pilgersegen, Gruppen wünschen sich gelegentlich eine kurze Andacht.

Moderne Pilger treibe weniger der religiöse Aspekt an, als vielmehr die Suche nach Spiritualität oder der Wunsch nach einer Auszeit vom Alltag, sagt Knospe. „Manche machen sich auf den Weg, wenn das gewohnte Leben nicht weitergeht, oder sie eine Krise durchmachen.“ Einige wollten auch den eigenen Körper wieder besser erfahren. Nur selten erfährt Knospe die Beweggründe der Pilger. Häufig seien es kurze Begegnungen. Nicht so bei Thomas Schuh. Er hatte sich auf den Jakobsweg gemacht und rief im Pfarramt wegen einer Übernachtungsmöglichkeit an. Enno Knospe und seine Frau boten ihm einen Schlafplatz auf ihrer Couch an. In 107 Tagen legte er die 3000 Kilometer von Schwäbisch Hall nach Santiago de Compostela zurück. Irgendwann bekam Knospe eine Postkarte und lud daraufhin Schuh ein, in der Evangelischen Kirchengemeinde St. Bernhardt zum Hohenkreuz über die Erlebnisse auf seinem spirituellen Weg zu berichten.

Pilgern als Gegenpol zur raschen Fortbewegung eröffnet die Möglichkeit, über Dinge nachzudenken, die einen beschäftigen, und innerlich zur Ruhe zu kommen. Aber auch die Gemeinschaft anderer Pilger zu erleben, sind für Knospe wichtige Aspekte des Pilgerns. Anders als das Wandern habe das Pilgern einen spirituellen Ansatz. Die Seele gehe quasi zu Fuß.

Auch bei Knospes Kollege Christoph Schweizer war es ein Anruf, der zu einer ganz besonderen Begegnung führte. Eine Spaziergängerin war auf einen Pilger getroffen, der nur Französisch sprach. Also rief sie kurzerhand im Hohenkreuzer Pfarrhaus an. Ob er sein Zelt im Garten des Gemeindezentrums aufschlagen dürfe, fragte der Fremde. Schweizer packte ein Abendbrot zusammen und bot dem aus Portugal stammenden Mann an, im Gemeindezentrum zu übernachten. „Wir hatten einen netten Abend zusammen und haben viel über das Leben gesprochen“, erzählt der Pfarrer. „Er war auf seiner persönlichen Friedensmission. Das hat mich sehr beeindruckt.“ Der Portugiese hatte sich vorgenommen, den Jakobsweg von Polen bis nach Spanien zu gehen. Wer einen so langen Trip vor sich hat, ist auf kostenlose oder günstige Übernachtungsmöglichkeiten angewiesen, weiß Knospe. In Esslingen gibt es etliche Personen, die Pilger kostenlos aufnehmen. An sie verweist Knospe bei Anfragen weiter. „Wenn es die eine oder andere Übernachtungsmöglichkeit mehr gäbe, wäre das schön“, sagt er.

Wie unterschiedlich die Bereitschaft ist, Pilger aufzunehmen, davon berichtete der Portugiese. Während er in Polen offene Türen fand, habe er in der Slowakei großes Misstrauen gegenüber Fremden erlebt. In Deutschland sei es in ländlichen Gebieten einfacher unterzukommen, in Ballungsräumen stehe man häufig vor verschlossenen Türen.

Auch in der Denkendorfer Klosterkirche, die wie die Esslinger Frauenkirche ebenfalls am Jakobsweg liegt, schauen immer wieder Pilger vorbei, bewundern die schöne Kirche und stempeln ihren Pilgerpass ab. Gelegentlich erreichen auch Pfarrer Rolf Noormann Anfragen für eine Andacht. „Doch ganz selten fragen Leute wegen einer Übernachtung nach.“

Enno Knospe, der gemeinsam mit seiner Frau selbst immer wieder auf Pilgerwegen unterwegs ist, schätzt die Privatquartiere. „Wenn man bei Wildfremden übernachtet, ist das jeden Abend wieder ein neues Erlebnis“, erzählt er von bereichernden Begegnungen und großer Gastfreundschaft.
Weitere Informationen: www.jakobswege-nach-burgund.de/Rothenburg-Rottenburg/ mit Unterkunftsverzeichnis  und www.jakobswege-europa.de