24.08.20

Gotthilf Schenkel

Prediger der sozialen Verantwortung: Theologen setzen Gotthilf Schenkel literarisches Denkmal.

Hans Norbert Janowski, Jörg Thierfelder, Günter Wagner (v.l.) mit dem Buch zu Gotthilf Schenkel

Lange Zeit war Gotthilf Schenkel nahezu vergessen. Zu Unrecht, finden Jörg Thierfelder, Hans Norbert Janowski und Günter Wagner. Die drei Theologen haben jetzt ein Buch über den Pfarrer, Freimaurer und Politiker geschrieben, der in Oberesslingen Pfarrer an der Martinskirche war und bis zu seinem Tod 1960 in Esslingen lebte: „Kirche – Sozialismus – Demokratie. Gotthilf Schenkel: Pfarrer, Religiöser Sozialist, Politiker“. Das im Kohlhammer-Verlag erschienene Werk zeigt die vielen Facetten des „Multitalents“.

Gotthilf Schenkel stellte sich schon früh gegen den Nationalsozialismus und war der erste evangelische Pfarrer in Württemberg, der im Dritten Reich seine Stelle verlor. 1951 wurde er erster „Kultminister“, wie die Kultusminister damals hießen, in Württemberg Baden und ab 1952 im neu gegründeten Land Baden-Württemberg.

Schenkel, so beschreibt ihn Janowski, „war enorm vielfältig, mit einer klaren Kontur, aber unendlich vielen Farben“. Das habe sie alle drei fasziniert. Zu Schenkels Persönlichkeit gehört sein Freimaurertum, das Thema seiner Dissertation war,  ebenso wie sein Eintreten für einen religiösen Sozialismus und die Demokratie. Auch als Schriftsteller trat er hervor - mit Schriften und Zeitungsbeiträgen zu aktuellen Fragen in Kirche und Gesellschaft, aber auch mit einer Biografie über Mahatma Gandhi, den er persönlich kennenlernte.

Der am 19. Juli 1889 in Indien geborene Missionarssohn Gotthilf Schenkel war ein kluger Kopf und schloss das Theologiestudium in Tübingen als bester seines Jahrgangs ab, erklärt Wagner. Eigentlich habe der promovierte Theologe von einer wissenschaftlichen Karriere geträumt, ergänzt Thierfelder.

Und er war schon früh ein politischer Kopf, trat 1919 in die Deutsche Demokratische Partei und 1928 in die SPD ein und engagierte sich im Bund der religiösen Sozialisten in Deutschland. Er forderte, dass der christliche Glaube sich im täglichen Leben, in der Gestaltung der gesellschaftlichen Verhältnisse niederschlagen müsse. „Schenkel plädierte für eine radikale sozialistische Reform der Kirche“, erklärt Janowski. Er sei der Meinung gewesen, dass die Kirche sowohl die Gebildeten verjage, als auch die Arbeiterschaft aus den Augen verloren habe. „Er sagte, dass Glaube sehr konkret mit dem Diesseits und nicht nur mit dem Jenseits zu tun hat“, betont Wagner. Er plädierte für ein praktisches, ethisches Christentum. Mit seinem Eintreten für soziale Gerechtigkeit und der Kritik an der „Mittelstandskirche“ stieß Schenkel in der Kirche nicht immer auf Gegenliebe. Denn Schenkel forderte eine Kirche, die sich an der Tat messen lassen und den Willen Gottes auf Erden umsetzen sollte. „Die Kirche rieb sich an Schenkel“, sagt Thierfelder. „Schenkel war für die Kirche schwer verdaulich. Er war als Liberaler ein Sozialist, aber auch nicht immer auf der erwarteten klaren Linie und deshalb schwer einzuordnen“, ergänzt Janowski.

1918 wurde Schenkel Pfarrer in der Arbeitergemeinde Zuffenhausen. Schon früh wandte er sich gegen den Nationalsozialismus, ohne sich der Bekennenden Kirche, der führenden Oppositionsbewegung evangelischer Christen, anzuschließen. Damit blieb er nicht nur hier ein Außenseiter und Einzelkämpfer, der sich immer wieder zwischen den Fronten wiederfand. Man habe mit dem Buch auch zeigen wollen, dass es im Widerstand gegen Hitler jenseits von Karl Barth und Bonhoeffer, die die Bekennende Kirche prägten, interessante Facetten gegeben habe, sagt Janowski. „An diese verdrängte Tradition wollen wir erinnern.“
In mehr als 100 Vorträgen warnte Schenkel vor dem Nationalsozialismus und kritisierte deren Antisemitismus. Nach dem Wahlsieg der Nazis 1933 wurde Schenkel kurzfristig verhaftet und als Pfarrer in Zuffenhausen entlassen. Für die Behauptung, dass Schenkel im KZ Heuberg gewesen sei, gebe es keine Belege und auch keine Hinweise von Schenkel selbst, sagt Thierfelder.

