25.10.19

Dialog

Christlich-jüdische Gesprächsabende mit Sarah Brukner in Deizisau und Esslingen.

Johanna und Bernhard Fischle, Johannes Merker, Iris Schweikert und Enno Knospe (v.l.) im Wohnzimmer der Fischles in ES-Hohenkreuz.

Wieviel wissen Christen und Juden voneinander und vom jeweiligen Verständnis der Bibel? Trotz etlicher christlich-jüdischer Begegnungen in den Gemeinden des Evangelischen Kirchenbezirks nicht genug, meinen Gudrun Holtz und Enno Knospe. Holtz ist Pfarrerin in Deizisau, Knospe Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde St. Bernhardt zum Hohenkreuz. Zwei christlich-jüdische Gesprächsabende sollen dies ändern. Sie finden am 6. November in Deizisau und am 7. November in Esslingen statt. Die jüdische Tora-Lehrerin Sarah Brukner engagiert sich im christlich-jüdischen Gespräch der Württembergischen Landeskirche und wird an den beiden Abenden über das Thema „Familienkonflikt im Hause Jakob“ sprechen. Zusätzlich zu ihrem Vortrag sollen die Teilnehmenden ins Gespräch kommen. „Wir haben einen Teil der Heiligen Schrift gemeinsam, zum Beispiel die fünf Bücher Mose, die die Tora ausmachen“, erklärt Knospe. Er ist gespannt, wie die Jüdin Sarah Bruckner den biblischen Text auslegen wird.

Angestoßen wurde der Esslinger Abend von Johanna und Bernhard Fischle. Das Ehepaar lebt seit Jahren in Esslingen-Hohenkreuz und ist Mitglied eines Hauskreises, der sich auch Texten des Alten Testaments, der Heiligen Schrift der Juden widmet. Eng verbunden sind sie auch dem Denkendorfer Kreis für christlich-jüdische Begegnung e.V.. Das Interesse am Judentum wurde bei Johanna Fischle vor fast 40 Jahren auf einer Israelreise geweckt. „Ich habe Feuer gefangen für die Art, wie das Judentum mit der Bibel umgeht“, erzählt sie. Waren doch ihre eigenen Erfahrungen ganz andere. „Wir Christen sind eher geneigt zu interpretieren, während die Juden den Text als solches wahrnehmen.“ Die Reise gab ihr nicht nur den Impuls, Hebräisch zu lernen. Sie kam dadurch auch in Kontakt mit Einrichtungen des modernen Judentums und gewann die Überzeugung: „Das Miteinander muss von unten aufgebaut werden, durch das Gespräch miteinander.“

Rasch knüpfte sie Verbindungen zum Denkendorfer Kreis, der zu einer Zeit entstand, als im Kloster Denkendorf das landeskirchliche Pfarramt für das Gespräch zwischen Christen und Juden angesiedelt war, das heute in Bad Boll beheimatet ist. Kloster Denkendorf gilt als Wiege des christlich-jüdischen Gesprächs in der Württembergischen Landeskirche. Zu dieser Zeit lebten Johanna und Bernhard Fischle bei Pforzheim und sie wurde Mitbegründerin des Freundeskreises Kirche und Israel in Baden, dem badischen Äquivalent zum Denkendorfer Kreis. Seither beschäftigt sich das Ehepaar intensiv mit den jüdischen Texten. „Man wird nachdenklicher und auch kritischer“, sagt Johanna Fischle. Sie begeisterte sich für das Alte Testament und die Art und Weise, wie sich das Judentum mit dem Wort Gottes auseinandersetzt. Heute sieht sie sich als Verbindungsglied zwischen den Religionen. Auch Johannes Merker aus Deizisau, Mitglied im Denkendorfer Kreis, findet es wichtig, in der eigenen Kirche zu bleiben und sich in christlich-jüdischen Begegnungsabenden und Israelreisen zu engagieren. „Wir dürfen nicht vergessen, dass Jesus Jude war.“

Iris Schweikert, Gemeindemitglied der Evangelischen Kirche St. Bernhardt zum Hohenkreuz, arbeitet als Sozialpädagogin bei der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs und ist damit auch für die Esslinger Synagoge zuständig. Sie sieht ermutigende Signale des gegenseitigen Verständnisses. „Die Mahnwache nach dem Anschlag in Halle und die Solidarität, die sich darin zeigte, war für die jüdische Gemeinde sehr wichtig. Das kommt nicht aus dem Nichts und zeigt, dass es bereits einen sehr guten Dialog in Esslingen gibt.“ Im Jubiläumsjahr der Synagoge, die in diesem Jahr 200 Jahre alt wird, zeige sich ein großes Interesse der Esslinger am Judentum. Auch Knospe hält die Synagoge für eine wichtige und besondere Möglichkeit der Begegnung zwischen Christen und Juden. Merker allerdings wünscht sich, dass dieser Dialog zur Selbstverständlichkeit in unseren Gemeinden wird. Noch sei das nicht so. Vor allem die jüngeren Christen erreiche man nicht ausreichend. „Doch wenn Anstöße zur Begegnung kommen, werden diese in den Gemeinden aufgenommen.“ In Deizisau versuche man seit einiger Zeit, Jugendlichen das Judentum näher zu bringen, berichtet Gudrun Holtz. Beide Konfirmandengruppen waren im Frühjahr bei einer Synagogenführung in Esslingen und Sarah Brukner wird bei ihrem jetzigen Besuch im Konfirmandenunterricht Fragen zum Judentum beantworten.

Merker ist froh, „dass es immer wieder neue Anläufe gibt“. In Deizisau hat der Kirchengemeinderat beschlossen, einmal pro Jahr zu einem Tora-Lernabend einzuladen. Sarah Brukner kommt bereits zum zweiten Mal. „Wir wünschen uns, dass dieser Dialog seinen natürlichen Platz in den Gemeinden bekommt“, sagt Merker. „Wir gehen von derselben Grundbotschaft aus“, weiß Johanna Fischle. Dennoch  seien christlich-jüdische Begegnungen nicht immer ganz einfach. Schweikert vermutet, dass  dies auch daran  liegen könnte, da  einige Christen die Begegnung in missionarischer Absicht suchen. „Es geht um ein möglichst gutes Miteinander und nicht um Mission“, erklärt Fischle.

•    Die beiden Gesprächsabende zum Thema „Familienkonflikt im Hause Jakob - Lernen in der hebräischen Bibel“ mit Sarah Brukner finden am Mittwoch, 6. November 2019, im Evangelischen Gemeindehaus Deizisau, Kirchstraße 4a, und am Donnerstag, 7. November, im Gemeindezentrum Hainbachtal Esslingen, Alte Talstraße 52, statt. Beginn ist jeweils um 19.30 Uhr. Der Eintritt ist frei. Interessierte können ihre eigene Bibel mitbringen.