23.01.20

Brenzmedaille

„Frau des Anfangens“ beginnt neu: Christel Hoffmann ist seit 50 Jahren ehrenamtlich engagiert.

Seit 50 Jahren engagiert sich Christel Hoffmann auf vielfältigen Feldern ehrenamtlich im Evangelischen Kirchenbezirk Esslingen – unter anderem in Aichwald, Baltmannsweiler und Esslingen. Vor allem spirituelle Angebote hat die Mitbegründerin des Klosters für die Stadt in den letzten Jahrzehnten in den Mittelpunkt ihres Engagements gestellt. Für dieses Engagement wird sie nun von Landesbischof Frank Otfried July mit der Brenzmedaille ausgezeichnet.

Nun bricht die 76-Jährige ihre Zelte in Baltmannsweiler ab und zieht für einen Neuanfang nach Berlin, wo eine ihrer beiden Töchter mit ihrer Familie lebt. In Berlin wurde Christel Hoffmann auch geboren. Über verschiedene Stationen kam sie als Kind nach Württemberg. Später absolvierte sie eine kaufmännische Ausbildung, „aber das war nichts für mich“, sagt sie heute. Die Heirat mit Pfarrer Willi Hoffmann, von dem sie inzwischen geschieden ist, führte sie nach Aichwald-Aichschieß, später nach Baltmannsweiler und zuletzt nach Esslingen.

„Ich war noch eine klassische Pfarrfrau“, erzählt sie, dass sie dies auch als Verpflichtung empfand, für die Menschen in der Kirchengemeinde da zu sein. Das Pfarrhaus stand Menschen immer offen. „Frau Pfarrer“ erledigte administrative Arbeiten, war im Besuchsdienst aktiv, organisierte Osternächte und Adventsandachten, gründete Seniorenkreise und initiierte Kreise für junge Mütter. Parallel studierte sie an der Karlshöhe in Ludwigsburg Religionspädagogik. 30 Jahre lang war Christel Hoffmann als Religionslehrerin an Schulen in Reichenbach und Esslingen tätig. Als ihr Mann Pfarrer an der Esslinger Stadtkirche wurde, beteiligte sie sich unter anderem an der Gestaltung der Marktandachten. Daraus wurde später ein Buch. Weil sie das vom Künstler Ulrich Henn gestaltete Westportal der Esslinger Stadtkirche faszinierte, hat sie die biblischen Abbildungen in einer Broschüre beschrieben und interpretiert.

Vor allem bei Besuchen von Gemeindemitgliedern habe sie früh gemerkt, „dass ich gut zuhören kann und sich Menschen mir anvertrauten – ein umwerfendes Erlebnis“. Doch irgendwann wurde es der jungen Mutter zu viel: Mitten im Weihnachtstrubel nahm sie sich 1980 eine Auszeit bei den Schwestern von Grandchamp, einer evangelischen Kommunität in den Basler Bergen. Ein Aufenthalt, bei dem sie die heilende Kraft des Schweigens kennenlernte und der ihrem Leben eine Wende geben sollte. „Dort wurde in mir die Sehnsucht nach Stille und der Verbindung zu Gott geweckt. Ich merkte erst, wie wenig Platz das Gebet zuvor in meinem Leben hatte.“ Danach fuhr sie regelmäßig in die Schweiz und gestaltete 20 Jahre lang Retraiten für Frauen an diesem „heilenden Ort“. Viele Jahre leitete sie zudem Wochenenden zum Atemholen im Kloster Reute. Ihr fachliches Fundament ist dafür unter anderem eine Ausbildung zur Begleiterin ignatianischer Exerzitien im Alltag und geistlicher Gesprächsführung als auch zur Begleiterin für christliche Spiritualität, vermittelt jeweils durch katholische Ausbildungsstätten. Konfessionelle Grenzen spielten für Christel Hoffmann keine Rolle. Sie habe von den Katholiken und ihrer Art der Spiritualität viel gelernt und jahrelang Exerzitien angeboten.

Seither wurde sie immer wieder als Referentin oder Begleiterin unter anderem für die Themen Spiritualität, Stille und biblische Lebensthemen angefragt. Eine Karriere habe sie daraus jedoch nie machen wollen, betont sie, warum ihr Engagement rein ehrenamtlich blieb. 2004 bot sie gemeinsam mit dem evangelischen Theologen und Religionspädagogen Professor Heinz Grosch ein erstes christliches Meditationsangebot im Blarergemeindehaus an. Als kurz danach in der Esslinger Franziskanerkirche das „Kloster für die Stadt“ als geistliches Zentrum aus der Taufe gehoben wurde, gehörte Christel Hoffmann zu den Gründungsmitgliedern und gehört bis heute zum ehrenamtlichen Team. Morgendliche Meditation für die Pfarrer des Kirchenbezirks und ein offenes Meditationsangebot, die „Stunde der Stille“ hat sie neben anderem mit initiiert. Und auch beim Lichterlabyrinth im Advent ist sie im Leitungskreis.

Christel Hoffmann Ist davon überzeugt, dass nicht nur die sonntäglichen Gottesdienste, sondern auch andere kirchliche Angebote ein „Bildungsangebot für Herz, Geist und Seele“ darstellen. „Es liegt mir am Herzen, Menschen die Möglichkeit zu bieten, sich zu öffnen für etwas, was außerhalb ihrer selbst liegt“, fasst sie ihr Anliegen zusammen. Dabei leitet sie ihr eigener Weg: „Ich sah, dass Menschen ähnliche Fragen haben und auf der Suche sind wie ich.“ Deshalb versuche sie ihre Erfahrungen und Kompetenzen zu teilen.

In Baltmannsweiler, wo sie seit 2005 wieder lebt, saß Christel Hoffmann sechs Jahre lang im Kirchengemeinderat, kümmerte sich unter anderem um die Erwachsenenbildung und hielt Gottesdienste im Seniorenzentrum. Jetzt alles aufzugeben, schmerze, gibt Hoffmann zu, „aber es befreit auch zu Neuem“. Sie sagt von sich selbst: „Ich bin eine Frau des Anfangens.“ Sie ist dankbar, dass vieles auch ohne sie weitergeführt wird.

In Berlin muss sie nicht von vorn anfangen. Schon seit Jahren hält sie sich dort immer wieder längere Zeit auf. Auch eine Wohnung hat sie bereits. Selbst eine Kirchengemeinde, die ihrer Spiritualität entspreche, habe sie schon gefunden, freut sich Hoffmann. Dort bringt sie sich bereits tatkräftig ein, wenn sie in der Hauptstadt ist. Doch vor allem die Tochter, die drei Enkel, aber auch Kunst, Literatur und Theater sollen künftig breiteren Raum in ihrem Leben haben. „Die Franziskanerkirche und den Kirchenchor in Hohengehren werde ich allerdings sehr betrauern.“

Dekan Bernd Weißenborn würdigt das große ehrenamtliche Engagement von Christel Hoffmann: „Mitdenkend, mitfühlend, die theologischen Zusammenhänge ganz präsent: Ich habe Sie immer erlebt als jemanden, die Brücken bauen möchte zu unserem Glauben und zu dem, der uns allen Kraft und Hoffnung gibt. Sie haben die Gemeinschaft gesucht und gestärkt, vor allem die geistliche Gemeinschaft.“

•    Christel Hoffmann wird am 3. Februar um 19.30 Uhr im Lemppsaal des Blarer-Gemeindehauses ind Esslingen mit einem kleinen Empfang des Klosters für die Stadt verabschiedet.