Doch die Landeskirche ließ Schenkel nicht fallen. Sie setzte ihn in Unterdeufstetten bei Crailsheim als sogenannten „Pfarrverweser“ ein. Obwohl der Ort, so Wagner, „ein typisches Nazidorf“ gewesen sei, kam Schenkel dort gut an. „Er äußerte sich nicht zu den Nazis, aber die Leute wussten, dass er anders denkt“, erklärt Thierfelder. Dass Schenkel in Unterdeufstetten relativ unbehelligt leben konnte, war auch der schützenden Hand von Landesbischof Theophil Wurm zu verdanken.

Wie ist der Glaube unter die Leute zu bringen? Dies habe sich Schenkel gefragt, sagt Wagner. Dabei kam ihm entgegen, dass er in verständlicher Weise über Glaubens- und Lebensfragen sprechen konnte. Er habe sowohl Arbeiter als auch Angehörige der gebildeten Schichten erreichen können. Zudem sei der Pfarrer nicht nur ein qualifizierter Wissenschaftler, sondern auch ein begabter Prediger gewesen. Als Mensch habe ihn wohl weniger „verbindlicher Charme“ ausgezeichnet, meint Wagner. „Er war kein Rattenfänger oder rhetorischer Charismatiker, aber er hatte Ausstrahlung und Persönlichkeit, jedoch wohl mehr durch Geschliffenheit und Klarheit, als durch mitreißende Begeisterung“, charakterisiert Janowski Schenkel. In seinen Gemeinden sei er beliebt gewesen wegen seiner Hilfsbereitschaft.

1947 erhielt Schenkel einen Lehrauftrag für Ethik und Allgemeine Religionswissenschaft an der Technischen Hochschule Stuttgart und bewarb sich daraufhin auf die Pfarrstelle an der Oberesslinger Martinskirche. Allerdings forderte der Kirchengemeinderat, dass weder seine parteipolitische Einstellung noch das Freimaurertum in seiner Tätigkeit als Pfarrer eine Rolle spiele dürfe. Schenkel hat sich daran gehalten. Er zog mit seiner Familie ins Pfarrhaus in der Keplerstraße, in dem sich heute das Hospiz Esslingen befindet und kniete sich voll in die Gemeindearbeit. Davon zeugen unzählige Besuche bei Gemeindemitgliedern. In Oberesslingen gründete er nicht nur einen Posaunenchor, sondern hielt auch die erste Goldene Konfirmation.

In Esslingen trat er der Freimaurer Loge „Zur Katharinenlinde“ bei und war einige Jahre sogar deren Vorsitzender („Meister vom Stuhl“). Und auch politisch hat sich der Theologe in Esslingen betätigt. Ab 1947 vertrat er die SPD Esslingen im Kreistag. 1951 trat er als „Kultminister“ in die Regierung von Reinhold Maier ein und war Vertreter Esslingens in der verfassungsgebenden Versammlung des Südweststaats und damit Landtagsabgeordneter. Dreimal holte er das Direktmandat für die SPD. Sein Nachfolger im Landtag war der spätere Sozialminister und VdK-Präsident Walter Hirrlinger. Nach seinem Ausscheiden als Kultusminister 1953 wurde er in den Esslinger Gemeinderat gewählt. Am 10. Dezember starb Gotthilf Schenkel an einem Herzinfarkt. Am Abend zuvor hatte er noch eine Vorstellung des „Wilhelm Tell“ in der Württembergischen Landesbühne besucht. An Schenkels Wohnhaus im Hölderlinweg erinnert heute eine Gedenktafel an ihn. Das Grab, in dem er und seine Frau Käthe bestattet sind, liegt ganz in der Nähe auf dem Ebershaldenfriedhof. 2014 benannte die Stadt Esslingen einen zuvor namenlosen Weg beim Friedhof nach Gotthilf Schenkel.


Jörg Thierfelder (82), evangelischer Pfarrer, promovierter Kirchenhistoriker und Religionspädagoge, war unter anderem Professor an der Pädagogischen Hochschule und der Universität Heidelberg. Er hat zahlreiche Werke unter anderem zur Rolle der Kirche im Nationalsozialismus veröffentlicht. Thierfelder lebt in Denkendorf.

Hans Norbert Janowski (82), evangelischer Theologe und Journalist. Er leitete er als Geschäftsführer das Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik, die zentrale Medieneinrichtung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und war zugleich deren Rundfunkbeauftragter. Janowski lebt in Esslingen.

Günter Wagner (78), evangelischer Theologe, war unter anderem evangelischer Jugendpfarrer in Esslingen, später Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Esslingen-Berkheim.