19.07.19

Pfarrkonvent

„Geblieben, um zu gestalten“: Esslinger Pfarrkonvent besucht Kirchen in Rumänien.

Besuch bei Bischof Reinhart Guib, Dekan Weißenborn (r.)

Reinhart Guib, Bernd Weißenborn, Michael Pross (v.l.)

Klosterruine Kerz

Klosterruine Kerz von oben

Kirchenburg Honigberg

Orthodoxe Kathedrale Hermannstadt

Orthodoxe Kirche Siebiel

Fünf Tage lang waren 36 Pfarrerinnen und Pfarrer aus dem evangelischen Kirchenbezirk Esslingen auf Begegnungsfahrt im rumänischen Siebenbürgen. Sie haben erkundet, wie es dort den evangelischen Kirchen in der Minderheitensituation geht und wie sie sich den Herausforderungen stellen.

Die sind groß. Ende der 1980er-Jahre lebten noch rund 130.000 deutschsprachige Evangelische in Rumänien, die meisten in Siebenbürgen. Nach der Grenzöffnung 1989 wanderte die Mehrheit nach Deutschland aus. Heute gehören noch 13.000 Mitglieder zur „Evangelischen Kirche Augsburgischen Bekenntnisses in Rumänien“, der Heimatkirche der deutschsprachigen Rumänen. Das ist weniger als ein Promille der rumänischen Bevölkerung.

Ein großer Altbau an der Piața Mare, dem zentralen Platz von Hermannstadt. Über knarzende Treppen erreicht man das Empfangszimmer von Reinhart Guib, Bischof der deutschsprachigen Evangelischen in Rumänien. Beim Gespräch mit den Esslinger Pfarrerinnen und Pfarrern verbreitet Guib eine erstaunlich gelassene und heitere Stimmung. Seine Botschaft lautet: Wir sind klein, und wir wissen das. Aber wir haben den Anspruch an uns selbst, als Kirche die Gesellschaft mitzugestalten. Oder mit Guibs Worten: „Wir sind nicht hiergeblieben, um zu überleben, sondern um zu gestalten." Seine Kirche engagiert sich in diakonischen Projekten, beispielsweise der Unterstützung für Straßenkinder und Geflüchtete, und in der Bildungsarbeit für Kinder und Jugendliche.

Die Esslinger Pfarrerinnen und Pfarrer besuchten touristische Sehenswürdigkeiten wie die berühmten Siebenbürger Kirchenburgen. Historische Kostbarkeiten, die von den Kirchengemeinden geschickt touristisch vermarktet werden. Auch mit selbst betriebenen Gästehäusern und mit Waldwirtschaft bessern manche Gemeinden ihre Kassen auf, Kirchensteuer gibt es keine. Verschiedene Einnahmen, Fördergelder und Spenden ermöglichen das diakonische Engagement. Etwa das Projekt „Offenes Haus“ für Schulkinder aus schwierigen Verhältnissen in Hermannstadt, das nachmittags bis zu 25 Kindern bietet, was zu Hause bei den Ärmsten oft fehlt: Duschen mit Warmwasser, warme Mahlzeiten, Hausaufgabenbetreuung und Freizeitangebote.

Welche Eindrücke bleiben der geistlichen Reisegruppe im Gedächtnis? Den Denkendorfer Pfarrer Rolf Noormann beeindruckte „die optimistische Haltung, die die Kirchenleute hier ausstrahlen. Der Schock über den Rückgang scheint überwunden. Sie suchen nach neuen Ideen, wie sie die Kirche gestalten. Das ist ein ganz positiver Grundton“, sagt Noormann. Christiane Wille aus Sulzgries hat „Angstfreiheit und eine Offenheit für Traditionsveränderungen“ beobachtet. Diese Angstfreiheit wünscht sie sich auch für die Kirche in Württemberg: „Dass man Traditionen pflegt und zugleich neue Impulse dazu kommen lässt im Vertrauen, dass die Kirche Jesu Christi das trägt.“ Auch Dekan Bernd Weißenborn machte sich „mit viel Optimismus und viel Schwung“ auf die Heimreise: „Wir haben hier eine Kirche erlebt, deren Menschen aus dem Glauben heraus die Situation annehmen und gestalten“, sagte der Esslinger Dekan.

Organisiert wurde die Fahrt vom Esslinger Michael Proß, Geschäftsführer des Gustav-Adolf-Werkes (GAW) in Württemberg. Das GAW hat sich der Unterstützung von protestantischen Minderheitskirchen verschrieben. Das Jahresfest 2020 des GAW ist in Esslingen geplant. Am 19. und 20. Juli werden Gäste aus dem In- und Ausland zu Workshops, Vorträgen, einem Abend der Begegnung und Gottesdiensten erwartet.