24.06.19

Kirchenwahl

Gestaltungsmöglichkeiten: Im Kirchengemeinderat sind unterschiedliche Begabungen und Fähigkeiten gefragt.

Für evangelische Christen ist 2019 ein Superwahljahr. Nach Europa- und Kommunalwahlen ist am 1. Dezember Kirchenwahl. Rund zwei Millionen Wahlberechtigte sind aufgerufen, die Mitglieder ihrer Kirchengemeinderäte und der Landessynode zu wählen. In den 22 Kirchengemeinden des Evangelischen Kirchenbezirks Esslingen gilt es, rund 240 Kirchengemeinderäte zu bestimmen. Wählbar ist, wer am Wahltag das 18. Lebensjahr vollendet hat, zur Wahl gehen dürfen alle Mitglieder der Kirchengemeinden ab 14 Jahren.

Was motiviert Menschen, sich oft viele Jahre in den Leitungsgremien der Kirchengemeinden einzubringen? Drei scheidende Kirchengemeinderatsmitglieder beschreiben ihre Motivation.

Irmela Eiche

Seit 18 Jahren ist  Dr. Irmela Eiche Kirchengemeinderätin in Denkendorf, zwölf Jahre davon Vorsitzende des Gremiums. „Glauben kann man nicht alleine leben“, ist sie überzeugt. „Gemeinde vor Ort mitzugestalten und Verantwortung zu übernehmen, ist für mich reizvoll“, sagt die 65-jährige Allgemeinmedizinerin. Die Aufgaben und Gestaltungsmöglichkeiten der Kirchengemeinderäte sind vielfältig: Sie reichen von der Gestaltung des Zusammenlebens in der Gemeinde und der Gottesdienste über Finanzen, Bau- und Immobilienangelegenheiten bis hin zu Personalfragen. „Der Kirchengemeinderat hat zudem die wichtige Aufgabe, die verschiedenen Gruppen innerhalb der Gemeinde zu vernetzen und das Bewusstsein zu wecken, dass wir eine Gemeinde sind bei allen unterschiedlichen Prägungen“, sagt Irmela Eiche. Gerade Gemeinde zu gestalten, Gemeinschaft zu leben und die Beziehungsarbeit hätten sie persönlich sehr interessiert. Als Vorsitzende war sie zudem in der Vorbereitung und auch Leitung der Sitzungen und als Vertreterin in der Bezirkssynode, dem Leitungsgremium des Kirchenbezirks, gefragt. „Da bekam ich Einblicke über die eigene Gemeinde hinaus.“

Im Kirchengemeinderat könne sich jeder nach seinen Fähigkeiten und Gaben einbringen. Da sei es gut, wenn Menschen aus verschiedenen Fachgebieten oder Berufen im Gremium vertreten sind. „Wir sind ein sehr gutes Team zusammen mit den beiden Pfarrern“, betont sie. Dabei werde durchaus kontrovers diskutiert – vom Kirchenasyl über kindgerechte Gottesdienste, Familien- oder Seniorenarbeit bis hin zur aktuellen Frage der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare. „Wenn man fair miteinander umgeht und niemanden ausgrenzt, ist zu streiten eine positive Sache“, ist Eiche überzeugt. „Es gibt eine große Offenheit für Ideen, aber man muss natürlich auch bereit sein, sich dafür einzusetzen.“  Immer wieder überlege man gemeinsam, wie man der Gemeindearbeit neue Impulse geben könne und wo es Veränderungen brauche. So hat man in Denkendorf in diesem Jahr die Osterzeit ganz neu gestaltet. Theologisches Wissen sei hilfreich, aber nicht Voraussetzung, sagt die Tochter eines Pfarrers. „Entscheidend ist, dass einem der Glaube wichtig ist.“

Irmela Eiche macht Mut, für den Kirchengemeinderat zu kandidieren. Denn es sei wichtig, dass mit neuen Gesichtern auch neue Ideen ins Gremium getragen würden. „Es ist eine sehr bereichernde Aufgabe, man bekommt viele Einblicke in zahlreiche Bereiche, der Horizont erweitert sich und man entwickelt sich weiter.“

