13.03.20

Coronavirus

Das Coronavirus hat auch massive Auswirkungen auf das kirchlich-soziale Leben in den Gemeinden.

In den Gemeinden des Evangelischen Kirchenbezirks Esslingen werden Andachten, Konzerte, Chorproben, Besprechungen und vieles mehr abgesagt, Gruppen und Kreise treffen sich nicht mehr und Gemeindehäuser schließen. Unter anderem die Evangelische Kirchengemeinde Berkheim hat alle Veranstaltungen in ihrem Gemeindehaus abgesagt. Auch die Bezirkssynode, das Leitungsgremium des Kirchenbezirks, die am vergangenen Donnerstag zu ihrer konstituierenden Sitzung nach der Kirchenwahl zusammenkommen sollte, wurde vertagt. Damit bleibe das bisherige Gremium im Amt, sagt Dekan Bernd Weißenborn. „Das geht ein paar Wochen, aber wir müssen langfristig handlungsfähig sein.“

Wichtig ist dem Dekan jedoch, „dass wir nun keine Panik verbreiten, sondern besonnen vorgehen. Allerdings müssen wir auch Besucher und Ehrenamtliche schützen.“ Er verstehe gut, dass die Menschen nun Angst hätten. Der großen Verunsicherung könne man als Kirche entgegenwirken, indem man klar, aber auch gelassen reagiere.

Man halte sich an die Empfehlungen und Vorgaben von Behörden und Kirchenleitung, betont er. „Um die Verbreitung des Virus einzudämmen, ist auch unser Mittun gefordert. Wir werden solidarisch und verantwortungsbewusst handeln.“ Jede Kirchengemeinde müsse sehen, was bei ihr gehe und was nicht.

Ursprünglich hatte man gehofft, die Sonntagsgottesdienste mit entsprechenden Vorkehrungen feiern zu können. Inzwischen wurde entschieden, auch die Sonntagsgottesdienste in den Gemeinden ausfallen zu lassen. Wie lange diese Regelung gilt, muss noch entschieden werden.

Abendmahlsfeiern finden auf Empfehlung der Evangelischen Landeskirche derzeit ebenfalls keine statt. Der Stadtkirchenpfarrer hat übrigens bisher nicht festgestellt, dass weniger Besucher zum Gottesdienst kommen. „Die Menschen brauchen diese Orte, wo sie Zuspruch und Segen bekommen. Hier wird geteilt, was uns bewegt.“

Weißenborn hat in der Esslinger Stadtkirchengemeinde einige Absagen für Taufen bekommen, andere Gemeinden berichten, dass Taufen verschoben werden. Er rät dazu, Taufen nicht wie üblich im Gemeindegottesdienst, sondern als separate Feier im kleineren Kreis zu gestalten oder zu verschieben.

Zur Frage von Bestattungen hat sich der Dekan mit der Stadt und dem örtlichen Bestattungsinstitut abgestimmt. Trauerfeiern könnten, wo es möglich ist, auch unter freiem Himmel stattfinden, weil dort die Ansteckungsgefahr geringer ist. Das werde allerdings nicht immer möglich sein. Deshalb sei es wichtig, darauf hinzuweisen, dass man auch dort bitte auf den Händedruck, auf Umarmungen und ganz allgemein auf Nähe verzichten möge. Auch werde die Bestattung ebenfalls am besten kürzer ausfallen. „Sollte sich die Lage weiter verschärfen, müssen wir uns auf kommunale Anweisungen einstellen. Das kann sogar so weit gehen, dass es keine Trauerfeiern mehr gibt und Angehörige nur im ganz kleinen Kreis Abschied nehmen dürfen“, sagt Weißenborn.

In den nächsten Wochen stehen in den Kirchengemeinden die Konfirmationen an. Hier gibt es zwar noch keine Empfehlungen der Landeskirche, doch Weißenborn kann sich durchaus vorstellen, dass auch diese möglicherweise im Freien gefeiert werden oder in einer deutlich verkürzten Form stattfinden. Auch hier könne man sich auf wenige einfache Elemente wie einen geistlichen Impuls, einige Lieder und die Einsegnung beschränken. Das Konfirmanden-Abendmahl ließe sich zu einem späteren Zeitpunkt nachholen. „Das könnte dann eine gute Gelegenheit sein, sich an die Konfirmation zu erinnern.“ Weißenborn rät dazu, kreativ zu werden und zu überlegen, wie eine solche Kurzkonfirmation aussehen könnte. „Krisen machen auch erfinderisch“, ist er überzeugt, dass sich für verschiedene Anlässe passende Formen finden lassen. Wichtig sei, all diese Einschränkungen – ob Taufen, Trauerfeiern oder Konfirmationen – gut zu kommunizieren.

Die Absage von Veranstaltungen trifft die Kirche auch finanziell. Um allzu große Verluste zu vermeiden, habe man unter anderem die Vesperkirche frühzeitig abgesagt. „Auch Opfer und Spenden werden wegbrechen“, befürchtet Weißenborn. Doch er sehe dies gelassen: „Der Schutz der Menschen geht vor.“

Er ist sicher: „Wir werden uns auf weitere Einschränkungen des kirchlichen Lebens einstellen müssen.“ Für die Kirche sei dies bitter, „denn wir stehen für eine herausgehobene Form von Gemeinschaft, Mitmenschlichkeit, und Nähe.“ Jetzt müsse man jedoch sich und andere schützen. „Darin liegt die Gefahr von Entsolidarisierung.“ Selbst wenn von seelsorgerlichen Besuchen derzeit abgeraten werde, gebe es Wege, Zuwendung zu zeigen – etwa durch einen Anruf oder einen schriftlichen Gruß. „Gerade in Zeiten der Krise braucht es Signale der Mitmenschlichkeit.“ Es gelte, „aus dem Glauben heraus mit einer gute Haltung zu reagieren“.

Für den Theologen hat die Coronakrise noch eine tiefere Dimension: „Krisen geben uns Botschaften mit und fordern zum Nachdenken auf. Wir können dadurch neu lernen, dass wir unser Leben und unser Glück nicht allein in der Hand haben.“ Zudem zeige die aktuelle Situation die Grenzen der Selbstbestimmung auf. „Sie lehrt uns Demut. Letztlich sind wir alle gleich.“

Die nun gewonnene freie Zeit könne man nutzen zum Innehalten und Beten. „Vielleicht lernen wir durch diese Krise wieder, Zugänge zu Kraftquellen zu finden.“