16.03.20

Baltmannsweiler

Der Kirchturm der Ägidiuskirche muss dringend saniert werden. Das Spendenziel wurde erreicht.

Ägidiuskirche Baltmannsweiler

Die Turmfalken wurden schon ausquartiert und ein Gerüst wächst am Kirchturm der Ägidiuskirche in Baltmannsweiler empor. Das denkmalgeschützte Gotteshaus der Evangelischen Verbundkirchengemeinde Baltmannsweiler-Hohengehren muss dringend saniert werden.
Die Kirche ist ein zentraler Angelpunkt nicht nur der Kirchengemeinde. „Viele Feste des dörflichen Lebens spielen sich rund um die Kirche ab“, weiß Pfarrer Jonathan Dörrfuß. Um das Baudenkmal zu erhalten, muss nun dringend der Kirchturm – später auch der Dachstuhl des Kirchenschiffs – saniert werden.

Die ältesten Teile der spätgotischen Kirche stammen aus dem 15. Jahrhundert, 1507 wurde der rund 20 Meter hohe Turm vollendet. Im Dreißigjährigen Krieg, genau am 19. April 1648, legten französische Truppen, die im Ort lagerten, beim Abzug in der Kirche Feuer. Dadurch entstanden im Turm Risse und Brüche im Sandsteinmauerwerk, der Putz blätterte ab. Wie groß die Beschädigungen waren, entdeckte man erst 2017, als der Taubenschutz im Turm erneuert werden sollte.

Bevor die Schäden am Mauerwerk beseitigt werden können, muss jedoch das im Turm und auch im Dachstuhl des Kirchenschiffs verbaute Holz von schädlichen Holzschutzmitteln gereinigt werden. In den 1960er Jahren wurden die Balken mit heute verbotenen giftigen Substanzen imprägniert. Die Entgiftung erfolge hauptsächlich durch Absaugen, erklärt Architekt Bernd Treide, der auf die Sanierung von Kirchen spezialisiert ist. Erst danach können die Steinmetze ans Werk gehen. Die beschädigten Steine werden saniert und wenn möglich wieder eingesetzt. Risse würden mit Epoxidharz ausgefüllt. Auch außen soll der Kirchturm saniert werden. „Wir wollen möglichst wenig neu machen und viel vom bestehenden Material erhalten“, erklärt Treide.

Im engen Turm ist wenig Platz. Der Glockenstuhl aus Stahl reicht bis auf 30 Zentimeter an die Wände heran. In dieser Lücke müssen die Steinmetze arbeiten. Auch der Zugang für Mensch und Material ist nur von außen über die Schallläden möglich.

Im Zuge der Renovierungsarbeiten werden auch zwei der drei Glocken hölzerne Joche bekommen. Während der Renovierungsarbeiten, die bis November abgeschlossen sein sollen, müssen die Kirchenglocken allerdings schweigen.

Andreas Gehrmann, Pfarrer Jonathan Dörrfuß, Architekt Bernd Treide (v.l.) vor dem eingerüsteten Kirchturm der Ägidiuskirche

Auf 340 000 Euro sind die Kosten für diesen ersten Bauabschnitt kalkuliert. Mit gut 145 000 Euro beteiligt sich die bürgerliche Gemeinde. Evangelische Landeskirche und Kirchenbezirk steuern 76 000 Euro bei, so dass für die Kirchengemeinde 118 000 Euro bleiben. 65 000 Euro davon wollte man über Spenden aufbringen. „Dieses Ziel haben wir erreicht“, freut sich Dörrfuß. Seit 2017 organisiert ein engagiertes Fundraising-Team die unterschiedlichsten Aktionen – vom „Kleingeldfasten“ inklusive Aufwiegen des Pfarrers, über ein festliches Spendendinner bis hin zu Benefizkonzerten, Tombola und Filmvorführungen. Auch wenn das diesjährige Frühjahrs-Dinner dem Corona-Virus zum Opfer fiel, hofft man, es im Herbst nachholen zu können. Im September soll es zudem ein Wurstsalatessen geben. Außerdem unterstützen die Stiftung der Kreissparkasse und die „Stifter für Baltmannsweiler und Hohengehren“ das Projekt finanziell.

Für die Turmfalken, die seit vielen Jahren im Kirchturm brüten, wurden Ausweichquartiere gefunden. Je ein Nistkasten hängt am Pfarrhaus, auf dem Friedhof und an einem Haus in der Seestraße. „Wir hoffen sehr, dass die Tiere diese annehmen“, sagt Dörrfuß. Später sollen sie wieder in den Turm zurückkehren.

Der Pfarrer weiß, dass der Kirchengemeinde nach Abschluss der Turmsanierung nur eine Atempause bleibt, bis sie sich dem zweiten Bauabschnitt, der Sanierung des Dachstuhls über dem Kirchenschiff zuwenden muss. „Er ist sehr in Mitleidenschaft gezogen“, erklärt Treide. Balken seien angefault und von Schädlingen befallen. Die ältesten Holzteile könnten noch aus dem 15. Jahrhundert stammen, vermutet der Architekt. Immer wieder wurden im Lauf der Jahrhunderte Veränderungen vorgenommen. Es seien Holzteile herausgesägt und teilweise nicht ersetzt worden. All dies beeinträchtigt die Tragfähigkeit. „Allerdings ist der Dachstuhl derzeit nicht einsturzgefährdet“, beruhigt Treide. 420 000 Euro werde die Sanierung des Dachstuhls kosten, erklärt Dörrfuß. Auch hierfür sollen Spenden eingeworben werden. „Allerdings werden wir diese Maßnahme wohl erst innerhalb der nächsten zehn Jahren angehen können“, so der Pfarrer.