Katharina Weißenstein

Katharina Weißenstein war neu in der Esslinger Kirchengemeinde St. Bernhardt zum Hohenkreuz, als vor gut sechs Jahren die Anfrage kam, ob sie nicht für den Kirchengemeinderat kandidieren wolle. „Ich fand das eine tolle Gelegenheit, in die Gemeinde reinzuwachsen“, sagt die 49-jährige Lehrerin. „Ich übernehme gerne Verantwortung und hatte Lust, mit unterschiedlichen Menschen zusammenzuarbeiten.“

Natürlich habe sie sich am Anfang gefragt: „Kann ich das überhaupt?“ Schnell verflogen diese Zweifel. „Ich war überrascht, wie groß der Einfluss des Kirchengemeinderats ist. Es gibt viele Möglichkeiten, eigene Themen einzubringen und mitzubestimmen, welche Schwerpunkte in der Gemeinde gesetzt werden. Ich dachte anfangs, es sei viel mehr vorgegeben.“

Ihr selbst war es ein großes Anliegen, sich dafür einzusetzen, dass in der Gemeinde Vielfalt gelebt werden kann und sich die unterschiedlichsten Menschen dort beheimatet fühlen. „Diese Offenheit und Toleranz muss auch gegenüber Anders- und Nichtgläubigen spürbar werden und in den Stadtteil hineinstrahlen“, ist sie überzeugt. Daher hat sie ihre Schwerpunkte unter anderem im christlich-muslimischen Dialog, in der Asylarbeit und dem Kindergartenausschuss gesetzt. Als Religionspädagogin brachte sie zudem theologisches Fachwissen mit. „Das war oft hilfreich in Diskussionen mit Gemeindemitgliedern.“

Im Gremium werde selbstbewusst diskutiert – auf Augenhöhe mit der Pfarrerin und den beiden Pfarrern. Auch wenn man in der Gemeinde versuche, möglichst viele Menschen mit ihren Anliegen einzubeziehen, müsse man sich im Klaren sein, dass man es nicht allen rechtmachen könne. Katharina Weißenstein ist es wichtig, „Stimmungen zu erspüren und auch die leisen Stimmen zu hören“.

Konrad Steinbach

Auch Konrad Steinbach schaut mit 16 Jahren, davon 14 als Vorsitzender, auf eine lange Zeit als Kirchengemeinderat in Aichwald zurück. Kirchennah sei er schon immer gewesen, auch Mitglied einer christlichen Studentenverbindung, doch zu seinem Amt kam der heute 75-Jährige eher zufällig. Zunächst hatte er sich bei den Fundraising-Aktivitäten zur Renovierung der Aichelberger Kirche engagiert. Als danach die Anfrage kam, für den Kirchengemeinderat zu kandidieren, sei ihm dieser Schritt nicht schwergefallen.

Auch Steinbach gefällt, „dass man das kirchliche Leben mitgestalten kann“. Jeder könne seinen Schwerpunkt setzen, ob in Diakonie, Musik, Gottesdienstgestaltung, Finanzen, Bauen oder in der Begleitung der verschiedenen Gruppen und Kreise. Auch in Aichwald will man möglichst vielen unterschiedlichen Frömmigkeitsstilen eine geistliche Heimat bieten. Steinbach konnte vor allem in der Verwaltungsarbeit seine berufliche Führungserfahrung aus der Industrie einbringen. Zudem liege es ihm, Initiative zu ergreifen und Neues anzustoßen.

Auch er betont das breite Spektrum der Arbeit im Kirchengemeinderat: Erhalten, Planen, Weiterentwickeln, Akzente setzen und etwas in der Kirche ankurbeln sind seine Stichworte. Dazu gehörte in Aichwald nicht nur der Zusammenschluss der ursprünglich drei Kirchengemeinden sondern unter anderem der Aufbau einer Stiftung zum Erhalt der vier denkmalgeschützten Kirchen.

„Man braucht in den Gremien Kirchengemeinderäte mit Fachwissen – aber auch solche, die das Ohr an der Basis haben und den gesunden Menschenverstand einbringen“, umschreibt Konrad Steinbach, was ein Kirchengemeinderat mitbringen sollte. Für Steinbach ist wesentlich für eine gelingende Arbeit, „dass Pfarrer und Kirchengemeinderäte gerne im Team zusammenarbeiten“. Gerade diese konstruktive Teamarbeit habe ihm große Freude bereitet.

•    Wer sich für eine Kandidatur für den Kirchengemeinderat interessiert, wendet sich an seine Kirchengemeinde. Weitere Infos gibt es unter www.kirchenwahl.de